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"To Berlin with love"

Text und Foto: Vasco Esteves

Vasco Esteves

Kam 1969 aus politischen Gründen von Portugal nach Deutschland. Diplomiert in Mathematik, arbeitete 30 Jahren in der IT-Industrie im Rhein-Main-Gebiet.  Von 2005-2009 lebte er wieder in Portugal, wo er eine zweite Laufbahn als Theaterschauspieler anfing. Wechsel nach Berlin in 2009. Spielte unter anderem in den Theatern Lisbon Players und O Grito (in Portugal), Volksbühne Michendorf,  Teatrum VII und Maxim Gorki in Berlin. In den letzten Jahren veranstaltet er vermehrt Lesungen von portugiesischen Autoren (auf Portugiesisch und Deutsch), manchmal begleitet von einem Musiker.

Berlin aus Touristensicht zu Mauerzeiten

Als ich 2009 aus Liebe nach Berlin umgezogen bin, kannte ich die Stadt schon von früheren Besuchen. Das erste Mal kam ich in den 70er Jahren nach Westberlin, als Student, um an einem Seminar mit dem Titel „Unteilbares Deutschland“ teilzunehmen: zu jener Zeit dachte ich, die Deutschen spinnen mit ihrer Fixierung auf die Wiedervereinigung … naja, ich hätte nie gedacht, dass die DDR später so leicht zusammenbrechen würde, wie eine faule Frucht, die plötzlich herunterfällt!

Ich kam  wieder nach Westberlin mehrfach vor dem Mauerfall, und jedes Mal gehörte auch einen Besuch in Ostberlin unbedingt dazu: als neugieriger Tourist wollte ich wissen, wie die „kommunistischen“ Deutschen lebten… Ich erinnere mich daran, wie ich 20 Westmark umtauschen musste, um für einen Tag Ostberlin besuchen zu dürfen. Es gab dort Warteschlangen vor einigen Geschäften, und es war in manchen Restaurants schwierig einen Platz zu ergattern… Aber dort war alles billiger als in Westdeutschland.  Und – ob das eine Übertreibung von mir war, weiß ich nicht – immer wenn ich die Mauer überquerte, hatte ich fast mehr Angst vor den DDR-Grenzsoldaten als vor den Pide-Leuten an Portugals Grenzen (die PIDE war die portugiesische Geheimpolizei, ähnlich wie die Stasi in der DDR): sie waren besonders finster und schienen ganz unbestechlich zu sein, wie in einem Spionagefilm…

Wiederaufbau und Wiedervereinigung: eine große Anstrengung und der entscheidende Beitrag der Ausländer

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands waren die Grenzen wie aus magischer Weise verschwunden, und ein Besuch in Ostdeutschland war wie eine „Zeitreise“: eine Reise in ein anderes Land und von einer anderen Zeit, eine Art Besuch eines „Freilichtmuseums“, wo das Leben der Menschen, langsam und fast unauffällig, immer mehr der anderen Seite, „unseren“ Seite ähnlicher wurde… Die auffälligste Änderung fand damals im Auto-Park statt: in wenigen Jahren wurde die Mehrheit der alten Autos in Ostdeutschland, fast alle aus osteuropäischer Produktion, durch Autos aus Westeuropa oder Japan ersetzt, die auf Kredit gekauft wurden – übrigens dasselbe Phänomen wie in Portugal nach dem Eintritt in die die EU in 1986…

Die Mehrheit der Portugiesen, die in den letzten Jahren nach Deutschland ausgewandert sind, kennt die Geschichte der hiesigen Einwanderer kaum. Viele Portugiesen denken, wir müssen den Deutschen dankbar sein, dass sie uns Arbeit gegeben haben. Das ist zwar wahr, aber die Deutschen sollen auch dankbar sein, dass wir für sie arbeiten: Die meisten Ausländer, die seit der 50er Jahre nach Deutschland kamen, sogar noch vor deren Eintritt in die EU, kamen weil die Deutsche sie gerufen haben, um ihr Land wiederaufzubauen, das sie im 2. Weltkrieg zerstört hatten und für dessen Wiederaufbau sie nicht mehr genügend Männer/Arbeitskräfte hatten! Diese Ausländer wurden von den Deutschen „Gastarbeiter“ genannt, eine Worthülse, die den offenen Wunsch ausdruckte, dass sie alle bald nach Hause zurückkehren sollten. Nicht zufällig kamen auch fast all diese „Gastarbeiter“ aus Ländern, die im 2. Weltkrieg nicht gegen Deutschland angetreten sind…

Und in den letzten Jahren, seit der Wiedervereinigung, investiert Westdeutschland zirka 100 Milliarden Euro jährlich (!) um das ostdeutsche Gebiet zu „sanieren“ – eine unheimliche Menge Geld, das „gegeben“ wird, kein geliehenes Geld! Und wir alle, sogar diese „Gastarbeiter“, zahlen das mit: vor allem über den sogenannten “Solidaritätsbeitrag“ oder „Soli“, den jeder von uns auf seinem Lohn- oder Gehaltszettel kennt…


Also, die Ausländer haben den Deutschen stets geholfen, zuerst beim Wiederaufbau nach dem Krieg, und jetzt bei der Wiedervereinigung Deutschlands. Umso weniger versteht man in diesem Zusammenhang, warum die Deutschen uns so wenig geholfen haben, als vor zirka 10 Jahren einige unserer Länder (wie Griechenland oder Portugal) in finanzielle Turbulenzen geraten sind: die Deutschen haben uns bei dieser Krise nichts geschenkt, ganz umgekehrt, sie verlangten noch Zinsen für deren Kredite und diktierten uns Bedingungen, die teilweise demütigend waren!

In Westberlin sind die Türken während des sogenannten „kalten Krieges“ auch geholt worden, um das Leben hier aufrechtzuerhalten, weil die Stadt sehr isoliert war und unter Bevölkerungsschwund litt und sich deswegen sowohl wirtschaftlich als auch politisch ernsthaft in Gefahr sah… Die Türken haben geholfen, und heute stellen sie die größte ausländische Gruppe in Berlin dar!

Selbst heute bräuchte Deutschland eine Nettoeinwanderung von jährlich zirka 500.000 Ausländern, um den Lebensstandard zu halten, um den Bevölkerungsschwund auszugleichen, und um seine Rentner zu bezahlen! Eine Quote, die bisher nie erreicht wurde, mit Ausnahme der Jahre unmittelbar nach dem Mauerfall und der Aufnahme vieler Flüchtlinge aus Syrien (2015-2016). Also, liebe Freunde aus Portugal (und nicht nur): ihr braucht keine Minderwertigkeitskomplexe zu haben, ganz umgekehrt, wir sind sogar Teil eines großen Hilfeprogramms für die deutsche Wirtschaft, Teil einer Art von „Bluttransfusion“ … mit dem Unterschied, dass dieses Blut dem „Patienten“ fast kostenlos geliefert wird: in der Tat sind die Ausländer, die zum Arbeiten hierher kommen, in der Regel schon fertige und ausgebildete Erwachsene, denen nur bestimmte Anpassungsmaßnahmen wie Deutsch lernen oder manche Berufskurse fehlen…!

Berlin in Vergleich zu Westdeutschland jetzt. “To Berlin with love”…

Zurück nach Berlin. Als ich 2009 ganz nach Berlin umgezogen bin, kannte ich bereits einen großen Teil von Deutschland, da ich zuerst in Bayern, dann in Stuttgart (Baden-Württemberg) und dann in Frankfurt am Main (Hessen) gelebt hatte.

Obwohl ich Deutschland schon relativ gut kannte, vor allem den Westteil, als ich nach Berlin umgezogen bin wurde ich überrascht! Ich dachte, ich ziehe in eine preußische Stadt ein, mit Militärtradition, steif und veraltet… Von alledem war nur das „veraltet“ mehr oder weniger richtig, weil die Stadt nach dem 2. Weltkrieg lange Zeit isoliert lebte: in der Tat gibt es hier noch viele alte Gebäude, die in Ruinen oder sanierungsbedürftig sind; und die Stadt besitzt immer noch keinen würdigen Flughafen, zeigt sich sogar absolut unfähig in vertretbarer Zeit einen neuen zu bauen… Ansonsten ist die Stadt inzwischen sogar sehr international, tolerant und offen, und vor allem wirklich „sexy“! Meine erste große Überraschung war festzustellen, dass die Berliner auf der Straße langsamer laufen, die anderen Leute in die Augen schauen und sich mehr körperlich berühren! Jawohl, in Westdeutschland (außer vielleicht in Bayern) ist es anderes: die Leute rennen dort mehr herum, und scheinen die Anderen in der Öffentlichkeit zu „ignorieren“ (um vermeintlich deren „Privatheit“ zu respektieren!). Diese Eigenschaften der Berliner haben meiner Meinung nach mit dem noch starken Einfluss der ehemaligen DDR zu tun, wo die Menschen mehr Zeit füreinander hatten und weniger konsum- und leistungsorientiert waren, wo das Leben langsamer verlief, und wo die Arbeiter und Angestellte jeden Morgen zum Arbeitseintritt ihre Kollegen mit einem Händedruck begrüßten… Nicht schlecht, oder? Bin ich vielleicht nun deswegen der stolzer Mann einer ostdeutschen Frau, und wegen ihr in Berlin „gestrandet“?

Freunde von Berlinda e.V. , Heimstr. 3, 10965 Berlin - info@berlinda.org 

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