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Paulo Scott: “In Brasilien gibt es ein Holocaust der Indigener Bevölkerung”

Foto: Paulo Scott in der Instituto Ibero-Americano in Berlim. © Enrique del Bianco für Berlinda.org

"Meine Generation hat versagt", sagt der brasilianische Schriftsteller Paul Scott. Der Autor aus Porto Alegre kam auf Einladung des Ibero-Amerikanischen Instituts nach Berlin, um sein Roman "Unwirkliche Bewohner" (2013, Wagenbach) zu präsentieren. Das Buch, welches von der Kritik bestens aufgenommen wurde, stellt den kulturellen Konflikt zwischen der einheimischen Bevölkerung und der brasilianischen Mittelschicht dar.

"Unwirkliche Bewohner", im Jahr 2011 veröffentlicht und nun von Marianne Gareis (der Übersetzerin von José Saramago) wunderbar ins Deutsche übersetzt, schildert die Begegnung zwischen einem 21-jährigen Jurastudenten und einem 14-jährigen Indianermädchen, welches in einem Camp am Rande der Autobahn lebt. Beide kommen sich näher, aber die Kluft zwischen ihnen und der Unfähigkeit, jeweils die Welt des anderen zu verstehen, diktiert das Ende der Beziehung. Diese Unmöglichkeit, beide Welten zu vereinbaren wird extrem in Donato, dem gemeinsames Kind, personifiziert. Der indigener Junge wird in einer Umgebung der wohlhabenden Mittelschicht erzogen, besucht eine elitären internationalen Schule und wird stets vom Gefühl begleitet, wie ein Fisch aus dem Wasser zu sein.

Raus aus dem Platz, hoffnungslos im Leben schwebend, scheinen in der Tat alle Figuren dieses Romans zu sein: alle sind unwirkliche Bewohner einer Welt, die nie die eigene ist. Enttäuscht von der Militanz und der Entwicklung der politischen Parteien, verlässt Paul Brasilien, um ein Leben als Hausbesetzer in London zu beginnen. In verlassene Wohnungen bricht er ein und verkauft anderen das Recht, sie zu besetzen. "Um das Land verstehen zu können, muss man das Land verlassen" sagt Scott. "Paulo [die Romanfigur] sucht den Nihilismus, er wir nihilistisch sein aber nicht mal das schafft er." Paulo beginnt eine Beziehung mit der Französin Rener, einer schönen schwarzen Frau, die Model ist und eine Bande von Hausbesetzer führt. Der Schriftsteller selbst ist stolz auf seinen schwarzen Wurzeln. "Ich sehe mich als schwarzer Mann. Es ist eine politische Aussage. Mein Vater ist schwarz, so bin ich auch schwarz."

Warum gibt es in unserer Gesellschaft eine (gewisse) Mischung bzw. Integration mit dunkelhäutigen Menschen, aber nicht mit den indigenen ethischen Gruppen? Und diese vermeintliche Integration, existiert sie überhaupt? "Es ist sehr schwierig, eine echte Kommunikation zwischen den verschiedenen Welten [die es in Brasilien gibt] zu schaffen. Die zentrale Frage des Buches ist vielleicht die brasilianische Identität. Es gibt wesentliche Elemente der brasilianischen Identität, die aus sozialen und politischen Gründen keinen Kontakt zueinander haben."

Paul Scott studierte Rechtswissenschaften, war politischer Aktivist in der brasilianischen Arbeiterpartei und Präsident der Studentenabteilung seiner Universität, die Pontifícia Universidade do Rio Grande do Sul. Obwohl sein Werdegang demjenigen seiner Hauptfigur sehr ähnelt, betrachtet Scott seinen Roman nicht als autobiographisch: "Paulo ist ganz anders als ich. Aber das Szenario ist sehr ähnlich." Genau wie Paulo, auch Scott gab den politischen Aktivismus nach einer gewissen Enttäuschung mit der Entwicklung der Partei auf. "Die PT [Arbeiterpartei Brasiliens] ist nicht ganz so nett wie die Leute denken", sagt er.

Eine der Besonderheiten dieses Romans - die man auf einmal liest, so sehr wird der Leser mit unerwarteten Wendungen und Situationen gefesselt - ist es, einer Guarani-Indianerin eine Stimme zu geben. Die Indigenen werden oft in der Literatur als exotische, dekorative Wesen behandelt, aber selten oder nie als Hauptfiguren. Es tut gut, Maína zu treffen und die Welt durch ihre Augen zu sehen, entfernt von den üblichen Indianer-Klischees. Selbst ihre Entdeckung der Sexualität wird hier auf natürliche Weise behandelt. Gleichzeitig tut es einem weh, ihre grausame Realität und ihre Mangel an Perspektiven zu entdecken, sowie die kalte Schulter seitens der Regierung zu sehen. Maína stellt dem Leser einige Fragen: was wissen wir über die Indianer? Und warum werden sie zu Gleichgültigkeit und Vergessen verurteilt, in der Literatur wie in der Gesellschaft?

"Die Brasilianer lieben es, über etwas zu sprechen, was nichts mit Brasilien zu tun hat. Die Italiener in den Vereinigten Staaten, der jüdische Holocaust in Europa, usw... über die indigene Bevölkerung spricht aber keiner. In Brasilien gibt es einen echten Holocaust der indigenen Bevölkerung. In diesem Augenblick, während wir hier sprechen, werden indigenen Familien mit der Unterstützung der Regierung getötet und vernichtet. Aber niemand spricht darüber, niemand will darüber sprechen. Mein eigener Verleger, zum Beispiel, sagte mir am Anfang, dass dieses Buch nicht verkaufen würde, weil es über die Indianer spricht und niemand würde sich mit einem Buch über Indianer beschäftigen wollen."

Der Roman gewann im Jahr 2012 den Preis der Stiftung Nationalen Bibliothek Brasiliens und wurde sehr gut von der Kritik aufgenommen. Die deutsche Übersetzung ist soeben erschienen. Es könnte sein, dass über die Indianer zu sprechen langsam mal kein Tabu mehr wird.

 

Text: Ines Thomas Almeida

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010) und später das Berlinda Festival (2012).

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