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Silly Season - Jose Eduardo Agualusa

Foto: @Berlinda.org

Barata schaute um sich. Da lagen viele Leute auf dem Rasen, vom Ufer des Sees bis ganz nach hinten bei den hohen Bäumen, und alle waren nackt. Er fühlte sich unbehaglich in seinen Kinderbermudas mit Palmen darauf und tanzenden Hawaii-Mädchen, die er vor einem Jahr in Ipanema gekauft hatte. Er kam sich pervers vor, derart bekleidet inmitten der ehrbaren Nacktheit der Deutschen. Außerdem verriet ihn seine braune Haut. Fast meinte er zu hören, wie die anderen Badegäste ihr Missfallen äußerten gegenüber dem Ausländer, wahrscheinlich ein schamloser Lateinamerikaner – in Badehosen! Und das mitten im Park.

 

Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er beschlossen hatte, vierzehn Tage seiner wertvollen Ferien in Berlin zu verbringen?! Er könnte gemütlich an der Costa da Caparica sitzen oder in Meco, ebenfalls umgeben von mehr oder weniger nackten Deutschen, aber er hätte eine wirkliche Sonne, die aus einem klaren Himmel herabscheinen würde, und unter sich den feinen Sand eines echten Strandes. Also besser, er zog seine Hosen aus. Verstohlen studierte er die Männer um sich herum. Es gab Glieder von jeder Art. Stolze, bescheidene, bedauernswerte, indiskutable. Einige friedlich und bleich, gelangweilt wie Eidechsen in der Sonne, andere dunkel und gefährlich. Da gab es gepflegte und ungepflegte, verdrehte, kecke und lässige, feste und schlaffe. Er sah ein, dass er ganz entspannt sein konnte – nein, er würde seinen Leuten in Chelas keine Schande machen, wenn er sich hier mit ganzem Körper und so wie ihn seine Mutter auf die Welt gebracht hatte, vor der Europäischen Gemeinschaft präsentierte. Also zog er die Bermudas aus und verstaute sie in seinem Rucksack. Eine gute halbe Stunde ließ er sich in der Sonne braten, die ihm nun sogar freundlicher erschien, und danach, als er sich schon wie ein echter Berliner vorkam, beschloss er, ein wenig im See zu schwimmen. Er war noch keine fünf Schritte gegangen, da stieß er fast mit seiner Abteilungsleiterin zusammen.

 

»Sind Sie das, Barata? Entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht erkannt. Also, ich sehe Sie sonst ja auch nur in Krawatte, nicht wahr?« Barata fing an zu stottern. Nun ja, er hatte sie ja auch nicht sofort erkannt. Er hätte in Berlin auch nicht mit ihr gerechnet. Sagte er und versuchte, seine Hände in die Hosentaschen zu stecken. Das Problem war, er hatte keine Hosentaschen. Er wollte am Hemdkragen nesteln, sich die Ärmel hochkrempeln, aber jedes Mal war da nur seine eigene Haut. Die Leiterin klagte über das Wetter.

 

Barata klagte über das Wetter. Schweigend wären sie sich noch nackter vorgekommen. Er bemühte sich, ihr in die Augen zu sehen. Solange er ihr ganz fest in die Augen sah, war sie hoffentlich sicher, dass er, ihr Untergebener, keine anderen Teile ihrer Anatomie in Augenschein nahm. Doch die Wahrheit ist, dass die unterlegene Perspektive des jungen Barata ihm sehr wohl gestattete, unverdächtige Aspekte – großartige Aspekte – dieser Anatomie zu betrachten. Der Arme begann in der Sonne zu schwitzen. »Ich wollte gerade ins Wasser gehen« brachte er hervor. »Kommen Sie mit?«

 

Im Wasser taten sie so, als wären sie bekleidet. Sie tauschten Nettigkeiten aus. Barata fragte, ob sie schon im Ägyptischen Museum die Büste der Nofretete gesehen hätte. Und wurde rot. Unter dem Wasser leuchtete, wenn auch ein wenig trüb, die Büste der Direktorin. Als hätte sie ein durchsichtiges, langes Kleid an in leuchtendem Grün. Er riskierte ein Kompliment: »Der See steht Ihnen gut«.

 

Als sie aus dem Wasser stiegen, waren sie miteinander schon besser bekannt. In der Woche darauf besichtigten sie gemeinsam die Stadt. Hand in Hand spazierten sie durch das laute Chaos der Love Parade, tranken Caipirinha in einer brasilianischen Bar in der Rosenthalerstraße. Sie sahen Berlin sich im Kreis drehen, und vierzig Kilometer Umland, beim Würstchenessen auf dem Fernsehturm. Und sie gingen oft wieder zum See zurück.

 

Sie wurden schon wiedererkannt von anderen Badegästen, die sie von weiten mit einem Kopfnicken grüßten.

 

»Und nun?«, fragte Barata die Frau, eine Woche später am Flughafen, vor dem Abflug nach Lissabon. Die Direktorin lächelte: »Nun ist es vorbei.« Sie trug einen grauen, diskreten Hosenanzug, und ihre Stimme klang ebenso. Barata sah sie gehen und sein Herz krampfte sich zusammen. Gleich am nächsten Morgen ging er zum See, aber er war nicht in der Lage, seine Bermudas auszuziehen. Es kam ihm vor, als schauten die Leute ihn böse an, und er fand das Wasser eiskalt. Er sehnte sich danach, Hähnchenteile in einem der billigen Restaurants am Rossio zu essen und dabei die Zeitung zu lesen – auch wenn im August gar nichts los ist. »Das beste am Sommer«, dachte er, »ist, dass gleich danach Herbst ist.«

 

Text: José Eduardo Agualusa

Mit besonderem Dank an Michael Kegler für die Übersetzung ins Deutsche.

 

José Eduardo Agualusa lebte in Berlin zwischen 2000 und 2001. In dieser Stadt hat er zwei Texte geschrieben, die seine Berliner Erfahrungen schildern. Einer davon - „Geben Sie Ihren Kindern eine bessere Vergangenheit“ - war der Ausgangspunkt für seinen Roman „Das Lachen des Geckos“.

 

Im Interview für Berlinda erzählt der Autor über seine Zeit in Berlin.

 

Diesen Text können Sie im Original auf Portugiesisch hören

 

 

  

 
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