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Das Trio Fado – Saudade und Erinnerungen

Foto: © Meisterstein

In den 80er Jahren begannen António Brito (Gitarre und Gesang) und Maria de Carvalho (Gesang), Fadolieder anderer Künstler in den Restaurants von West-Berlin zu singen. Später gründeten sie zusammen mit Daniel Pircher (portugiesische Gitarre) das Trio Fado, schließlich kam auch noch Benjamin Walbrod (Cello) hinzu. Die vier sind exzellente Musiker,  die ihrer Kreativität über die Jahre Flügel verliehen, sie waren die ersten Botschafter des Fado in Berlin und später auch im Ausland erfolgreich. Die Texte, Arrangements und die Musik auf ihrem vielgelobten neuen Album „portolisboa“ stammen beinahe komplett von ihnen. Am 21. Januar spielt das Trio Fado wieder einmal in der Passionskirche in Berlin.

 

Die Fadosängerin des Trios, Maria de Carvalho, kommt aus Porto und gibt uns bei ihr zuhause ein Interview. Während der Blick über die Dächer von Berlin streift und ein paar verschüchterte Sonnenstrahlen sich dazugesellen, sprechen wir bei Tee und Kuchen über vergangene Zeiten, das Heute und das Morgen.

 

 

Warum bist du aus Portugal weggegangen?

Es war 1978, eine Zeit, in der ich etwas anpacken musste. Ich hätte studieren können, aber meine Eltern hatten wenig Geld und wir waren fünf Geschwister. Zu der Zeit war gerade England sehr in. Es klang interessant, und ich kannte es gar nicht. Ich war jung, wollte etwas Neues ausprobieren und kam über eine Freundin an einen Job als Babysitter in England. Mein Vater wollte das nicht, er war ein kleiner Tyrann – das war die normale Erziehung in einigen Familien. Ich musste bis acht Uhr abends zu Hause sein, auch wenn draußen noch die Sonne schien. Ich habe ihn solange genervt, bis er genug Geld für den Pass und den Flug zusammengekratzt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich die Revolution spannend  – Freiheit klang gut!

 

Hast du damals schon gesungen?

Ja, aber keinen Fado, sondern englische Songs. In meiner Jugend hörte ich Fado zu Hause und durch die offenen Fenster der Nachbarn. Meine Mutter sang Fado beim Putzen. Heute singt kaum jemand mehr einfach so und die Fenster sind meistens geschlossen, weil auch die Frauen arbeiten gehen und total gestresst sind.

 

Maria lebte zwei Jahre lang in England und erlebte eine andere Kultur, hörte andere Musik. Zuerst in Windsor, wo sie unter grauem Himmel auf den tristen Straßen den englischen Spleen kennen lernte. Es war schwierig, aber sie biss sich durch! Sie wollte nicht klein bei geben. In London wohnte sie bei einer Schauspielerfamilie. Trotz der vielen Möglichkeiten, die die Stadt bot, ging es in ihrem Leben nicht voran und so entschied sie sich, das Leben in Paris auszuprobieren. Dort lebte sie ein Jahr lang. „Vielleicht habe ich die falschen Leute kennen gelernt, ich hatte wenig Glück“ – sagt sie.

 

Bist du nach Portugal zurückgegangen?

Ja, aber ich fühlte mich nicht wohl in meinem Land. Drei Jahre waren vergangen und ich fand keine Arbeit, ließ mich ziemlich treiben. Eines Tages habe ich mich entschlossen, einen Freund in Berlin zu besuchen.  

 

Du kamst nach West-Berlin?

Ja, aber Berlin gefiel mir gar nicht. Ich habe die Stadt nicht durchschaut. Es war nicht wie London, von dem ich begeistert war oder Paris, das ich wunderschön fand. Ich habe nicht verstanden, wo das Zentrum war. Ich sah nur lange Straßen, alle gleich, ein paar Läden, aber sonst nichts.

 

Fandest du die Menschen provinziell?

Ja, und ich fand sie weder sympathisch noch hübsch. Bis vor kurzem fand ich, dass sie sich nicht gut kleiden, nicht auf sich achten. Berlin hat sich in dieser Hinsicht stark verändert. Aber am Anfang habe ich es irgendwie als düster empfunden.

 

Düster?

Ja, genau. Ich kam gegen Ende des Sommers mit portugiesischer Winterkleidung an und habe ganz schön gefroren. Ich weiß nicht mehr genau, was mir nicht gefiel, es war einfach so ein Gefühl. Aber ich bin geblieben und habe angefangen, Deutsch zu lernen, habe hier und dort gearbeitet.

 

Wann und wie hast du dein Talent für den Fado entdeckt?

Das war erst zehn Jahre später. In der Zwischenzeit hatte ich interessante Leute kennengelernt und mochte mein Umfeld, und habe darüber die Stadt entdeckt. Äußerlich gab es nichts in der Stadt, was mich interessierte. In Berlin war interessant, was die Leute machten und welche Möglichkeiten sie hatten. Ich lebte in Kreuzberg und ging viel aus. Lange habe ich nicht einmal darüber nachgedacht, was ich später machen wollte. Ich habe angefangen, in einem Büro zu arbeiten, das Beziehungen mit der DDR hatte. Es belieferte die Intershops mit Produkten. Auf der Transitstrecke zwischen West-Berlin und Hamburg gab es diese Läden, wo man Kaffee trinken und alles Mögliche mit der D-Mark bezahlen konnte.

 

Fühltest du dich verloren?

Irgendwas fehlte mir – es war alles sehr oberflächlich. Ich hatte großes Heimweh nach Portugal, nach meiner Familie. Was soll ich machen? Wo gehöre ich hin? Mir fehlte die Wärme, die Sonne, meine Familie, ein bestimmte Art zu leben. Mir fehlten die Straßen voller Menschen und die Gerüche. Ich habe die Fenster geöffnet und habe weder etwas gerochen noch Leute gesehen – hier waren alle so berlinisch. Jetzt ist es vermischter, und die Leute sind netter. Die Busfahrer waren schrecklich. Ich hatte schon beim Rausgehen Angst, mit irgendjemandem Probleme zu bekommen. Privat hatte ich wirklich supertolle Leute um mich, aber die Leute bei der Arbeit waren unerträglich. Ich hatte wirklich große Sehnsucht! Ohne es zu merken wurde ich sogar depressiv, aber ich hatte gute Freunde, die mich unterstützten.  

 

Es fehlte dir also ein Lächeln, das deinen ganzen Tag veränderte?

Ganz genau. Ich hatte viele alternative Freunde, wir gingen viel zusammen ins Theater, zu Konzerten etc. Zu der Zeit war Berlin noch spottbillig. Aber irgendwann reichte mir dieses Leben nicht mehr, es war mir zu oberflächlich, und in dieser Zeit fühlte ich mich sehr deprimiert.

 

Das heißt, als du angefangen hast zu arbeiten, hast du dein geschütztes Nest verlassen und wurdest mit der Realität konfrontiert. Wie hast du diesen Konflikt gelöst?

Die Leute konnten mir keine Wärme geben, sie waren unsympathisch, schlecht gelaunt. Und so sollte ich weiter leben? Um mich zu schützen, wurde ich agressiv. Ich begann sie zu hassen, mochte mich aber so selbst auch nicht mehr. Ich war durcheinander.

 

Du hast dich angepasst?

Ja, so kann man es sagen. Ich habe mich daran gewöhnt, ohne es zu wollen und habe sogar deswegen geweint. Dann habe ich mich ein bisschen beruhigt und angefangen, gegen die Situation anzukämpfen, sie zu durchdenken. Ich habe eine Anpassungstechnik entwickelt. Und der Fado – kam dann einfach! Die große Sehnsucht nach meinem Land führte dazu, das alles was aus Portugal kam, mich bewegte. Zehn Jahre lang hatte ich keinen Kontakt zu Portugiesen gehabt. Dann habe ich Tó in der Casa Algarvia kennengelernt, er spielte dort Gitarre und sang. Einmal war ich dort zum Abendessen und die Musik hat mich berührt; ich erinnerte mich an Lieder, die ich als Kind gehört hatte. Ich wusste nicht, dass sie schon in mir drin waren. Es gibt ein Lied auf der letzten CD, das „Moldura de Lembranças” („Rahmen der Erinnerungen“) heißt, das viel mit diesen Momenten zu tun hat und fast vergessen wurde.

Ich bin öfter dorthin gegangen und habe angefangen zu singen. Es kam einfach aus mir heraus… Ich sang eine Strophe mit Tó, und erstarrte dann plötzlich, weil ich nicht weiter wusste. Das brachte mir viele Bilder zurück und gab mir Wärme. Die Leute wollten mich singen hören, aber ich hatte Angst davor. Ich habe dann angefangen, die Fadolieder neu zu lernen und mein Repertoire wurde größer und größer.

 

Tó hat mich auf die Bühne gebracht. Wenn ich einmal den Text vergaß, trällerte er drauflos und ich sang mit, die Leute applaudierten trotzdem. Zuhause trainierte ich meine Stimme, denn ich wusste nicht, welche Tonlage ich hatte. Vor den Aufritten trällerte ich im Bad vor mich hin, bis ich den richtigen Ton traf.

 

Hast du traditionelle Fadolieder gesungen?

Ja, „Que Deus me Perdoe“ („Vergebe mir Gott“) und auch ein Stück mit Cello. Ich fing mit den Fadoliedern an, die am ehesten zu meiner Stimme passten.

 

Hast du Fado aus Porto, Coimbra oder Lissabon gesungen?

Lissabonner Fado, den alle kennen, wie „Disse-te Adeus“ („Ich sagte dir Lebewohl“), „Madrugada de Alfama“ („Tagesanbruch in Alfama“). Normalerweise sang ich die Fadolieder von Amália Rodrigues, aber ich habe sie nie persönlich kennengelernt. Einmal kam sie in die Casa Portuguesa in Moabit, und Tó sang ein Lied für sie! Ich habe den Mund nicht aufbekommen…

 

Ihr habt zunächst zu zweit in Restaurants gesungen. Wie ging es mit dem Fado weiter?

Nach dem Mauerfall bekam Tó ein Angebot, in einem Jazzkeller in Dresden zu singen. Zur gleichen Zeit tauchten Daniel und Rui, der Sohn des Besitzers der Casa Portuguesa, auf. Er sang erst Lieder von Zeca Afonso und dann Fado. Wir kamen nicht miteinander zurecht, und ich habe gesagt: „Entweder er oder ich“!

 

Von da an nahm ich Daniel mit, der klassische Gitarre spielte. Er fing dann an, herumzuprobieren und auf der portugiesischen Gitarre zu üben. Daniel ist halb Deutscher, halb Österreicher und hat lange in Portugal gelebt.

 

In Dresden bestand das gesamte Publikum nur aus Deutschen, die sehr an Kultur interessiert waren. Während des Auftritts vergaß ich meinen Text, stoppte mittendrin und entschuldigte mich. Aber den Leuten gefiel es. Am Ende war es doch nicht so schwierig, auf der Bühne zu singen!

 

Dann haben wir auf der ITB Mário dos Santos kennen gelernt. Er war dabei, einen Fado-Amateurwettbewerb in Deutschland zu organisieren und hat uns eingeladen, daran teilzunehmen. Es gab insgesamt 13 Konkurrenten. Tó holte den zweiten Platz, ich den dritten!

Es gab etwa 600 Zuschauer. Für mich war das der Startschuss. Ich musste nur die Augen schließen und einfach drauflos singen!

 

Mittlerweile versuche ich die Augen offen zu halten, mit den Leuten in einen Dialog zu treten. Wenn ich singe, schließe ich aber immer noch die Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Nach dem Wettbewerb bekamen wir mehrere Angebote. 2005 waren wir 24 Tage lang in Nordrhein-Westfalen auf Tournee und haben 22 Konzerte gegeben. Im Publikum waren meistens nur Deutsche.

 

Wir waren und sind die Botschafter des Fado – und wir waren die ersten. Die Konzertsäle waren immer voll. Wir haben bei dieser Tournee viel dazugelernt und diese Erfahrung hat uns viel Selbstvertrauen gegeben. Das war der Anlass, das Ganze auch international zu versuchen. Als erstes sind wir nach Armenien gefahren und waren die ersten, die im armenischen Fernsehen live Fado sangen. Wir haben auch neue Stücke geschrieben und andere Arrangements gemacht. Daniel hat viele Ideen und spielt die portugiesische Gitarre auf seine ganz eigene Art, manchmal hat es etwas Balladenhaftes.

                                                   

Tó hat das Restaurant „Piri-Piri“ in Berlin eröffnet, wo es natürlich auch Fado gibt – und manchmal singen wir selbst dort, wenn wir nicht gerade auf Tournee sind!

 

 

Im Laufe der Jahre hat das Trio Fado Konzerte in ganz Deutschland gegeben, darunter einige in der Berliner Philharmonie und in der Passionskirche. Die Gruppe hatte ihren ersten internationalen Auftritt in Armenien, es folgten Österreich, die Schweiz, Luxemburg und Russland, wo sie Konzerte in den Philharmonien dreier Städte gaben.

 

In Russland fühlte sich Maria wie Mariza, der Fado-Star; die Kameras des lokalen Fernsehens und die Standing Ovations des Publikums vor sich, die Zuschauer, die die Künstler für Autogramme bestürmten, so dass diese in den Backstagebereich geleitet werden mussten. „Das war persönlich eine sehr schöne Erfahrung“ sagt die Fadosängerin.

 

Maria hat ihren Schmerz und ihre Sehnsucht in eine Karriere verwandelt und mit dem Trio Fado die richtigen Menschen getroffen. „Was auch immer im Leben passiert, es gibt immer ein Morgen und wir müssen kämpfen und nochmals kämpfen, bis wir es erreichen!“

 

Für 2012 sind Konzerte in China und auf einigen Kreuzfahrtschiffen von Hapag Lloyd geplant. Aber soweit muss man gar nicht fahren: Am 21. Januar um 20 Uhr kommt das Trio Fado mit einigen neuen Stücken im Repertoire in die Passionskirche in Berlin.

 

 

Cristina Dangerfield-Vogt

Korrespondentin der Portugal Post

Veröffentlicht in der Portugal Post

Printausgabe Januar 2012

 

 

  

 
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Cristina Dangerfield-Vogt

Cristina Dangerfield-Vogt ist Journalistin und Autorin. Sie war Übersetzerin und Dolmetscherin bei Scotland Yard und Prüferin für das Chartered Institute of Translators and Interpreters London. Sie ist Chartered Member des MCITI, von dem sie den Dip. Trans. hat. Sie beendete 2007 ihre übersetzerische Tätigkeit, um sich ganz der Schriftstellerei und dem Journalismus zu widmen. 2009 publizierte sie unter dem Pseudonym Cristina Vogt-da Silva das Buch „Ein Jahr in Tel Aviv“. Ihr Ziel ist es, so weit wie möglich zum Dialog und die Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen beizutragen. Sie ist Mitglied der Pressegruppe des Forums für Interkulturellen Dialog Berlin. Sie lebte in London, in der Türkei und in Tel Aviv. Sie spricht fließend portugiesisch, französisch, englisch, deutsch, türkisch und hebräisch. Gegenwärtig lebt sie in Berlin und schreibt für die Portugal Post. 

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