MAGAZIN

From Buraca to Berlim: Interview mit Kalaf Ângelo

Foto: © Promo / Buraka Som Sistema

Kalaf Ângelo, angolanischer Musiker, Dichter und Chronist, ist der starke Mann der Band Buraka Som Sistema, einer Art Weltmusik für Tanzflächen, bei der elektronische Rhythmen mit angolanischem Kuduro kombiniert werden. Nach den überwältigenden Erfolgen der Alben From Buraka to the World und Black Diamond erscheint im Oktober 2011 die neue Platte Komba. Das neue Album stellt die Band jetzt auf Tour vor, die sie unter anderem nach Brasilien, Argentinien und die USA führt. Am 10. September spielen sie in Berlin beim Berlin Festival im Flughafen Tempelhof.

 

Kalaf Ângelo spricht bedächtig in überlegten Worten, als wolle er in jedem Satz Eleganz entdecken. Wer seine erste Stimme hört, kann sich nur schwer vorstellen, dass der Alltag dieses jungen Mannes daraus besteht, Tausende vor der Bühne zum Ausrasten zu bringen. Er lebte ein Jahr lang in Berlin und hegt sehr liebevolle Erinnerungen an die Stadt.

 

BERLINDA: Wie bist Du nach Berlin gekommen?

 

KALAF ÂNGELO: Mein erster Besuch in Berlin... Ich machte gerade etwas mit dem Programm Próximo Futuro (Nächste Zukunft) mit der Stiftung Fundação Calouste Gulbenkian und die wiederum kooperierte mit der Akademie der Künste in Berlin. Bei dieser Kooperation wurden ein paar Performer, Dichter und Musiker aus Lissabon gebeten, an einem Programm über Europa und die europäische Identität teilzunehmen und ich wurde eingeladen. Das war mein erster Besuch. Ich blieb drei Tage lang und war fasziniert. Im Jahr darauf erhielt ich eine Einladung vom Poesiefestival Berlin, das 2008 der portugiesischen Sprache gewidmet war. Dieses Mal blieb ich länger und fand die Stadt wunderbar. Ich habe einen Tick mit Städten: Ich mag Städte, die nicht leicht im Umgang sind oder für die man sich beim Besuch etwas mehr Zeit nehmen muss, sich treiben lassen muss und die nicht von Anfang an freigiebig sind. Berlin ist nicht unbedingt die freigiebigste Stadt der Welt, zum Teil weil wir die Sprache nicht sprechen, so blieben wir ein bisschen wie im „Hausflur“ stehen. Aber die Stadt ist bezaubernd, und da es eine Stadt ist, die nicht zum Eintreten einlädt, eine schwierige Stadt für neugierige Menschen wie mich, ist sie sehr interessant. Sie ist eine europäische Hauptstadt voller Geschichte. Hier wurde die Geschichte der modernen Welt geschrieben, es gibt ein Vorher und ein Nachher, und Berlin liegt an dieser Grenze. Für Menschen, die an Geschichte interessiert sind und daran, wie die Welt sich nach so prägenden Einschnitten wie Kriegen erholt – und ich komme aus einer von Kriegen geprägten Gesellschaft – ist Berlin sehr interessant. Es machte mich neugierig und faszinierte mich.

 

B: Und wie wurdest Du von einem Besucher zu einem Bewohner?

 

KA: Jahre später lebte ich gerade wieder in Lissabon – Lissabon ist immer mein Ausgangpunkt, ich kann Monate oder sogar ein Jahr woanders verbringen, aber ich kehre immer zurück. Ich war gerade etwas enttäuscht von Lissabon – es ist eine leicht zugängliche Stadt, freigiebig, aber man kann auch schnell ernüchtert sein, denn sie ist nicht so dynamisch, wie sie unserer Meinung nach sein könnte. In meinem Kopf gab es zwei Optionen: London oder Berlin. Meine damalige Partnerin hasste London. Sie fand Berlin auch nicht besonders toll, obwohl sie Deutsche war, aber London stand nicht zur Debatte. Also gingen wir nach Berlin. Das war Ende 2009. Ich habe in der Immanuelkirchstraße im Prenzlauer Berg gewohnt. Das kam daher, dass ich bei meinem Besuch in der Stadt in einem Hotel in der Nähe der Friedrichstraße gewohnt habe, die wiederum nahe der Akademie der Künste war. Damals hab ich ein bisschen die Stadt, den Prenzlauer Berg erkundet. Ich habe die Straßen gesehen und mir vorgestellt, dort zu leben. Alle zwei Jahre suche ich mir ein neues Ziel und genau in dieser Zeit suchte ich mir die Stadt aus, um mich eine Weile aufzunehmen. Ich denke nie, dass Dinge für die Ewigkeit sind, ganz im Gegenteil, wenn man die Energie hat, neue Orte zu erkunden, dann muss man es tun. Und ich habe es getan. Ich blieb ein Jahr in Berlin, bis mich Verpflichtungen wieder nach Lissabon riefen und ich mich nicht mehr zwischen den zwei Städten aufteilen konnte.

 

BERLINDA: Drehte sich dein Leben in diesem Jahr um den Prenzlauer Berg oder hast Du auch anderes kennengelernt?

 

KA: Eine Sache habe ich rausgefunden – die Stadt ist riesig. Kreuzberg und Friedrichshain waren auch Viertel, in denen ich viel Zeit verbracht habe, denn viele Freunde wohnten dort. Alle haben mir davon abgeraten nach Prenzlauer Berg zu gehen, da sei es sehr bürgerlich und gäbe es zu viele Babys... Aber ich mochte es, so hatte sich Berlin mir beim ersten Mal vorgestellt, es war mein erster Ort in der Stadt. Ich bin nicht schnell im Erkunden von Städten, ich brauche Jahre, um sie komplett zu durchstreifen. In Lissabon mache ich das auch, ich erkunde es sehr langsam und lerne erst mal einen Ort kennen, von dem aus ich mich dann langsam ausbreite.

 

B: Welche Eigenheit ist Dir in Berlin ganz besonders aufgefallen?

 

KA: Die Berliner hegen ein gewisses Misstrauen Besuchern gegenüber. Das ist in meinen Augen ein Nachteil in der Beziehung zwischen Besuchern und Besuchten. Ich war nicht lange genug da, um den Grund für dieses Misstrauen herauszufinden. Bei mir war es nicht ganz so deutlich, denn ich habe das Glück, in einem Bereich zu arbeiten, in dem Sympathien fast sofort entstehen, die Leute kommunizieren und tauschen sich sehr schnell aus, die Musik bricht alle Zwänge und überwindet sprachliche Barrieren und kulturelle Unterschiede. Aber dieses Misstrauen war der Stadt eigen und machte die Orte weniger einnehmend. Man müsste sich darauf vorbereiten. Ich kenne Leute, die von dieser Einstellung geschockt waren. Aber da ich viele Städte bereise, immer unterwegs bin, ist dies gleichzeitig auch eine Eigenheit, die mich anzieht – alles ist schwierig und Du musst Dich anstrengen, um mich zu verstehen bevor ich Dich verstehe – dieses Hadern mit den Touristen... Die Berliner kämpfen dagegen, dass die Stadt zu touristisch wird, zu sehr der Welt ausgesetzt ist. Sie wollen sie eher für sich behalten. Was witzig ist, wenn man bedenkt, dass es in der Stadt wenig Wirtschaftsaktivität gibt und dass der Großteil der Menschen freie Berufe ausübt, es sind Künstler, Freiberufler, die von den Besuchern abhängen, die die interessierten Blicke der Ankommenden brauchen... Es ist spannend, die Dynamik dieser Lebensweise der Stadt zu beobachten.

 

B: Aber glaubst Du, dass es sich lohnt, diese anfängliche Reserviertheit zu überwinden?

 

KA: Absolut. Auch gerade im Bezug auf die Grünflächen, die Lebensqualität. In dem Viertel, in dem ich gelebt habe, bietet jede Straße eine Lebensqualität, die ich in Lissabon nicht habe. Man kann mehr Zeit draußen als zuhause verbringen, jedenfalls wenn das Wetter es erlaubt. Wenige Städte bieten dies. Und die Wohnungen selbst sind gut ausgestattet, um den harten Winter zuhause durchzustehen, es gibt Infrastrukturen, die ein großes Plus für alle, die gerne in urbanen Räumen wohnen, sind.

 

B: Das Wetter war kein Problem?

 

KA: Ich bin Afrikaner, ich betrachte dieses Klima von seiner exotischen Seite [lacht]. Andere Leute reisen nach Afrika auf der Suche nach dem Exotischen, ich finde es exotisch, zwei Meter hohen Schnee zu sehen, für mich ist das alles neu. Ich fand die komplett verschneite Stadt toll.

 

B: Liegt Berlin auf den internationalen Routen in deinem Bereich, oder war es eher eine persönliche Entscheidung?

 

KA: Berlin ist nicht so sehr der Mittelpunkt, wie man denkt. Einerseits ja, denn es ist an Osteuropa angebunden. Ich mochte es, Europa von einem anderen  Standpunkt aus zu erkunden. Aber man muss die Stadt lieben, um in ihr zu wohnen. Andererseits kann man die Stadt nicht so leicht verlassen. München ist wesentlich zentraler, jedenfalls für mich, für mich ist die Frage der Mobilität sehr wichtig. Von Berlin aus gibt es keine Direktflüge, weder  von Tegel noch von Schönefeld. Ich habe viel Zeit beim Fliegen verbracht, über München, über Brüssel... Es war schwierig, pünktlich zu Terminen zu gelangen und das war für mich ein wichtiger Faktor. Aber meine Leidenschaft für die Stadt war größer als die praktischen Aspekte der Mobilität, die mich ein bisschen eingeschränkt haben.

 

B: Hast Du dieses Jahr zum Schreiben, Komponieren oder Ferienmachen genutzt?

 

KA: Nein, ich habe in Berlin gearbeitet und Geld ausgegeben [lacht]. Und Konzerte gespielt, aber über schon existierende Kanäle. Meine Agenten sitzen zum Beispiel in London, aber ich habe auch Agenten in Deutschland, in Berlin, das ist alles eine Maschinerie. Aber ich habe nie Freundschaft mit ihnen geschlossen. Obwohl sie meine Nachbarn waren, musste immer alles über die Kanäle meiner professionellen Aktivitäten gehen. In diesem Sinne war in Berlin zu sein fast genauso wie in Amadora zu sein [lacht]. Ich nannte es Zuhause, mein Zuhause in Berlin. Ich habe die Winter zum Schreiben und Nachdenken genutzt – die gleiche Routine, der wir folgen, wenn wir zu Hause sind.

 

B: Ist das Publikum in Berlin anders?

 

KA: Berlin ist nicht so jung. Der Altersdurchschnitt im Publikum bei meinen Konzerten war etwas höher als in fast allen anderen Städten Europas, die ich schon besucht habe. Das geht von 25 bis 35 Jahren, manchmal sogar mehr, das machte die Live-Dynamik anders. Die Leute positionieren sich anders. Und die Berliner sind immer um Coolness besorgt, alles muss cool sein und eine gewisse Geschlossenheit haben... Es gibt diese Bedingung. Es ist nicht das enthusiastischste Publikum, sondern ein reiferes Publikum, das eine andere Lebensweise hat, etwas zurückgenommener, ernster.

 

B: Aber spielst Du gerne da?

 

KA: Ja, es ist immer eine tolle Erfahrung. Ein Aspekt, der die Stadt interessant macht, ist die Beziehung zur Kunst. Die Anzahl der Künstler pro Quadratmeter ist unendlich. Es gibt eine Verbindung zur Kunst, die man so nicht oft erlebt, Aktivitäten von Galerien und Museen, die einzigartig sind. Das macht die Stadt äußerst begehrenswert für Besucher.

 

B: Würdest Du wieder in Berlin leben?

 

KA: Ja. Meine Beziehung zu Berlin wurde unterbrochen, ich habe noch nicht alles entwickelt, was ich entwickeln wollte und als ich mich gerade an den Rhythmus angepasst hatte, musste ich nach Lissabon zurück. Ich würde der Stadt gerne noch eine Chance geben, und werde das auch tun.

 

 

Interview: Ines Thomas Almeida 

Neben seinem Aufenthalt in Berlin hat Kalaf Ângelo viele weitere spannende Seiten. Um mehr über den Künstler zu erfahren, lesen Sie den Artikel im Magazin BUALA.

 

  

 
Please reload

Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida nasceu na República Dominicana e cresceu em Portugal como bilingue e com dupla nacionalidade. Mudou-se para a Alemanha para estudar Canto na Escola Superior de Música e de Teatro de Rostock. Alguns anos depois de se instalar em Berlim, criou o magazine online Berlinda, e, mais tarde, o Festival Berlinda.

Please reload

Freunde von Berlinda e.V. , Heimstr. 3, 10965 Berlin - info@berlinda.org 

BERLINDA 2019 · All rights reserved