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Kaminer auf Portugiesisch: Interview mit der Übersetzerin Helena Araújo

Foto: Helena Araújo und Wladimir Kaminer © Berlinda

Helena Araújo, Autorin des erfolgreichen portugiesischen Blogs 2 Dedos de Conversa hat Wladimir Kaminers Buch „Die Reise nach Trulala“ ins Portugiesische übersetzt („Viagem a Tralalá“, Tinta da China). Nun begleitet sie den russischen Schriftsteller bei der Buchmesse von Lissabon und in einer kleinen Reise durch Portugal. Wir haben sie interviewt.

 

BERLINDA: Du hast ein Buch ins Portugiesische übersetzt von einem russischen Schriftsteller, der ursprünglich auf Deutsch über deutsch-russische interkulturellen Missverständnisse schreibt.  Wie geht das?

 

HELENA ARAÚJO: Wladimir Kaminer hat eine Art zu schreiben, die den Text leicht zu verstehen und zu interpretieren macht. Da ich in Deutschland seit 1989 lebe (er kam 1990), war der deutsche Kontext in seinem Buch leicht zu spüren und verstehen. Dagegen waren die Beschreibungen über das Leben in der UdSSR manchmal schwierig. Nicht dass es nicht machbar ist, natürlich, aber ich wollte die Situationen so treu wie möglich übersetzen, und da hätte ich mir gewünscht, über ein bisschen mehr Hintergrundwissen zu verfügen. Dazu kam die Art wie Kaminer manche Wörter anwendet: immer wieder kam mir die Frage, ob es ein Zufall war, oder ob er damit ein Witz machen wollte. Zum Beispiel: „die Einheimische“, ein Wort, das mehrmals im Buch vorkommt. Wenn jemand aus Moskau das Wort „Einheimische“ nutzt, um über die Einwohner von einem Dorf in Kasachstan zu sprechen, soll ich in der Übersetzung ein klein ironisches Hauch von Kolonialismus einfügen? War es wirklich so gemeint?  

 

B: War es besonders einfach oder besonders schwierig, den deutschen bzw. russischen Humor ins Portugiesische zu übersetzen?

 

HA: Ich kann nicht sagen, ob es sich um deutschen oder russischen Humor handelt. Für mich, ist es Kaminers Humor. Kurze Sätze, viel Ironie, ein bisschen non sense. Das war an sich nicht schwierig zu übersetzen. Die Stellen an denen ich einige Schwierigkeiten hatte waren natürlich die Wortspiele oder der freie Umgang mit der Sprache. Auch wenn ich selber es so gerne mache, bekannte Wörter in einem ungewöhnlichen Kontext zu nutzen oder Wortspiele zu erfinden, war es nicht immer leicht, die eine oder die andere pfiffige Passage auf Portugiesisch weiterzugeben.

 

B:  Du hast in Deinem Blog über ein spezielles Wort erzählt, was besonders schwierig zu übersetzen war. (Ziegenbock)

 

HA: Ach, die Schimpfwörter! Da gibt es zwei Probleme: wie übersetzt man Schimpfwörter wenn in bestimmten Regionen von meinem Land die Schimpfwörter zum Satz gehören wie ein Komma, dagegen in anderen Regionen sie überhaupt nicht angebracht sind? Außerdem, sind Schimpfwörter etwas sehr persönliches – die Leute benutzen das selbe Wort, aber jeder mit einer bestimmten Bedeutung. Es gibt das bekannte Beispiel, als der Trainer Mourinho „Hurensohn“ zu einem Schiedsrichter sagte, und danach argumentiert wurde, dass so ein Name ein Ausdruck des Respekts und der Zuneigung sein kann.

In dem Buch gibt es ein Moment in dem ein Mann zum anderen „Ziegenbock“ sagt. Da fragte ich mich: meint er das auf Deutsch oder auf Russisch? Ziegenbock als deutscher Schimpfwort kannte ich nicht. Also, musste es Russisch gemeint sein. Im Internet fand ich die Information, dass in Russland „Ziege“ als „hinterlistig“ zu verstehen ist. Auf Portugiesisch wäre es dann „alter Fuchs“. Ich war aber nicht sicher, und erst recht nicht zufrieden. Deswegen habe ich eine E-Mail an den Schriftsteller gesendet, und bald die Antwort bekommen: Ziegenbock ist als „stur“ zu verstehen. Aha, „Maultier“!
An der Stelle muss ich schon sagen: die Unterstützung, die ich für meine Übersetzungsarbeit vom Schriftsteller bekommen habe, war mehr als vorbildlich. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

 

B: W. Kaminer sagte, er hat Angst vor Übersetzungen. Was ist für Dich die größte Herausforderung als Übersetzer, und wie schaffst Du es, eine neutrale Übersetzung zu machen?

 

HA: Die größte Herausforderung liegt für mich darin, die Absicht des Schriftstellers richtig zu verstehen. Zum Beispiel: was meinte er genau mit einem bestimmten Wort? Ist ihm diese Buchstaben- oder Wörterwiederholung zufälligerweise passiert, oder war das ihm wichtig? Die zweitgrößte Herausforderung ist es dann in der selben Leichtigkeit und Eleganz auf Portugiesisch weiterzugeben. 
Ich weiß nicht ob ich eine neutrale Übersetzung gemacht habe. Ob es überhaupt möglich ist, eine neutrale Übersetzung zu machen. Allein die Tatsache, dass ein Wort mehrere Bedeutungen hat, und der Übersetzer sich für nur eine dieser Bedeutungen entscheiden muss, macht die Neutralität unmöglich. Ich versuchte die Absicht des Schriftstellers zu verstehen, mich an den Rhythmus vom Text zu halten, und dem Original treu zu bleiben – auch wenn es manchmal nicht richtig Portugiesisch klingt. Aber da es auch manchmal nicht richtig Deutsch klingt, konnte ich mir in manchen Fällen die Freiheit gönnen, dem portugiesischen Text etwas leicht befremdliches auszuleihen, wie es auch im deutschen Original zu finden ist.       

 

 

B: Du wirst W. Kaminer in einer kleinen Lesereise begleiten - in Lissabon und in Montemor-o-Novo sind Lesungen geplant. Du arbeitest auch als Reiseführerin und wirst ihn bestimmt viel von Portugal zeigen. Über welche Stadt oder Ort würdest Du Dich besonders freuen, wenn Kaminer darüber schreiben würde?

 

HA: Soweit denke ich gar nicht. Ich freue mich unheimlich, wenn er aus dieser Reise Stoff für schöne Geschichten mitnimmt. Aber welche Geschichten, welches Ort – darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Allerdings denke ich seit der Berlinda Interview, dass er und seine Frau vielleicht diesmal ein bisschen  das erleben werden, worauf sie sich damals in der UdSSR ersehnt haben: die Einmaligkeit und die Magie eines Landes kennenzulernen. Glücklicherweise haben sich einige sehr interessante und gebildete Menschen bereit erklärt, unserer kleinen Gruppe zeitweise zu begleiten, um die Besonderheiten der Orten zu zeigen und erzählen. Wladimir und Olga Kaminer werden das erleben, was man normalerweise als Tourist nicht erlebt, und darüber freue ich mich ganz besonders.

 

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010) und später das Berlinda Festival (2012).

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