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Interview mit Telmo Pires

Foto: Telmo Pires © Promo

Telmo Pires. Der Magier seines Genres, der Botschafter der portugiesischen Musik in Deutschland, wie er oft beschrieben wurde, singt am 25. November in der Passionskirche in Berlin. Mit BERLINDA sprach er über seine Musik, sein Leben und seine Pläne.

 

B: Gerade wohnst du zwischen Berlin und Lissabon. Kannst du uns etwas über dein neues Projekt in Lissabon verraten?

 

TP: Ich bin letztes Jahr nach Lissabon geflogen und bin ein halbes Jahr dort geblieben. Da habe ich David Zaccharia kennengelernt, den musikalischen Leiter und Musiker von Dulce Pontes, der auch mit Mariza, Ana Moura und Jorge Fernando gearbeitet hat. Über andere Kontakte meiner Verleger hatte er meine Arbeit gesehen und gehört, er rief mich an und war interessiert, mit mir zu arbeiten. Wir haben uns getroffen und angefangen zu arbeiten und gemerkt, dass es ganz wunderbar geklappt hat. Kurz danach waren einige Songs schon fertig und wir arbeiten momentan an einem ersten komplett portugiesischen Album, mit portugiesischen Musikern, in Portugal aufgenommen.

 

B: Läuft das über einen portugiesischen Verlag?

 

TP: Ich habe zwei Verleger, es sind Franzose die aber in Lissabon leben, die haben sich um alles gekümmert. Wir haben auf Termine mit Plattenfirmen gewartet, ich weiß nicht ob es krisenbedingt ist, die haben aber leider nicht den Mut gehabt und wollen kein Geld ausgeben, und bei so einem Projekt muss man Geld ausgeben. Man muss in Werbung investieren, neue Künstler lancieren... und weil wir nicht länger warten möchten, haben wir uns geeinigt dass wir das selber produzieren werden. Wir werden es aufnehmen und mit dem fertigen Band dann bei verschiedenen Labels in Portugal, in Spanien, Frankreich und Deutschland zum Vertrieb anbieten.

 

B: Dein letztes Projekt mit Maria Baptist, Sinal, war nur Gesang und Klavier, in deinen Konzerten hast du oft Instrumenten, die nicht traditionell für Fado sind. Bleibt diese Tendenz auch in deinem neuesten Projekt erhalten?

 

TP: Dieses Projekt ist, musikalisch gesehen, das Album, was am nächsten am Fado dran ist. Es ist kein klassischer Fado weil die Musik zum großen Teil neu ist, die Texte sind neu und von mir, und schließlich die Arrangements gehen auch weg von dem traditionellen Fado. Das Projekt mit Maria Baptist war nur für dieses Album konzipiert, es war eine spontane Idee, einfach nur Klavier und Stimme zusammen zu legen, was es noch nicht gab und weshalb ich mich noch nicht getraut hatte. Es hat sehr gut funktioniert, wir haben ganz tolle, wunderschöne Konzerte gehabt. Das letzte Konzert war eine Annäherung an das, was ich jetzt mache: es war auch mit Klavier, aber mit portugiesischer Gitarre und einer akustischen Gitarre. Die nächsten Konzerte werden mit einem kompletten Fado Trio sein: Bass, Gitarre, portugiesische Gitarre. Ich würde gerne auch für meine nächsten Konzerten in Deutschland ein Cello haben. Ich liebe diese Instrumentierung: klassisches Fado Trio mit Cello.

 

B: Was hat dich an das Projekt mit Maria Baptist interessiert? Der Jazz, die Pianistin, die neue Dimension des Fado?

 

TP: Der Kontrast. Ich liebe Kontraste. Ich habe Maria Baptist kennengelernt und wusste, dass sie eine Solopianistin ist. Wir haben uns über Musik unterhalten, sie hat sich Sachen von mir angehört und ich habe Sachen von ihr gehört, danach haben wir einfach ein paar Sachen geprobt und gemerkt, dass das Arbeiten an sich ganz wunderbar geklappt hat. Sie hat etwas am Klavier improvisiert und ich hatte sofort eine Melodie und ein paar Worte im Kopf. Drei Tage später war der erste Song fertig. Es ist einfach geflossen. Es ist wie in einer Beziehung, wenn man jemanden kennenlernt und merkt, dass es fließt und fließt... wir haben viele Titel geschrieben, ein paar Fados gearbeitet und daraus ein ganzes Programm gemacht.

 

B: Kannte sie davor schon den Fado?

 

TP: Nein. Kein Musiker, mit dem ich in Deutschland gearbeitet habe, kannte davor den Fado und das fand ich immer ganz toll, weil es dann auch keine Klischees gibt, wie der Fado zu klingen hat. Das ist sehr befreiend, man arbeitet sehr frei und sehr jungfräulich.  Die Musiker, mit denen ich bis jetzt gearbeitet habe kamen alle aus dem jazz, den Portugiesischen Teil habe ich dann mitgebracht. Das ist wiederum etwas, was man in Berlin nur finden kann: ich glaube nicht, dass diese Lockerheit, und in dieser Häufigkeit, wie ich es hier in Berlin erlebt habe, in Portugal funktionieren würde. In Portugal, viele Leute haben Angst, von einem bestimmten Weg abzuweichen und folgen lieber das, was sie kennen. Das ist das befreiende und das schöne hier in Berlin, und interessanterweise war diese Platte mit Maria Baptist praktisch mein Sprungbrett nach Portugal, weil die portugiesische Presseagentur das interessant fand und was darüber geschrieben hat, die RTP das Konzert mitgeschnitten und in Portugal gesendet hat und ich dann bei einer portugiesischen Show eingeladen wurde. Dann hatte ich auf einmal den Wunsch, auch in Portugal was zu machen. Jetzt werden wir sehen, wohin das führt.

 

B: In Portugal ist es gerade sehr modisch geworden, Fado auf einer anderen Weise zu machen: Antonio Zambujo mischt brasilianischen Einflüsse, Amalia Hoje ist ein Crossover mit Pop, Yolanda Soares macht Fado mit klassischer Musik, Mariza hat bereits den Fado auf vielen verschiedenen Weisen gemacht, auf den Fado-Regale in den Musikläden gibt es immer wieder alternative Formen des Fado... spürt man als Sänger nicht irgendwann die Notwendigkeit, mal back to the roots zu gehen und sich dem traditionellen Fado zu widmen?

 

TP: Ich weiß nicht, ob es eine Frage des Alters oder eine Frage der Zeit ist. Ich habe ganz anders angefangen. Ich habe mit einem Pianisten angefangen vor ganz vielen Jahren, in den 90ern, und habe mich immer weiter in das Portugiesische hinein entwickelt. Ich hatte den Wunsch das portugiesische Terrain zu ergründen und heraus zu finden ob ich das kann, ob ich da rein passe und ob es mir gefällt. Das ist für mich eine Herausforderung. Ich habe nicht wie die andere Fadistas in Portugal gelebt, ich habe nicht die Erfahrung, schon als 12 Jähriger in Fadokneipen zu stehen und zu singen. Ich habe viele Kollegen und Freunde, die diesen Weg gemacht haben. Das finde ich ganz toll und ab und zu mal singe ich auch mit. Aber dadurch dass meine Art, meine Sicht auf Portugal und den Fado eine ganz andere war, vielleicht objektiver als wenn man darin lebt, wenn man in Portugal und in Lissabon aufwächst... ich habe mich nie zugehörig gefüllt. Ich war immer ein Außenseiter. Ich war in Deutschland und habe mit deutschen Musikern gearbeitet. Das, was ich jetzt mache, ist schon eine große Annäherung.

 

Du hast recht, in Portugal viele sehnen sich mittlerweile nach dem traditionellen Fado. Zum Beispiel Marizas letzte CD Fado tradicional ist tatsächlich traditionell und hat keine ungewöhnlichen Instrumenten. Aber es gibt noch so viele Leute, die den traditionellen Fado singen, dass jedes Gewürz, das von jedem rauskommt immer sehr willkommen ist. Ich mache nicht Fado weil es Mode geworden ist – ich mache Fado in Deutschland seit Zeiten wo kein Mensch gedacht hat, dass es so in Mode kommt.

 

B: Du hast einen anderen Background als die  portugiesische Fadosänger, was auch sehr erfrischend ist und von Vorteil sein kann. Was kannst du, deiner Meinung nach, dem Fado bringen?

 

TP: Das ist eine große Frage. Ich weiß es nicht. Ich habe nicht zu Aufgabe gemacht, dem Fado irgendwas geben zu wollen. Ich bin ein winziger Teil eines ganz großen Kollektivs an Musiker, an jungen Musiker die es momentan gibt, die einfach versuchen, den Fado am leben zu erhalten. Und Du kannst etwas nur dann am Leben erhalten wenn Du es irgendwie etwas veränderst, ein bisschen neu machst. Ob es neue Texte sind, die man schreibt oder die man sich aussucht. Oder eine andere Art zu arrangieren, eine andere Art zu interpretieren. Fado ist ja sehr statisch. In den Kneipen da sind gerade Männer, die stehen mit den Händen in den Taschen und singen einfach nur. Wenn man den Text versteht ist es ganz toll, aber für mich da findet zu wenig Interpretation statt. Und für mich Fado ist wie Chanson – es lebt von der Interpretation. Man kann traurige, schnelle oder ruhige Sachen nicht alle gleich singen. Das fällt mir manchmal ein bisschen auf. Da ich vom Theater komme und auch schon Chanson gemacht habe, bringe ich dieses – glaube ich – mit, ich habe eine andere Art zu interpretieren, als die Leute die ihr Leben lang in den Kneipen gesungen haben – was ich auch toll finde.

 

B: Du hast letztes Jahr als Sänger und Schauspieler in einem Ballett mitgewirkt, Fado Schicksal am Theater Gera, mit Choreographie von Hugo Viera. Es war großartig und du hast sehr gute Kritik bekommen. War das eine besondere Erfahrung?

 

TP: Es war ein ganz großer Wunsch von mir gewesen vor Jahren, die Idee Fado mit Tanz zu kombinieren. Ich hatte mitgekriegt dass es in Berlin mal stattgefunden hat, an der Deutschen Oper, und ein paar Monate später bekam ich einen Anruf von Hugo Viera. Ich habe sofort zugesagt. Es war für mich was völlig anderes. Erstens, das Gefühl, mit 16 oder 18 Tänzern auf der Bühne zu stehen, die dann sich zu meiner Musik und meiner Stimme bewegen und tanzen, und zweitens in einem so großen Kollektiv zu arbeiten. Es ist ganz anders, wenn man ein Konzert macht und allein mit den Musikern anderthalb Stunden auf der Bühne steht, als wenn du weiß dass ganz viele Menschen gibt, Techniker, Koordination usw., die von Dir abhängt und auf Deinen Einsatz wartet.  Es war eine große Herausforderung, weil ich am Anfang mir noch nicht sicher war ob ich das meistern kann. Dazu kamen noch ein paar choreographische Einsätze wo ich was mitgemacht habe. Ich war sehr nervös am Anfang. Ich habe mit den Balletttänzern im Ballettraum geprobt. Es hat mich aber sehr gefreut und es hat so gut gelaufen dass es dann noch ein Jahr länger vom Intendanten verlängert wurde. Es war für das Haus und für Hugo Viera ein sehr großer Erfolg und er hat es auch in anderen Ländern wiederholt.

 

B: In Februar hast du in der Passionskirche gesungen, es war ausverkauft und das Publikum hat gejubelt. Wie war es für dich, in deiner Stadt so ein großer Erfolg zu haben?

 

TP: Es war ganz großartig. Ich hatte natürlich Angst weil die Passionskirche ein Renommee ist, es ist für Weltmusik ein sehr bekannter Ort. Ich habe vor zehn Jahren zum ersten Mal dort ein Konzert gesehen von der portugiesischen Jazzsängerin Maria João und hatte seitdem den Wunsch, dort selber zu singen. Jetzt hat sich dieser Wunsch erfüllt.  Ich liebe Berlin. Berlin hat eine unglaubliche Energie. Dieses Konzert war für mich ein Beweis, eine Bestätigung für die harte Arbeit, die ich mit meinen Musikern und mit allen, die mir geholfen haben, gehabt habe.  Eine Bestätigung, dass der Weg, den ich gegangen bin bzw. noch gehe, nicht ganz falsch sein kann.

 

B: War dieser Weg einfach?

 

TP: Es war nicht einfach, es ist nicht einfach und es wird nie einfach sein. Die Musikszene ist schwierig,  und Fado in Deutschland zu machen ist schwierig. Das habe ich mir aber ausgesucht, es hat mich keiner dazu gezwungen. Fado ist in Deutschland nicht so bekannt wie andere Musikarten wie Chanson oder Flamenco und ich glaube, es gibt immer noch sehr viele Vorurteile, von Deutschen und von Portugiesen. Dadurch, dass ich sehr gut Deutsch spreche – ich bin hier in Deutschland zur Schule gegangen und lebe seit 36 Jahren hier – bin ich für viele nicht portugiesisch genug. Für die Portugiesen bin ich nicht portugiesisch genug, für die Deutschen auch nicht. Da muss man einfach stark bleiben und sein Ding durchziehen. Ich habe zum Beispiel von einer Veranstalterin in Deutschland nach einem Konzert eine email bekommen. Sie hatte sich das Konzert angesehen und fand es auch gut, meinte aber dass es für ihr Festival nicht in Frage kommen würde, weil sie sehr irritiert war mit der Tatsache, dass ich zu gut Deutsch sprechen kann und sie glaubt, ihr Publikum wäre auch irritiert.

 

B: Das ist sogar Diskriminierung.

 

TP: Für diese Veranstalterin war ich tatsächlich nicht portugiesisch genug. Wenn ich mit Akzent gesprochen oder ein paar Fehler gemacht hätte, dann wäre es vielleicht ganz cool gewesen. Für mich war es immer im Gegenteil eher ein Vorteil, dass ich die deutsche Sprache beherrsche, weil so kann ich in meinen Konzerte die Texte bzw. den Inhalt richtig vermitteln, als wenn ich nur ein paar Worte auf Englisch reden würde zwischendurch.

 

B: Die portugiesische Presseagentur LUSA hat dich als der Botschafter der portugiesischen Musik in Deutschland beschrieben. Fühlst du dich in der Tat als eine Arte Botschafter dieser Musik, als Vermittler einer großen Tradition, oder eher als jemand, der seinen eigenen persönlichen Weg macht und zeigt?

 

TP: Ich habe mich ehrlich gesagt nie als Vermittler gesehen. Ich werde aber immer eingeladen, wenn es um Portugal geht, ich wurde in März bei einer Talk Show eingeladen, in der es um Portugal ging, werde oft von der Botschaft eingeladen... ich finde das schön. Es freut mich, durch die Arbeit die ich in erster Linie für mich und für mein Publikum mache, dass sich so was daraus ergibt, dass man auch mit der Zeit solch eine offizielle Anerkennung bekommt. Es ist ein schönes Zeichen, und eine Bestätigung auch.

 

B: Berlin ist deine Stadt, so wie Lissabon auch. Was vermisst du von Lissabon, wenn du in Berlin bist, und umgekehrt?

 

TP: Was mir hier in Berlin fehlt, sind die viele Fadokneipen (lacht). Die hundert Sorten Portwein, die es in den Lissaboner Supermärkte gibt. Ich vermisse den Charm Lissabons und das Meer. Wenn ich in Lissabon bin... ich fühle mich schon sehr wohl in Lissabon. Ich vermisse aber manchmal dort eine gewisse Art, deutsch zu denken. Diese ganz banale Dinge wie Pünktlichkeit, oder wenn du jemandem das Wort gibst, dass du es auch hältst... Das vermisse ich generell in Portugal. In Lissabon, manchmal vermisse ich durch Berlin-Mitte oder durch den Tiergarten zu laufen, mir den Fernsehturm anzugucken, und meine Freunde natürlich.

 

 

B: Wann bist du nach Berlin gezogen?

 

TP: Im Herbst 2000, also vor elf Jahren. In Berlin habe ich mein erstes komplett portugiesisches Programm gemacht. Früher habe ich ein buntes Repertoire mit französischen, deutschen und  portugiesischen Liedern gesungen.  Die Premiere hatte ich im Tränenpalast.

 

B: Deine Tätigkeit als Fadosänger ist also auch auf einer gewissen Art mit der Stadt Berlin verbunden?

 

TP: Auch. Es war ja eine Entscheidung, weil der portugiesische Anteil in meinen Konzerten immer größer und größer wurde.  Irgendwann kam die Entscheidung, nur das portugiesische Repertoire zu nehmen, weil  das die beste Art ist, mich auszudrücken. Das kam gleichzeitig mit diesem Wechsel nach Berlin.

 

B: Du hast bereits mehrere CDs aufgenommen. Am Anfang hast du viele bekannte Fados gesungen, aber bei der letzten Arbeit Sinal zum Beispiel hast du selber acht von den zehn Songs selber geschrieben. Wann ist es dir klar geworden, dass du nicht nur singen sondern auch schreiben wolltest?

 

TP: Ich habe immer geschrieben. Es war eine Möglichkeit, meinen eigenen Stil zu erarbeiten. Das war ein Wunsch. Eigentlich habe ich schon ab der zweiten CD eigene Texte und eigene Musik geschrieben. Ich habe meine erste CD in Berlin 2004 aufgenommen, bei einem Berliner Label (Traumton), von den zwölf Titeln da waren sechs eigene Sachen. Es werden immer mehr und mehr. Bei der aktuellen Produktion sind es auch sieben oder acht Titel. Ich glaube, das ist eine Entwicklung. Man fängt klein an mit ein paar Zeilen, beim nächsten Mal hat man vier und immer läuft es von alleine. Wobei, es gibt so viele wunderschöne klassische Fados, die werde ich in meinem Leben nie alle singen können. Ich versuche immer ein oder zwei Lieder original zu übernehmen. Das sehe ich eher als eine Hommage an den traditionellen Fado.

 

 

B: Bist du eher der chaotische Portugiese oder der ordentliche Deutsche?

 

TP: Ich bin in meinem Chaos sehr ordentlich (lacht). Ob ich mehr Portugiese oder mehr Deutsche bin, ist eine gute Frage. In Lissabon ist mir schon in dieser Hinsicht was Lustiges passiert. Es wurde mir in Lissabon schon ein paar Male gefragt, ob ich Portugiese sei, weil ich angeblich nicht wie ein Portugiese denke.

 

B: Würdest du lieber nach Lissabon für ein paar Jahre ziehen oder magst du eigentlich die Abwechslung, mal hier mal da?

 

TP: Ich will alles. Tudo ou nada. Momentan ist es sehr schön, immer von Berlin nach Lissabon zu fliegen und umgekehrt, und in beiden Städten Projekte und Konzerte zu haben, aber ich denke irgendwann wird es sehr anstrengend. Es hört sich sehr klischeehaft an, aber ich habe nie wirklich ein Zuhause gehabt.  Ich wusste nie, wo ich hingehöre. Ich bin in Portugal geboren und fast mit drei Jahren nach Deutschland gekommen ins Ruhrgebiet, was ich nicht toll fand. Da habe ich nur 17 Jahre ausgehalten, bin dann ausgezogen, habe alleine gewohnt und bin 7 Jahre später nach Berlin gezogen und bin jetzt zwischen Berlin und Lissabon. Ich muss glaube ich selber noch herausfinden, wo ich hingehöre. Und wenn es mich dazu treiben würde, länger in Portugal zu bleiben, würde ich das sehr begrüßen.

 

 

B: Bist du ein Kämpfer?

 

TP: Ich sehe mich nicht als Kämpfer, nein. Ich habe selbstverständlich sehr viel gearbeitet, ich habe auch an mir und an meiner Musik gearbeitet, aber ich habe mich nie an der Front gesehen, dass ich für mich oder für irgendwas kämpfe. Es hat sich eigentlich alles so ergeben, deswegen dauert es auch so lange, wahrscheinlich. Ich bin aber gar nicht geduldig. Es ist einer meiner Nachteile. Es zerrt an mir und zieht mich auch sehr runter, wenn ich die Sache ganz klar sehe aber die Dinge nicht so funktionieren weil irgendwas oder irgendwer die Dinge behindert. Ich bin auch mit mir sehr ungeduldig. Wenn ich etwas nicht hinkriege bin ich sehr wütend auf mich selber.

 

B: Wenn du ein Projekt anfängst, weißt du ganz genau wie du es haben willst? Bist du dominierend in deinen Projekten?

 

TP: Ja, sonst würde ich sie nicht machen können. Klar, dieses Ballet Fado=Schicksal war eine Gruppenarbeit, du muss Sachen zusammen machen können, dich zusammenfinden und mit den anderen zusammen arbeiten, sonst funktioniert das Stück nicht. Bei einem Solokonzert muss du dich mit deinen Musiker abstimmen und mit ihnen arbeiten, aber ich habe immer bei meinen Solokonzerten die dramaturgische Leitung übernommen, die Songs ausgesucht, die Abfolge der Songs, ich habe die Texte geschrieben... ich habe nur Lieder gesungen, wo ich der Meinung war, dass ich den Liedern irgendwas geben kann – ich habe nie etwas gesungen nur weil es schön ist. Ich habe mich wirklich nie reinreden lassen von niemandem. Was das angeht, ja, ich bin sehr dominierend. Aber wenn jemand mit einer tollen Idee kommt bin ich auch sehr offen. Man muss transparent und durchlässig sein, sonst blockst du irgendwann. Man muss die Energie durchlassen.

 

 

B: Ist diese Zeit in Portugal, wo du an den Fadokneipen viel singst, wie eine Art Schule für dich?

 

TP: Ja. Dort lerne ich am meisten, auch wenn ich nicht singe und einfach nur da sitze und die Leute zugucke. Es ist ganz toll, wenn du ältere Leute hörst, die ihr Leben lang in den Kneipen gesungen haben, die ganz kaputten, brüchigen Stimmen haben, und wenn du zusiehst wie sie wie vor 30 Jahren, mit demselben Glauben und derselben Kraft noch singen. Es ist ganz bezaubernd. Das hat man in den schicken Restaurants aber auch in den ganz kleinen Kneipen, wo der Chef des Hauses sich mal einfach hinstellt und singt.

 

B: Hast du andere Projekte, mit anderen Musikrichtungen zu experimentieren oder war das mit dem Jazz ein Zufall?

 

TP: Die CD mit Maria Baptist war ein Zufall sie hätte auch eine klassische Pianistin sein können. Was in der Zukunft passieren wird, kann ich nicht sagen. Ich mache mir nie großen Gedanken, was ich jetzt als übernächstes Projekt machen werde. Ich wünsche mir, dass ich diese CD, die ich mit meinem Produzenten in Portugal realisiere, aufnehme und dass sie auch vielleicht ein Publikum findet. Das wäre sehr schön. Was danach passiert... vielleicht mache ich ein ganz traditionellen Fado, oder was ganz verrücktes... aber es wird immer die portugiesische Sprache sein, portugiesische Literatur, und der portugiesische Fado wird immer die Base sein - der Grund, auf dem ich mich immer bewegen werde.

Text: Ines Thomas Almeida

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010).

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