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Weihnachtsmärkte und andere Geschichten!

Cristina Dangerfield-Vogt

Fotos:  Weihnachtsmarkt in Alexanderplatz. Carroussel in Alexanderplatz © Berlinda.org

In diesem Jahr gibt es circa 60 Weihnachtsmärkte in Berlin. Insbesondere möchte ich den Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg und auch den großen Weihnachtsmarkt im westlichen Zentrum der Stadt, auf dem Ku’damm, um die Gedächtniskirche herum, erwähnen. Doch die beliebtesten und am meisten von Touristen besuchten sind die im östlichen Zentrum Berlins, also in Berlin-Mitte. Dorthin begebe ich mich.

 

Mit seinen allegorischen, an deutschen Volksmärchen und Väterchen Frost angelehnten Darstellungen und seinen Nussknackern in allen Größen und Varianten ist der Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz, von Alfred Döblin in seinem Roman gleichen Namens aus dem Jahr 1929 verewigt, der beliebteste unter ihnen. Zwischen Rotem Rathaus und Neptunbrunnen hat man, ziemlich unmotiviert, ein paar Buden und einen riesigen, beleuchteten Weihnachtsbaum aufgebaut. Ich gehe an den erst kürzlich restaurierten Statuen von Marx und Engels vorbei, die beide ernst und  kritisch auf das Konsumfest zu blicken scheinen. Ich überquere die Spree und erreiche schließlich den traditionellen, nostalgischen und berühmten Weihnachtsmarkt an der Staatsoper und am Schlossplatz dieser Allee, welcher dieses Jahr 20 Jahre alt wird.

Ich tauche ein in den weihnachtlichen Trubel, ich laufe durch die von bayrischen Häuschen gesäumten Straßen und erlebe die Gerüche und eine Luft, die nach Ingwer und anderen Gewürzen duftet. Neben mir vertiefen sich Kinder in die unschuldige Wonne der um einen Stöckchen gewickelten Zuckerwatte. Sie halten die Süßigkeit mit ihren kleinen behandschuhten Händchen fest und spitzen und krümmen ihre Mündchen, in dem Versuch, die unordentlichen Fäden der Süßigkeit zu erwischen. Ihre rosa Gesichter strahlen vor Zufriedenheit und ihre Augen spiegeln das Licht und die für diese Zeit typische Hoffnung wieder. Mit eisigen Füßen und einem Becher Glühwein in der Hand, mit der Nase in der Luft, den Gerüchen von gegrillten, angebrutzelten Würsten nachspürend, versuche ich zu entscheiden, in welche Richtung ich in diesem Labyrinth aus Buden und Ständen, waagrechten und senkrechten Fahrgeschäften weiter gehen soll, als mir plötzlich vor Schreck der Glühwein fast aus der Hand fällt. Über uns gleitet ein Weihnachtsmann vorbei, sein Wagen wird von Rentieren gezogen. Zusammen mit der kondensierten, ausgeatmeten Luft kommen aus den offenen Mündern lauter oooooooooohhhhhhhs. Wie an einer Seilbahn und von Feuerwerksraketen angetrieben, überquert der Weihnachtsmann die Straße Unter den Linden, vom Deutschen Historischen Museum hinüber zur Staatsoper und dort bleibt er dann in der Schwebe stehen und blickt uns an, lächelt und winkt.

Der Weihnachtsmarkt an der Oper ist sehr schön, mit seinen Holzhütten im Stil der vergangenen Jahrhunderte. Im eisigen Wind tanzen die hängenden Lebkuchenherzen. Nicht fehlen darf auch das Schokoladenhäuschen von Hänsel und Gretel, in allen Größen und für alle Geschmäcker und immer definitiv kitschig. In den weißen Hütten, besetzt mit frierenden Verkäufern, sind neben internationalen Waren viele Gegenstände deutscher Handwerkskunst ausgestellt. Es wird von allem etwas verkauft: T-Shirts, Wollsocken und -handschuhe, Hausschuhe und Lammfelle, Filzhüte mit verschiedenen Farben und Formen und noch viel mehr. Omnipräsent sind die Musiker, die mit ihren Flöten Weihnachtslieder aus den Anden spielen.

Um den Markt herum, sozusagen als Hintergrund, wie ein Bühnenbild, stehen die historischen Gebäude der historischsten Allee der Stadt. Ich stolpere oft hinein in das Zögern der unzähligen Touristen aus der ganzen Welt, welche mit Kameras bewaffnet und mit schwungvollen Bewegungen nach rechts und links zeigen, zum Berliner Himmel oder etwa auf einen Stolperstein, der uns von der jüdischen, längst vergangenen Zeit des Viertels erzählt. Ich trete auf die unsichtbaren Füße dieser Besucher, die sich in unerwarteter Begeisterung umdrehen und zurücklaufen, um das bereits Gesehene erneut zu sehen, diese Besucher, die an Strandpuppentheater erinnern, die ob ihrer Verwunderung ganz durcheinander sind und eine lustige Babelsprache plappern. 

Trotz der Tradition der Weihnachtsmärkte und der Vorweihnachtszeit, das heisst, des Advents, entdecke ich in der Nähe, am Hackeschen Markt, eine andere Art von Weihnachtsmarkt – den der Trendmafia. Es handelt sich um einen Markt für alternatives Design, für das was man auf Englisch „Street Fashion“ nennen könnte. Gleich am Eingang werde ich von jungen Menschen begrüßt, die in schreienden Farben angezogen sind, ihre Körper und die Worte zum Klang der Musik hin und her werfen, dabei ihre auffällig geschminkten Gesichter verzerren und lächeln. Das Ganze erinnert an einen Trödelmarkt – eine Art moderne deutsche Feira-da-Ladra (Lissaboner Trödelmarkt). Einige der Stände sind wirklich interessant und bieten vor allem sehr originelle Kleider und Handwerkskunst. Eine Designerin, mit der ich sprach, stellt die Kleider eigens für dieses eine Event her. „Ich schneidere Kleider, die sich an die Körper anpassen und keine Kleider, die verlangen, dass sich die Körper ihnen anpassen“, sagte sie mir. Ein anderer Stand, mit an Garderoben-Kleiderbügeln hängenden Kleidern, gehörte einer Stilistin mit alternativ aussehendem Ohrring, die einen Laden in Prenzlauer Berg besitzt.  Dieser Markt ist nur in der Adventszeit offen. Seine Originalität und exzentrische Farbigkeit macht einen Besuch lohnenswert.

Vom Giftmischer der Weihnachtsmärkte keine Spur. Aber ich habe auch keinen Schnaps von Fremden angenommen, nicht einmal vom Weihnachtsmann. Für diejenigen, die die Geschichte nicht kennen: es soll jemanden geben, der mit dem Vorwand, die Geburt eines Kindes feiern zu wollen, ahnungslosen Besuchern Schnaps anbietet, dem er vorher heimtückisch K.O.-Tropfen zugesetzt hat. Die Opfer fühlen sich anschließend unwohl und verlieren unter Umständen das Bewusstsein. Laut Polizei wurden seit vergangenem Mittwoch schon zehn angebliche Fälle angezeigt. Diese Droge setzt sich aus 30 verschiedenen Substanzen zusammen und wird oft von Vergewaltigern eingesetzt. Der Verwalter des Weihnachtsmarktes am „Alexa“ hat 1000 Euro zur Belohnung für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen, ausgesetzt.

Und nun? Wir warten alle auf unseren Weihnachtsmann und auf unser Silvester mit seinen Raketen, die voller Hoffnung auf das neue Jahr in die Luft gehen. Und dann? Dann besingen wir den Januar und akzeptieren, dass das Lichterfest zu Ende gegangen ist, dass der Winter streng wird und dass uns ein noch weit entfernter Frühling am Ende des Wintertunnels zulächelt.

Von Berlin aus wünsche ich allen ein Frohes Fest! 

Veröffentlicht in der Portugal Post.

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Cristina Dangerfield-Vogt

Cristina Dangerfield-Vogt ist Journalistin und Autorin. Sie war Übersetzerin und Dolmetscherin bei Scotland Yard und Prüferin für das Chartered Institute of Translators and Interpreters London. Sie ist Chartered Member des MCITI, von dem sie den Dip. Trans. hat. Sie beendete 2007 ihre übersetzerische Tätigkeit, um sich ganz der Schriftstellerei und dem Journalismus zu widmen. 2009 publizierte sie unter dem Pseudonym Cristina Vogt-da Silva das Buch „Ein Jahr in Tel Aviv“. Ihr Ziel ist es, so weit wie möglich zum Dialog und die Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen beizutragen. Sie ist Mitglied der Pressegruppe des Forums für Interkulturellen Dialog Berlin. Sie lebte in London, in der Türkei und in Tel Aviv. Sie spricht fließend portugiesisch, französisch, englisch, deutsch, türkisch und hebräisch. Gegenwärtig lebt sie in Berlin und schreibt für die Portugal Post. 

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