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Geben Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit - José Eduardo Agualusa

Foto: Agualusa und Michael-Kegler © Berlinda

Ich fand ihn sofort irgendwie unwirklich. Er war Albino, und zwar derart albino, dass er fast leuchtete. Ich glaube, er war ein Albino-Albino. Sein stoppeliges Kraushaar umgab seinen breiten Seekuhschädel mit einer wundersamen Aura.

 

Dick war er, aber nicht aufgeschwemmt und hatte ein paar zarte, winzige Witwenhändchen, die, wenn er redete,  unkontrolliert und unmotiviert herumfuchtelten. Seine Augen belauerten mich. Eines der Augen war auf die eine Tür gerichtet, das andere auf die gegenüberliegende Tür, doch in Wirklichkeit schauten beide, wie ich schnell herausfand, nur auf mich. Die Haut an seinem Hals war runzelig, rau, purpurfarben und erinnerte an die eines Dickhäuters.

 

Nackt, vollkommen nackt, liefe er sicher Gefahr, mit einem rosa Elefanten verwechselt zu werden. Vielleicht war er deswegen immer so dick angezogen. Selbst dort, im Chega de Saudade, einer der belebtesten Bars in Mitte, unter tropikalisierten Deutschen und einigen echten bahianischen Capoeiristas, also selbst dort, wo er selbst sagte, dass er fast keine Luft mehr bekam, steckte er in einem dunkelblauen Anzug, einem gestreiften Schlips und Lackschuhen. Neben ihm saß ein finsterer Typ. Der war es, der mich ansprach: »Ich erinnere mich nur ganz vage«, sagte er und intonierte mit klarer Stimme die perfekte Diktion eines Caetano Veloso: »Correndo você vinha quando de repente, seu sorriso, que era muito branco, me encontrou.« Ich dachte, er sei betrunken.

 

Der Albino lachte laut auf: »Lass dich nicht täuschen«, warnte er. »Mein Freund ist Deutscher. Er versteht kein einziges Wort Portugiesisch. Aber er kann alle Bossa-Nova Hits auswendig …«


Er deutete auf einen Stuhl und bat mich Platz zu nehmen. Er sagte, er sei Angolaner und habe den anderen schon vor fünfzehn Jahren kennen gelernt, als Student der sozialistischen Ökonomie in Berlin, in der verblichenen Deutschen Demokratischen Republik.

 

Er seufzte:
»Hier, wo wir gerade sind, in diesem Stadtteil, war gar nichts.« Und er seufzte noch tiefer und ich spürte, dass er sich zurücksehnte nach dieser Zeit: »Alles dunkel!«


Diese perverse Sehnsucht nach Dunkelheit ist verbreiteter als man glaubt unter den Deutschen aus dem kommunistischen Teil. Wir sprachen darüber. Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer sei er nach Luanda zurückgekehrt, sagte der Albino. Wir beklagten das Elend in unserem Land. Schließlich fragte ich ihn, was er denn in Angola tue. Er reichte mir eine Visitenkarte. Ich las:

 

Prodígio Cláudio          

Geben Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit
                
»Ich mache in Vergangenheit«, sagte er mir mit ernstem Gesicht. »Die Vergangenheit ist, zumindest in Angola, ein Geschäft mit Zukunft.«


Ich wunderte mich:
»Sie sind Historiker?«


»Historiker? Nein, ich erforsche nicht die Vergangenheit, ich verkaufe sie …«
 

»Wie bitte?«
               

»Ja mein Herr, ich verkaufe sie. Meine Klienten sind Leute mit Geld. Ihre Zukunft ist gesichert, was ihnen fehlt, ist Vergangenheit. Und wonach sehnt sich eine Neureicher am meisten?«
               

Bei der Frage schaute er aufmerksam in Richtung der beiden Türen, also auf mich, und wartete auf eine Antwort. Es ist nicht leicht, sich mit jemandem zu unterhalten, der in zwei Richtungen gleichzeitig zu schauen scheint und in Wirklichkeit nur einen selbst mustert. Dies und die flatternden Händchen, die unglaubliche Helligkeit seines Gesichts, das alles beunruhigte mich.
             

 »Wie bitte?«
               

»Danach, immer schon reich gewesen zu sein, Alter. Schon in goldenen Bettchen geboren zu sein. Pergamente …«


               

Der Deutsche fiel ihm ins Wort.
               

»Wir arbeiten hart, das ganze Jahr über, um einen Moment lang zu träumen«, sagte er. »Uns zu verkleiden, als König, Pirat oder Gärtnerin. Und am Aschermittwoch ist alles vorbei.«
               

Prodígio Cláudio überhörte ihn:
              

»Ich verkaufe meinen Klienten eine nagelneue Vergangenheit. Stelle ihnen einen Stammbaum zusammen, gebe ihnen Fotografien von Großeltern und Urgroßeltern, feinen Leuten, und die dazugehörige Biographie. Nichts wird dem Zufall überlassen.«
               

Nur einmal hätte er Probleme bekommen, erzählte er. Nachdem er einem General – einem Typen aus einfachen Verhältnissen, der im Diamantenschmuggel reich geworden war – ein Ölgemälde von Frederick Douglass verkauft habe. Mit seinem üppigen weißen Haar und seiner aristokratischen Haltung konnte der berühmte afro-amerikanische Held, der im 19. Jahrhundert mit mächtigen Reden gegen die Sklaverei zu Ruhm gelangt war, leicht auch einen wundervollen luandenser Urgroßvater abgeben. Eines Tages jedoch hatte der General Besuch von einem amerikanischen Unternehmer bekommen.
               

»Das hier«, hatte der General stolz erklärt, und auf das Bild gezeigt, »ist mein Urgroßvater. Ein reicher Sklavenhändler.«
               

Prodígio lachte, als er sich daran erinnerte:
               

„Der Amerikaner ist wütend geworden auf den General, und ich wäre beinahe erschossen worden!«
               

Der Deutsche nutzte die Gesprächspause, und hob sein Glas.
               

»Chega de Saudade!«, verkündete er. »Die Realität. Ohne sie ist kein Frieden, keine Schönheit. Nur Traurigkeit und die Melancholie, die mich nicht loslässt. Mich nicht loslässt, mich nicht lässt.«
               

Für jemanden, der kein Wort Portugiesisch sprach, lag er erstaunlich richtig.
                
               

Text: José Eduardo Agualusa     

Mit besonderem Dank an Michael Kegler für die Übersetzung ins Deutsche.
                
               

José Eduardo Agualusa lebte in Berlin zwischen 2000 und 2001. In dieser Stadt hat er zwei Texte geschrieben, die seine Berliner Erfahrungen schildern. Einer davon - „Geben Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit“ - war der Ausgangspunkt für seinen Roman „Das Lachen des Geckos“.

 

Im Interview für Berlinda erzählt der Autor über seine Zeit in Berlin.

 

  

 
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