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“Das Kino sehnt sich nach dem Paradies" - Interview mit Miguel Gomes

Foto: Links - Miguel Gomes. © Berlinda. Rechts - Der Film "Tabu". © Miguel Gomes/Promo

 

Mit TABU ist Miguel Gomes ein schönes und meisterhaftes Werk, mit hinreißenden und samtartigen Schwarz-Weiß-Bildern und Szenen wie aus einem Stummfilm, in denen die Töne den Zuschauer ergreifen, gelungen. Die Geschichte widerlegt jedoch die aktuelle, portugiesische Gesellschaft mit einer zufällig erfundenen Erinnerung an die vergangene afrikanische Kolonialzeit. Monate nach der triumphalen Premiere bei der Berlinale, wird TABU nun in insgesamt 30 deutschen Kinos ausgestrahlt. In Berlin hat Miguel Gomes erneut ein Interview für das Magazin BERLINDA  gegeben.

BERLINDA: Anfang dieses Jahres hatte TABU Premiere bei der Berlinale und du hast gleich zwei Preise gewonnen. Jetzt, kurz vor Jahresende, bist du wiedergekommen, um Kinopremiere zu feiern. In der Zwischenzeit gab es viele internationale Preise und zahlreiche Interviews. Kannst du immer noch über den Film sprechen?

MIGUEL GOMES: Mir bleibt keine andere Wahl. Der Film wurde in der Zwischenzeit von insgesamt über 40 Ländern gekauft. Ich werde sehr oft von den entsprechenden Festivals eingeladen, um über den Film zu sprechen und Interviews zu geben, die den Film fördern und  in die Kinos bringen…

B: Und gehst du zu allen Premieren? In Deutschland allein sind es 30 Städte…

MG: Nein! Ich war in Köln und in Hamburg und jetzt bin ich in Berlin. Danach geht es wieder zurück nach Lissabon. Man sollte nicht übertreiben!  [Er lacht]

B: 2012 war das Jahr, in dem mehrere portugiesische Regisseure international gefeiert wurden, es war aber auch das Jahr in dem die Filmproduktion in Portugal lahmgelegt wurde und 100% der öffentlichen Zuschüsse für das Kino komplett gestrichen wurden. Wie sieht deiner Meinung nach das Kinopanorama in Portugal in einer Zeit, in der das neue Kinogesetz, obwohl schon verabschiedet trotzdem vorerst nur ein Versprechen ist, aus?

MG: Es kommt auf den Tag an. Es gibt Tage, an denen die Dinge besser stehen und andere, an denen Gerüchte kursieren, dass es Schwierigkeiten bei der Regulierung dieses Gesetzes gibt. Schwierigkeiten, die auf den Widerstand seitens der Unternehmen, wie zum Beispiel die Telefon-, Fernseh- und Kabelfernsehgesellschaften, dieses Kinogesetz zu finanzieren, zurückgehen. Diese Unternehmen sind nicht daran interessiert das Kino zu finanzieren und deswegen ist die Politik, die ja das alles gesetzlich festgelegt und im Parlament verabschiedet hat, dafür verantwortlich es nun auch durchzuführen. Der Unwille seitens der Wirtschaftsmächte gegenüber der politischen Macht verzögert das ganze Projekt. Und deswegen weckt es manchmal den Anschein, dass die Durchführung des Gesetzes sehr schwierig und ein noch weit entfernter Prozess ist, obwohl es schon verabschiedet wurde und sogar schon die gesetzlich festgelegte Frist überschritten hat. Die Audio-, Video- und Mobilfunk-Unternehmen tun alles, damit das Gesetz nicht durchgeführt wird und sie nicht gezwungen werden zu zahlen. Wir reden von einer promiskuitiven Beziehung, in Portugal und in anderen Ländern, zwischen  Wirtschaftsmächten und politischen Mächten. Im Laufe der Jahre haben wir beobachten können, dass die Macht der Wirtschaftsgruppen die der politischen Macht übersteigt und dass  sich Letztere immer mehr vor diesen Gruppen, die nicht einmal demokratisch gewählt wurden und folglich auch nichts zu sagen haben sollten, wenn es um Gesetze geht, beugen muss.

B: In diesen Umständen ist es ein Trugbild für 2013 Pläne zu schmieden, oder nicht?

MG: In Portugal leben wir trotz all dieser Situationen in einer Demokratie und einem Rechtsstaat und deswegen erwarten wir auch, dass die Verfassung und das Gesetz der Republik durchgeführt werden. Es handelt sich hierbei um ein Gesetz, das verabschiedet und vom Parlament und Präsidenten erlassen wurde, und deswegen erwarten wir auch, dass es ans Tageslicht kommt. Es wäre sehr seltsam, wenn dies nicht passieren würde.

 

B: Zurück zum Film TABU. Vor allem im zweiten Teil sehen wir eine träumerische Perspektive einer weißen Elite, die in dieser Vergangenheit glücklich war, vielleicht nur vermutlich oder mythisch. Glaubst du, dass es in Portugal noch einen sehnsüchtigen Blick auf die Kolonialzeit gibt?

MG: Ich glaube, dass es alles gibt. 1975, im Jahr nach der Revolution, gab es nur extreme Reaktionen: auf der einen Seite gab es  Menschen, die die Ansicht vertraten, dass die portugiesische politische Macht das Mutterland gratis abgegeben hat, dass sie Verräter seien, das Mutterland abgegeben und das Imperium aufgelöst hätten. Und auf der anderen Seite gab es die Ansicht, dass jeder, der damals in Afrika gelebt hat, gezwungenermaßen auch Kapitalist und Ausbeuter war und die Einheimischen bis ins Knochenmark ausgesaugt hat. Wir leben jedoch nicht mehr im Jahr 1975 und vielleicht können wir jetzt mit einem nicht ganz so reduzierten Blick auf diese Vergangenheit schauen. Ich kann nicht für andere sprechen, aber ich glaube, dass es in der portugiesischen Gesellschaft alles gibt. Diese Nostalgie existiert wahrscheinlich aufgrund des portugiesischen Kolonialimperiums.

Der Bezug, den Tabu mit dem Kolonialismus hat scheint mir nicht ein zweideutiger Bezug zu sein, da das Paradies, das im zweiten Teil des Films dargestellt wird, auch ein Inferno war – es hängt von der Perspektive des Zuschauers ab. Ich finde, dass der Film auch eine gewisse Ironie in Bezug auf dieses Paradies vermittelt. Aber ich denke, dass ein Filmregisseur nicht die Rolle eines Richters einnehmen muss. Meiner Meinung nach gibt es keinen Widerspruch. Ich kann mit Ironie auf den Kolonialismus schauen, ohne mich unter Druck fühlen zu müssen die Menschen zu verurteilen oder  ihnen gegenüber irgendeine Art von Empathie zu haben. Man hat eine gewisse affektive Beziehung zu den Filmfiguren und der Film respektiert ihre Gefühle, auch wenn er sich nicht zurückhält und davor scheut zu zeigen, dass ihnen nicht bewusst ist, was sich um sie herum abspielt und das alles am Zusammenbrechen ist. Sie sind damit beschäftigt zu lieben, leben in einer Art von virtueller Realität, ohne Bewusstsein über die politische Realität in der sie leben.

B: Wie war es in Mosambik zu filmen? Wurdest du von der lokalen Bevölkerung unterstützt?

MG: Wir wurden von der Regierung im Bereich Logistik unterstützt und uns wurde der Dreh dort erleichtert. Wir wurden nicht finanziell unterstützt – Mosambik war nicht Co-Produzent. Mosambik ist ein vom Kolonialkrieg und von einem erst kürzlich beendeten Bürgerkrieg zerrüttetes Land und all dies hat Spuren hinterlassen. Als ich nach Gurué, in den Norden der Provinz Zambézia, gereist bin, hat man mir in Maputo gesagt, dass es unmöglich sei dort zu filmen. Es gäbe dort keine Bedingungen und der Ort sei zu abgelegen, zu weit entfernt von Hotels und Infrastrukturen… die Straßen sind tatsächlich sehr zerstört, das sind die  hinterlassenen Spuren, von denen ich eben geredet habe. Manchmal haben wir 1 Stunde gebraucht, um 3 km zu fahren. Es war also nicht der leichteste Produktions- und Drehort.  Manchmal müssen die Dinge jedoch nicht leicht und praktisch sein. Wir wollten an diesem Ort drehen und jeder, der meinte, es sei unmöglich dort zu drehen, hat sich geirrt. Anstatt im Hotel zu übernachten, sind wir in einem Missionshaus von italienischen Priestern untergekommen. Es gibt immer Alternativen. Manchmal haben wir kostbare Zeit mit Tageslicht verloren, das muss man zugeben, aber mir war es das wert. Ich bevorzuge es an einem Ort zu drehen, der keinem anderen Ort gleicht und wo es zwar schwierig ist 3 km zu hinterlegen, aber dafür all diese Charakteristika, Landschaften und interessanten Häuser und Hügel hat…

 

B: In diesem Film, sowie bereits auch schon in anderen deiner Filme, sehen wir auf der Leinwand auch Mitglieder der Filmcrew…

MG: Das geht vor allem auf die Bedingungen zurück. Der Film ist das Produkt der Filmbedingungen. Als wir diesen Drehort gewählt haben standen wir vor einem großen Problem: der Plan war eine koloniale, portugiesische Gesellschaft in Afrika in den 60er Jahren darzustellen, dort gab es aber nur ca.  sieben oder acht Weiße, die in einem Raum von 200 km² lebten. Mir blieb also nichts anderes übrig als meine Filmcrew mit einzubringen, wobei wohlgemerkt sei, dass meine Crew sehr klein war. Ich habe also angekündigt: ihr werdet eure Arbeit machen und darüber hinaus werdet ihr auch Filmfiguren sein, weil ich niemand anderen habe; Ich denke, dass ihr großartige Schauspieler sein werdet. Ihnen blieb eigentlich nichts anderes übrig. Ich erinnere mich, wie die Kamera manchmal ganz alleine gefilmt hat, weil jeder im Bild sein musste. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie die Bildassistentin, die das Bild der Kamera schärfer macht, hinter der Kamera hervortaucht – mit 60er-Jahre-Frisur und Kleidung -  ihre Szene spielt und dann wieder das Bild schärfen ging, zurückkam, um zu schauspielern und dann wieder zurück zur Kamera ging… so haben wir gefilmt. Es war nicht sehr praktisch, aber dafür sehr amüsant.

B: Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern, vor allem im zweiten Teil? War es einfach sie zu einem Stummfilm mit Tönen zu bewegen?

MG: Es war nicht schwierig. Sie wussten von Anfang an, dass es ein Stummfilm sein wird, was sie jedoch nicht wussten war, was sie tun mussten, weil es zu diesem Zeitpunkt noch kein Drehbuch gab. Es gab eine Geschichte, aber da es im ursprünglichen Drehbuch Szenen gab, in denen über hundert Weiße tanzten und Ausschnitte einer Hochzeit gezeigt werden sollten etc. … entschlossen wir uns dazu das Drehbuch zu verwerfen und den Film mit dem was wir hatten zu improvisieren. Wir haben deswegen jeden Tag etwas mit den Schauspielern erfunden. Sie hatten keine Dialoge und wussten nie, was sie am Tag darauf machen mussten. Sie sind wahrscheinlich ein bisschen verrückt, denn sie haben zugestimmt den Film unter diesen Bedingungen zu drehen. Normalerweise wollen sich die Schauspieler schützen und im Vorfeld wissen, was zu tun ist, sie wollen sich verteidigen können und verlangen manchmal absurde Dinge, die mit der Frisur und der Kleidung zu tun haben… in diesem Film waren sie jedoch sehr großzügig mit ihren Zugeständnissen. Wir haben manchmal den Ton direkt aufgenommen und sie bewegten nur ihre Lippen und taten so, als ob sie was sagen würden. Manchmal aber redeten sie wirklich, weil ich aus praktischen Gründen dachte, dass es besser ist, wenn sie reden – es war zum Beispiel wichtig, dass sich jemand umdreht, wenn er die Stimme eines anderen hörte, etc.  Manchmal sagten sie Dinge, die direkt mit der Szene in Verbindung standen, aber es gab auch Momente, in denen sie zusammenhanglose Dinge sagten, wie zum Beispiel Ergebnisse eines Fußball-Spiels oder Beleidigungen…

B: Gab es Lachanfälle?

MG: Wir haben versucht dies zu kontrollieren. Aber beim Dreh von Stummfilmen hat man damals schon viel gelacht, vor allem in amerikanischen Stummfilmen. Wer von den Lippen lesen kann weiß, dass manchmal der größte Unsinn gesagt wird. Man war davon überzeugt, dass dies niemandem auffallen würde. Nun gut, jede Szene hatte ihre eigenen Regeln.

Carloto Cotta im zweiten Teil des Films TABU.

B: Wusstest du von Anfang an, dass du einen Schwarz-Weiß-Film machen wolltest und den zweiten Teil ohne Dialoge gestallten wolltest, oder war diese Idee genauso spontan wie das Drehbuch selbst und ist erst im Laufe des Drehs entstanden?

MG: Ich wusste es von Anfang an. Ich wollte, dass der zweite Teil mit der Aufnahme der Erinnerung, des Andenkens verbunden ist. Etwa so, wie wenn wir uns an etwas aus der Vergangenheit erinnern: wir erinnern uns oft nicht an die genauen Worte, aber wir erinnern uns genau an das, was geschehen ist, an die Menschen, die dabei waren, an die Orte und Bilder… aber nicht an die Sätze.  Deswegen hatte ich von Anfang an geplant den Film auf diese Art und Weise zu drehen.

Ich wollte außerdem einen Film, wie aus der Zeit, in der das Kino entstanden ist, drehen und deswegen entschied ich mich zu einem Schwarz-Weiß-Film. Ein Film also mit genau den gleichen Schwarz-Weiß Farben und dem quadratischen Format, das auch das ursprüngliche Kinofilmformat war und bis zu den 50er Jahren so geblieben ist.

In den 50er Jahren ist das Fernsehen erschienen, mit dem gleichen Format. Das Kino hat dann das Panoramaformat erfunden, um mit dem Fernsehen wettzustreiten. Kinofilme wurden im Laufe von fast 60 Jahren so gefilmt.

Ich kann jetzt so reden, weil ich sehr viel über den Film nachgedacht habe, aber ich habe es damals nie so ausgesprochen. Der Film hat auch einen Bezug zur heutigen Zeit: ältere Frauen, die in einem ebenfalls altem Europa leben. Das Kino ist schon über hundert Jahre alt und es geht ihm ein wenig so wie den Figuren aus dem ersten Teil des Films, er sehnt sich nach dem Paradies, das wahrscheinlich die Jugend ist. Das Paradies ist nicht das koloniale Imperium, nicht Afrika, sondern die Jugend. Wahrscheinlich ist dies auch das Paradies der Menschen, die schon ein gewisses Alter haben. Die Jahre also, die nicht mehr zurückkehren. Vielleicht ist das Kino schon alt genug, um einen ähnlichen Bezug zur Jugend zu haben, zum Beispiel zu den Filmen von Murnau und mit dem ursprünglichen Kino, in welchem man vielleicht unschuldiger war, die Zuschauer jünger waren, weniger Filme gesehen haben und somit eher an die Absurditäten, die manchmal auf der Leinwand dargestellt werden, glaubten. Ich sage all dies jetzt in sehr besonnener Weise, zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Films war ich jedoch intuitiver. Ich wollte TABU  mit den selben Mitteln von damals filmen, so wie es am Anfang, im Jugend- und Erwachsenenalter des Kinos halt gang und gäbe war.

 

B: Was sind deine zukünftigen Projekte?

MG: An diesen Tagen – heute, gestern und vorgestern – arbeiten zwei meiner Mitarbeiter an einem neuen Projekt. Ich gebe in letzter Zeit nur Interviews über den Film und deswegen ist es schwierig für mich mich darauf zu konzentrieren. Meine Mitarbeiter schreiben gerade den Entwurf eines Filmes, sprich die erste Version eines Skripts von “Tausendundeine Nacht”, das ist der Titel meines nächsten Spielfilms, das hoffen wir jedenfalls. Es wird eine Scheherazade geben, die Geschichten erzählt, die, genauso wie im Buch “Tausendundeine Nacht”, absurd, komisch und tragisch sein können und in denen Lampengeister und fliegende Teppiche vorkommen. Elemente, die stets in Verbindung mit den aktuellen Ereignissen in Portugal stehen werden. Ein Film mit Geschichten über reiche und mächtige Menschen, arme Menschen,  Streiks, kurz: ein Film über die gegenwärtige Realität im Land.

B: Spürst du ein wenig Druck in Bezug auf deinen nächsten Film nach dem enormen Erfolg von TABU?

MG: Ich spüre keinen Druck, weil ich keine Alternative habe. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass jeder neue Film auch ein Neuanfang ist. Mir bleibt nichts anderes übrig als einen weiteren Film zu drehen, von dem ich weiß, dass er Elemente hat, die vorherige weiterführen, aber der gewiss etwas Neues ist. Es handelt sich also um eine theoretische Frage, die keine wirkliche praktische Anwendung hat. Der nächste Film wird immer ein anderer Film sein.

Das Interview wurde von Ines Thomas Almeida geführt
.

Übersetzung: Rita Raimundo

 

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010) und später das Berlinda Festival (2012).

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