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Tschüss, ich geh’ nach Berlin!

Maria-Grácia Guimarães

Fotos: © Lúcia Vicente

Vor fünf Jahren habe ich das Leben neu entdeckt. In Lissabon war bereits alles getan. Das InovArt tauchte an einem Nachmittag und zum Ende der Bewerbungsfrist in einem Café. Noch am selben Wochenende, in einem Gebirge im Alentejo, bewarb ich mich. Ich wurde angenommen und mein Leben änderte sich.

Tschüss, ich geh’ nach Berlin!

Ich kam an, meine Gedanken voller Freude und gespannt auf die Herausforderungen. Ich musste ganz von vorn anfangen. 1998 musste ich dies schon einmal, als ich mit 18 Jahre nach Lissabon ging. Ein weiteres Mal also ließ ich meine Freunde zurück – um neue zu finden. Ich ließ meine Arbeit zurück, um die Zukunft herauszufordern. Ich ließ Lissabons Hügel und den Tejo zurück, um es mit Berlins Parks und der Spree aufzunehmen.

Und so kam ich an, glücklich, und die erste Herausforderung gemeistert. Ich hatte große Angst davor, dass ich Berlin hassen würde. Schließlich zog ich in eine Stadt, in der ich vorher noch niemals war. Ich landete und fühlte mich zu Hause. In Faro hatte ich mich nie so gefühlt. In Lissabon hatte ich mich auch nie so gefühlt. Es ist Berlins Luft, die voller Träume und sonderbarer Sprachen ist. Ich erinnere mich, dass ich in der ersten Zeit das Gefühl hatte, in Berlin all meine Träume erfüllen zu können, alles machen zu können, was ich wollte – es war alles möglich. Allerdings sah die Realität nicht ganz so aus.

Als InovArt endete, kamen die wirklichen Herausforderungen auf mich zu. Deutsch lernen. Eine Aufgabe, mit der ich noch immer zu kämpfen habe. Arbeit finden. Das war nicht einfach. Sechs Monate lang verschickte ich Lebensläufe, ohne je eine positive Antwort zu erhalten. Jeden Tag weinte ich in der Dusche. Die Dusche war der einzige Ort, an dem sich meine Tränen mit dem Wasser vermischten und sie somit niemand bemerkte. Ich nahm die erste Stelle an, die sich ergab. Kundenservice auf Spanisch. Ein Jahr arbeitete ich in Potsdam. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück, täglich zwei Stunden im Winter. Jener Winter. Der härteste der letzten 30 Jahre. Niemals hatte ich es schneien sehen. Nie hatte ich mit Schnee gespielt. Die ersten Tage verbrachte ich damit, im Schnee herum zu stapfen und mich an dem Geräusch von fallenden Schneeflocken zu erfreuen. Von Dezember bis Januar fand ich den Schnee sehr schön und interessant. Aber nach Februar begann er an Reiz zu verlieren. Und im März kam er mir schon schrecklich vor. Langsam reicht’s mit dem Schnee! Die Sonne kam zurück und ich dachte über einen neuen Job nach. Immerhin habe ich einen Abschluss und spreche drei Sprachen fließend. Ich vermied es mein Leben in Zügen zu verbringen oder darauf zu warten in einem Call Center arbeiten zu können, was ich hasste.

Und voilá, eine weitere Herausforderung: akzeptieren, dass auch in Deutschland nicht alles glatt und gerecht verläuft. Genau wie in jedem anderen Land, in dem viele Emigranten leben, wird man übers Ohr gehauen. Ebenso nutzen sie dich und deine Ignoranz gegenüber dem Gesetz aus. Und so war es. Ich war glücklich Spanisch- und Englischlehrerin zu sein. Und gleichzeitig so unglücklich, weil ich nicht mal genug Geld hatte, um meine Miete zu bezahlen. Gefangen in einem Arbeitsvertrag, der mich dazu verpflichtete eine Entschädigung an die Firma zu bezahlen, falls ich nicht bis zu Vertragsende bleiben würde. Eine weitere Herausforderung. Halte durch und weine (natürlich in der Dusche!), denn das Leben voller Herausforderungen ist eben so.

Die anfängliche Freude war schon lange vergangen und mein Herz war gefüllt mit schwierigen Herausforderungen. Und die Freunde… Diese hatte ich irgendwo in Lissabon verloren. Und mit dreißig findet man auch nicht mehr so leicht neue wie früher. Man hat nicht mehr diese Kraft sich täglich um derartige Beziehungen zu kümmern.

Zu dieser Zeit etwa, als ich Lehrerin war, stand ich der größten Herausforderung meines Lebens gegenüber: mich selbst kennenlernen, mich entdecken und sich nicht scheuen die andere Person, in die ich mich verwandelt hatte, zu akzeptieren. Stark sein und daran glauben, dass dieser kurvenreiche Weg in Berlin mich zu einem anderen Weg führen würde, auf dem viele gute und interessante Dinge auf mich warteten. Und so war es.

Die Veränderungen des Hauses, zuerst mit dem Fahrrad, dann mit der U-Bahn, dann mit dem Auto.

In Berlin fand ich heraus, dass ich, vielleicht, so sein wollte, wie meine Schwestern. Ganz zur Freude meiner Eltern, die mich meine ganze Jugend lang mit dem Satz gequält hatten: “Warum musst du so sein? Warum musst du so anders sein als deine Schwestern?”

Ich bin die jüngste von sechs. Wir sind fünf Mädchen und ein Junge. Alle haben sie ein Café oder ein Restaurant in der Algarve. Eine von ihnen, die sich mit einem nicht zufrieden gab, besitzt drei. Während ich aufwuchs, wollte ich ihnen nie helfen. Ab und zu besuchte ich sie. Aber selten zu den Öffnungszeiten, so dass sie auch keine Hilfe benötigten. Nicht, dass ich ihnen nicht helfen wollte, ich mochte diese Hektik in den Cafés und Restaurants nicht. Ich wollte Archäologin und dann Schauspielerin werden. Und beides ergab sich. Ich habe einen Abschluss in Geschichte und mit 22 war ich professionelle Schauspielerin.

Ich veränderte mich. Mittlerweile mag ich diese Hektik der Cafés. Ich fand heraus, dass ich es liebe Cupcakes zu machen und mit Schokolade zu arbeiten. Dass ich es liebe für andere zu kochen und mit meinen kulinarischen Entdeckungen Freude zu bereiten. Ich entdeckte, dass ich ein Café haben will und meisterte eine Herausforderung, die jahrelang um mich herum schlich: letztendlich bin ich doch wie meine Schwestern, zur Freude meiner Eltern. Und daran gibt es nichts auszusetzen. Ich bin wie sie, aber anders. Kosmopolitischer. Wagemutiger. Nun sind meine Gedanken wieder voller Freude. Und bis Jahresende werde ich mein Café haben. Also bis dann! Ich geh ins Café!

 

Text: Lúcia Vicente

Übersetzung ins Deutsche: Alexandra Berg

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Lúcia Vicente

Lúcia Vicente wurde in Faro (Portugal) geboren und hat Geschichte an der Neuen Universität Lissabon Studiert. In Berlin lebt sie seit 2009. Sie ist Schauspielerin, Performer, DJ und Blogger. Lúcia Vicente ist künstlerische Leiterin von Immoral Babylon Productions und bereitet zur Zeiz die Show Berliner Luft vor. Sie ist für eines der besten Geheimtipps Berlins zuständig: die Vintage Berlin Tours.

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