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Portugiesisch: Eine globale Sprache mit lokalen Ausprägungen

Foto CPLP © Ministério das Relações Exteriores

In „allen Ecken der Welt” wird Portugiesisch gesprochen. Die Sprache ist auf den fünf Kontinenten anzutreffen und steht an der vierten Stelle der meistgesprochenen Muttersprachen der Welt, laut Camões – Instituto da Cooperação e da Língua. Sowohl in den sozialen Netzwerken, in denen das Portugiesische sehr präsent ist und den fünften Platz der meistgenutzten Sprachen einnimmt (Facebook und Twitter), als auch im Rahmen des vielfältigen linguistischen Austauschs, in dem die portugiesischsprachige Gemeinschaft tagtäglich lebt, träumt und liebt, erfreut sich die portugiesische Sprache bester Gesundheit… Und wird wärmstens empfohlen!

In Deutschland treffen wir das Portugiesische vor allem in drei Ausprägungen an: als Muttersprache, als Fremdsprache und als Herkunftssprache. Jede dieser drei Ausprägungen charakterisiert unterschiedliche Aspekte der Vitalität des Portugiesischen, wie wir gleich sehen werden.

Portugiesisch als Muttersprache und die Interkomprehension zwischen den romanischen Sprachen

Die portugiesische Sprache wird von circa 200 Millionen Sprechern in acht Ländern als ihre Muttersprache bezeichnet (http://www.ethnologue.com/): in Angola, in Brasilien, auf den kapverdischen Inseln, in Guinea-Bissau, in Mosambik, in Portugal, auf São Tomé und Príncipe sowie in Osttimor. Durch die Geschichte der Seefahrt, die sich in Europa am dem 15. Jahrhundert entwickelte und von Portugal initiiert wurde, erlangte die portugiesische Sprache eine Lebendigkeit, die sich nur durch das Beziehungsgeflecht erklären lässt, das sie mit den Sprachen einging, mit denen sie in Kontakt trat und die ihr sprachliches Erbe vor allem auf lexikalischer Ebene erheblich bereicherten. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über einige lexikalische Unterschiede zwischen den verschiedenen Varietäten des Portugiesischen (sowie deren Übersetzung ins Deutsche):

Tabelle 1. Die unterschiedlichen lexikalischen Realisierungen zwischen den Varietäten des Portugiesischen (und Übersetzung ins Deutsche).

Und mehr noch: Das Portugiesische und seine Geschwister – das Französische und das Spanische – entwickelten ihren lateinischen Ursprung zu einer der schillerndsten Figuren in der Alltagskommunikation: Durch sie wird die Interkomprehension zwischen den romanischen Sprachen (zu denen noch das Italienische, das Rumänische, das Katalanische und eine Reihe anderer Sprachen und Dialekte zählen) und zwischen 430 Millionen Menschen auf dem gesamten Planeten – das entspricht 8 % der Weltbevölkerung – ermöglicht (ebenfalls Daten aus Ethnologue). In der nachfolgenden Tabelle werden einige Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen romanischen Sprachen verdeutlicht:

Tabelle 2. Die lexikalische Vertrautheit zwischen den romanischen Sprachen (und deutsche Übersetzung).

Etwas provozierend ließe sich behaupten, dass das Lateinische dank des Portugiesischen und der übrigen Sprachen zu einer der lebendigsten Sprachen der Welt geworden ist. Die Sprache ist auch in deutschen Lehrplänen noch immer sehr lebendig.

Portugiesisch als Herkunftssprache in Deutschland

Das Portugiesische ist die identitätsstiftende Sprache einer Immigrantengemeinde, die sich Ende 2012 unter den 15 sichtbarsten Gemeinden in diesem Land befand:

Tabelle 3. Die größten Immigrantengemeinden in Deutschland Ende des Jahres 2012 (Quelle: Statistisches Bundesamt, in http://de.statista.com)

Spricht man von Herkunftssprache impliziert dies gleichzeitig einen Blick auf das Thema Immigration. Somit handelt es sich bei der Herkunftssprache um die Sprache, die in der Familie und in der Herkunftsgemeinde innerhalb eines Umfelds mit einer dominierenden Mehrheitssprache erworben wird – in unserem Fall dem Deutschen. Somit ist das Portugiesische als Herkunftssprache eine Sprache, die in und vom Kontakt mit dem Deutschen lebt, was die Kinder und Jugendlichen – und später Erwachsenen – mit einer der größten und wertvollsten Fähigkeiten für das Leben ausstattet: der Zweisprachigkeit. Derzeit wird in allen Bundesländern Deutschlands Unterricht für Portugiesisch als Herkunftssprache angeboten, wobei Hamburg eine herausragende Rolle einnimmt, da die Stadt auf eine lange Geschichte der Aufnahme portugiesischer Einwanderer zurückblickt. In Hamburg sowie in Berlin bilden die Projekte für eine zweisprachige Bildung (in denen der Unterricht zwischen den beiden Sprachen aufgeteilt wird) einen Treffpunkt für Kinder, die Portugiesisch als Herkunftssprache erwerben und Kinder, die Portugiesisch als Fremdsprache erwerben (in diesem Fall sind die Kinder deutscher oder anderer Herkunft).

Worin unterscheidet sich die Herkunftssprache von einer Fremdsprache? Wenn ein Sprecher mit Portugiesisch als Herkunftssprache in der Schule mit dem Portugiesischunterricht beginnt, beherrscht er die Sprache in der Regel bereits relativ gut: Er versteht sie und kann sich mündlich ausdrücken. Die einen haben dabei mehr und die anderen weniger Schwierigkeiten, je nachdem wie intensiv bisher der Kontakt zu der Sprache war, welcher meist im Schoß der Familie stattfindet. Dieser Schüler hat in der Regel größere Schwierigkeiten beim Schreiben. Er ist ein kreativer Schüler, der seine Kenntnisse in beiden Sprachen (in unserem Fall des Portugiesischen und des Deutschen) nutzt, um seine sprachlichen und interpretativen Muster zu bereichern. Es gibt keinen Sprecher, der besser dazu in der Lage wäre, die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Portugiesischen zu erläutern: die Genera, von denen es im Deutschen drei gibt und im Portugiesischen zwei; die Wörter, die man im Deutschen aneinanderreiht, anstelle der verketteten Beziehungen zwischen den Wörtern im Portugiesischen; die typischen Klänge des Deutschen und des Portugiesischen (und die vielen Realisierungen des „ch“ in beiden Sprachen!), die diese Sprecher ohne Schwierigkeiten unterscheiden können und die sich für einen erwachsenen Schüler als wahre „phonetische (und frenetische!) Schlachtrösser“ erweisen. Auch die nasalen Vokale sind für einen herkunftssprachlichen Sprecher kein Thema: Versuchen Sie bloß einmal „Guimarães”, „galão”, „irmãs”, „feijões” und „mãos” auszusprechen, um zu wissen, was wir meinen!

Die portugiesische Sprache als Fremdsprache in Deutschland

Die portugiesische Sprache befindet sich auch an den deutschen Universitäten auf dem Vormarsch. Wir sprechen hier von „Universitäten”, da sich ihre Präsenz auf dieser Bildungsstufe am deutlichsten zeigt. Das Portugiesische ist in deutschen Schulen auf wenigen Lehrplänen zu finden und somit ist auch seine Sichtbarkeit in dieser Welt stark eingeschränkt (mit einigen wertvollen und anerkennenswerten Ausnahmen wie dem Max-Planck-Gymnasium in Dortmund, um nur eine zu nennen).

An den Universitäten hingegen gibt es romanistische Institute mit einer erstaunlichen Vielfalt und Vitalität, in denen das Portugiesische in Lehrstühlen für Sprache, Linguistik, Kultur, Geschichte und Literatur anzutreffen ist. Dort wird die Freude am „galão” und am „pastel de nata” sowie am „caipirinha” und „picanha” geweckt und verbreitet. In diesen Fakultäten für Sprachen und Kulturen lebt der Bossa Nova mit dem Fado und dem Morna unter einem Dach. Dort liest man Pepetela und Odjaki, Chiziane und Mia Couto, Camões e Saramago, Jorge Amado und Carlos Drummond de Andrade. Was hier in diesem Umfeld jedoch fehlt, ist die schulische Komponente, mit der die portugiesische Sprache einen besseren Eingang auch in diese Bildungsstufe erhalten könnte: Die Didaktik des Portugiesischen zur Ausbildung von Lehrern für diese Sprache, die vom deutschen Schulsystem anerkannt werden. Diese Lehrer könnten unseres Erachtens die großen Multiplikatoren des Portugiesischen in Deutschland sein. Als große Epizentren für portugiesische und lusophone Studien sind unter anderem die Universitäten von (in alphabetischer Reihenfolge) Berlin (hier gibt es einige), Köln, Hamburg, Leipzig und Mainz zu nennen. Im Bereich Dolmetschen und Übersetzen genießen Germersheim und Heidelberg weiterhin einen hervorragenden Ruf.

Warum studieren deutsche Studenten diese Sprache? Was zieht sie an? Zunächst lässt sich sagen, dass deutsche Studenten pragmatisch sind. Es gibt zwei wesentliche Gründe, Portugiesisch zu wählen: Einerseits wird der Erwerb als relativ einfach empfunden, wenn sie zuvor bereits andere romanische Sprachen gelernt haben (in der Regel Spanisch); andererseits lockt sie die verführerische Aussicht auf eine berufliche Zukunft, die durch Auslandserfahrungen in Ländern wie Brasilien oder Angola bereichert wurde. Neben diesem Pragmatismus gibt es auch Fälle von „Liebe auf den ersten Blick”. Für die lusophonen Länder, ihre interkulturelle Vitalität… Und für ihre Sprecher! Die Sonne ist natürlich auch ein hervorragendes Argument.

 

Silvia Melo-Pfeifer


Berlin, 10. Juni 2014


Universidade de Hamburgo (Alemanha) & CIDTFF – Universidade de Aveiro (Portugal)


Von Debra Schilling aus dem portugiesisch übersetzt.

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Sílvia Melo-Pfeifer

Wurde 1977 in Águeda, Portugal geboren. Nach dem Studium in Pädagogik der Portugiesischen und Französischen Sprache an der Universidade de Aveiro schloss sie ihre Promotion in Sprachendidaktik ab. Von 2010 bis 2013 war sie Bildungsattachée/ Leiterin der Abteilung für das Schulwesen (Botschaft von Portugal in Berlin). Ihr Schwerpunkt liegt an der Forschung im Bereich Linguistik, Fremdsprachen und Muttersprachendidaktik. Seit 2014 ist sie Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin für „Er­zie­hungs­wis­sen­schaft unter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der Di­dak­tik der ro­ma­ni­schen Spra­chen, Schwer­punkt Fran­zö­sisch oder Spa­nisch“ an der Fa­kul­tät für Er­zie­hungs­wis­sen­schaft der Universität Hamburg.

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