MAGAZIN

Utopie: Ein Magazin macht sich auf, die Vorstellungswelten der Utopie zu reanimieren

Foto: Utopie Magazin. © Berlinda.org

Paul Valéry sagte einmal, dass er die Lektüre nähme wie ein Jäger den Wald nimmt. Er ließe seine Augen über den Text wandern, zwischen dem Gewirr der Zeilen, zwischen Busch und Laub, und wenn er etwas interessantes sähe, hielte er inne und es stockte ihm der Atem. Ist es noch möglich, dem Leser den Atem stocken zu lassen, wenn die Schrift gestorben ist? Oder ist nicht der Untergang der Schrift das Symptom eines größeren Unterganges, des Verfalls einer ganzen Weise zu handeln und zu denken, der Verfall von “Geschichte” und sogar von “Politik”?

Die Utopie hat keine binäre Beziehung mit der Realität, sie ist kein Kompromiss zwischen unmöglich/möglich. Vorher ist sie eine unkontrollierbare Kraft, die unserer prekären und wechselhaften Realität innewohnt. In diesem Sinne betonen wir, bevor wir die Utopie als den Plan einer Zukunft vorschlagen, als TOPOI, die der Materialisierung bedürfen, die prozesshafte Tugend ihrer Vergegenwärtigung im Geiste – hier IN uns, dieser Alchemie, die die Summe von Seele, Geist, Verstand, Körper, Sinnen, Haut, Eingeweiden überschreitet -, alseinen permanenten Angriff auf die Realität.

Für eine bestimmte abtrünnige Denkart, eine Denkart, die wir als die poetische Denkart bezeichnen können, bedeutet utopische Angriffe in Umlauf zu bringen, deren Umarmung wir dem Leser vorschlagen, im äußersten das Risiko einer Wirkung, die über sich selbst hinausgeht und das politische Leben be-trifft.

 

Utopie schlägt eine Brücke zwischen intellektuellen Erkenntnissen, radikaler Vorstellungskraft, wissenschaftlichen Ansätzen und Alltagswissen. Das Magazin ist kein Organ eines übergeordneten Diskurses, sondern vielmehr ein Laboratorium für Perspektiven, die mit neuen Definitionen und Bedeutungseröffnungen ebenso einhergehen wie mit Selbstironie und Humor.

Utopie steht für einen Nichtort, für ein Außerhalb des Bekannten und Üblichen. Utopie geht davon aus, dass ein gesellschaftliches Weiterleben wie bisher jenseits der Möglichkeiten liegt. Utopie ist Reise und Suche.

 

Utopie wird ohne Ausnahme von Freiwilligen gemacht. Autor*innen, Übersetzer*innen, Illustrator*innen, Gestalter*innen, Programmierer*innen und Künstler*innen haben Beiträge geleistet, um das Projekt zu ermöglichen. Initiiert wurde das Magazin von Camilla Elle und Júlio Gomes. Bis heute haben sich verschiedene Köpfe zusammengefunden, die konstant am Magazin arbeiten, sein Fortkommen unterstützen und an dieser Reise teilhaben. Darunter unter anderen: Malen Zapata, Peter Seyferth, Hans-Georg Reimer, Paul Nagel und Stefanie Klein.

Utopie ist ein Non-Profit-Projekt, das sich unabhängig von der Marktlogik, von Einflussnahme und Werbung entwickeln will. Alle Artikel werden, um weitere Beiträge bereichert, auf Deutsch und in ihrer Originalsprache auf der Website des Magazins www.utopie-magazin.org frei zugänglich sein.

Beginnen wir mit dem Namen der Zeitschrift, Utopie. Versteckt sich dahinter nicht ein Idealismus?

Die größte Idealisierung unserer Tage findet von Seiten des Realismus her statt. Der Realismus, oder in der Werbung des Liberalismus, der Possibilismus und der Utilitarismus sind Idealisierungen der Gegenwart, die sich von den essenziellsten menschlichen Bedürfnissen entfernen.

Dieser (falsche) Realismus zwingt sich unserem Horizont auf und wir merken nicht, dass er nur Maßnahmen zur Effizienz und Techniken der Anpassung vorschlägt, damit künstliche Umgebungen (Märkte, Ratings, BIPs, Schulden, das Fernsehen, das Resort auf Hawai, etc …) ihre Stabilität finden können. Eine Stabilität, die einzig der perverse Wunsch einer politischen und ökonomischen Elite ist. Davon ausgehend sind die künstlichen Umgebungen, die Stabilität, die perversen Wünsche eine gigantische Idealisierung, wenn wir an das reale und gewöhnliche Leben von Millionen Menschen denken. Das realistische/possibilistische Denken fordert nicht heraus; es passt sich an; es widerspricht nicht, es wiederholt sich wie ein Papagei … und was ist der Journalismus, die Kultur, was ist Hollywood? Papageien, die massenweise Spiegel fabrizieren, die uns die gefälschte Welt und Illusionen VON menschlichem Leben wiedergeben. Letztlich sitzt der schlimmste Feind der Pharmaindustrie in den Zeitungen … es gibt kein besseres Beruhigungsmittel als täglich die Zeitung zu lesen …

Unsere Zeit braucht unbarmherzige Kritiker und mehr noch, sie braucht TROUBLESHOOTER von Vision. Damit der Tierschutzverein uns nicht verurteilt, müssen wir hinzufügen, dass wir nichts gegen Papageien haben, gegen Aras und Kakadus und dass wir sogar Tropikalismus mögen …

In diesem Fall, was versteht Ihr als Utopie?

Die Utopie handelt nicht vom nicht vorhandenen, sondern sie überschreitet die Gegenwart durch eine zukünftige und werdende Realität. Aus unserer Perspektive hat die Utopie keine binäre Beziehung mit der Realität, sie ist kein Kompromiss zwischen unmöglich und möglich. Vorher ist sie eine unkontrollierbare Kraft, die unserer prekären und wechselhaften Realität innewohnt. In diesem Sinne betonen wir, bevor wir die Utopie als Plan für die Zukunft vorschlagen,  als TOPOI, die der Materialisierung bedürfen, die prozesshafte Tugend ihrer Vergegenwärtigung im Geiste – hier IN uns, dieser Alchemie, die die Summe von Seele, Geist, Verstand, Körper, Sinnen, Haut, Eingeweiden transzendiert -, als einen permanenten Angriff auf die Realität.

Wir haben schon gemerkt, dass jedwede Utopie, das einfache Wort Schüttelfrost und saure Gesichter im Café, in der Abteilung für Hochschulbildung, in der Kneipe, im Leser auslöst, ganz abgesehen von ihrer Diffamierung als der Ernährerin der Halbniederlage von Fukuyama bis Sloterdijk oder in der Denkschule des Halbsieges von Habermas bis Zizek. Es scheint uns ein vielversprechender Anfang, ihnen die Zunge herauszustrecken … bääääääääääähhh!

Bleiben wir ein wenig ernster, können wir hinzufügen, dass unsere Freiheit sich allein erhält, wenn die Vorstellungskräfte nicht zum Erliegen kommen. Um das Ganze beim Namen zu nennen, wenn wir es lassen, die Realität auf utopische Weise anzugreifen, sind zwei Dinge klar: Erstens, dass wir keinen Zugang weder zu Büchern noch Kaffee haben; und zweitens schlimmer noch, dass uns diese zu nichts nütze sein werden …

Welches sind Eure Themen?

Unser Thema ist die Leidenschaft, die Realität zu verändern, die Realität, die uns gemein ist. In jedem Fall werden wir versuchen, einen Beitrag zur Demaskierung der Unterdrückung zu leisten und ein kritisches Auge werfen auf die Mythen der Gegenwart, die das kapitalistische Projekt retten, wie die technischen Wissenschaften, die Medien, das Imperium des Rationalismus, den Liberalismus der Linken, den Fortschrittsmythos, die Leistungsgesellschaft, den Zynismus, die Kolonialisierung der Vorstellungskräfte. Ebenso werden wir versuchen, einige der Mausefallen, in denen die postmarxistische Linke gefangen ist, zu zerlegen und der überflüssigen Unfruchtbarkeit, mit welcher sich manche Strömungen des Anarchismus bewegen, einen Stoß zu versetzen.

 Wird die Utopie irgendeinen praktischen Nutzen haben?

 In dieser glücklichen Welt, in der wir leben, gibt es nichts praktischeres als nicht zu denken. Von daher sieht man schon, wir werden wenig nützlich sein … wir haben nicht viel Sympathie mit dieser Gabe des Menschen – der Gabe des Denkens –, oder für diejenigen, die sich der Weise zerstreuen, dass sie ihren eigenen Kopf nicht erkennen. Gut, man kann immer noch Origamis mit den Seiten der UTOPIE machen, aber wir bevorzugen es, die Geister zu beunruhigen, Abgrundfragen zu stellen, Kurzschlüsse zu verursachen, Bewegung zu machen, den Ort zu verlassen, an dem wir sind. In diesem Sinne ist die UTOPIE Dichtung und Brand. Wenn sie sich ausbreitet, umso besser …

Auto-Interview Utopie. 

Quellen: Pressemitteilung, Auto-Interview Utopie

 

  

 
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