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Hüpf-Hüpf, BERLIN!

Maria-Grácia Guimarães

Fotos: Links ©Inês David, Rechts ©Bárbara Santos

Meine ersten Besuche in Berlin, zwischen 1999 und 2001, fanden allesamt im Winter statt. Ich bin jedes Mal mit der Überzeugung abgereist, dass die schlechte Laune eine Eigenschaft sei, die einfach zu dieser Stadt gehört. Alles erschien mir grau: der Himmel, die Stadt und die Menschen.

Dann besuchte ich Berlin im Herbst und war begeistert von der Farbexplosion und einer gewissen Leichtigkeit der Menschen. Ein anderes Mal besuchte ich Berlin im Sommer und hatte das Gefühl in einer vollkommen anderen Stadt zu sein.

Als ich 2009 nach Berlin zog, entdeckte ich, dass die Stadt im Laufe eines  Jahres, mehrere vollkommen unterschiedliche Gesichter aufweist.

Zuerst erwacht die Stadt gleichzeitig mit den Blättern und Blumen, um sich dann freudig mit den ansteigenden Temperaturen auszudehnen. Es folgt eine gewisse Leichtigkeit verbunden mit einer romantischen Melancholie, welche der Herbst bringt. Und im Winter entsteht eine Stadt der geschlossenen Türen.

Man versuchte mir zu erklären, dass der Winter eine Art Rückzugsverlangen, ein introspektives Verhalten bei den Menschen auslösen würde. Jedoch macht diese Aussage für jemanden, der immer in Rio de Janeiro gelebt hat, also eine waschechte „Carioca“ ist, keinen besonderen Sinn. In meiner Heimatstadt ist der Winter so unbeständig, dass selbst ein Tag am Stand möglich ist.

Seit ich in Berlin lebe, konnte ich diese Verhaltensänderungen mit eigenen Augen mitverfolgen, mehr noch, ich durchlebte sie selbst.

Es ist sehr beeindruckend zu erleben, wie den ausgedörrten Bäumen plötzlich frisches Grün wächst. Von einem Tag auf den anderen ist man von bunten Blumen umgeben, wie von magischer Hand gezaubert. Es ist unmöglich sich nicht anstecken zu lassen. Die Farben des Frühlings spiegeln sich in den Augen der Menschen wieder, die selbst aufblühen.

Der Sommer braucht lange, um sich zu stabilisieren. Wenn er aber endlich da ist, gleicht es einem Fest! Die entblößten Körper fliegen auf wilden  Fahrrädern durch die Stadt. Die Cafés und Restaurants breiten sich auf den Bürgersteigen aus und füllen sich mit lachenden Gesichtern. Die Stadt   erhellte verzaubert einen.

Im Anschluss lässt die Farbenpracht des Herbstes die Menschen ihre poetische Ader entdecken. Jeder Baum gleicht einem Gedicht. Die Parks verwandeln sich in Veranstaltungsorten, Orte an denen die Natur uns ihr Licht-, Ton- und Bildschauspiel präsentiert.

Und dann kommt der Winter….und der bleibt….

Wenn es schneit ist es schön. Alles ist weiß und strahlt. Das Knirschen der Schritte im Schnee zu hören, im Schnee zu spielen, gefällt jedem. Das Gefühl ändert sich aber, wenn man sehr lange Zeit mit dem Schnee leben muss.

Und um das Winterpanorama zu ergänzen, gibt es die Farbe Grau. Eine endlose Aneinanderreihung grauer Tage beginnt die Landschaft, die Menschen, das Lächeln, die Blicke zu ergrauen. Ein durchdringendes Grau, welches Körper und Seele erreicht. Ein schweres Grau, das einen erstarren lässt.  Auf diese Weise verwandelt sich der lange Winter in eine echte emotionale Herausforderung.

Glücklicherweise konnte ich einen Ort in Berlin ausfindig machen, der nie ergraut, an dem selbst die grauesten Menschen der Versuchung einer frühlingshaften Freude nicht widerstehen können.

Es handelt sich hier um eine Hüpfburg, die sich auf einem kleinen Platz vor meinem Haus befindet, genau vor meinem Fenster.

Die Hüpfburg fing an, meinen individuellen, persönlichen und ureigenen Prozess des „Ergrauens“ zu beeinflussen.

An einem tiefgrauen Tag, an dem ich mich selbst als „grau“ empfand, ohne richtige Lust zum Arbeiten, ohne Inspiration zum Schreiben, richtete ich  meinen leeren Blick zum Fenster, um ins eigentliche Nichts zu schauen. Plötzlich erweckte ein hüpfender Körper mein Interesse. Aus der Ferne konnte ich schon erkennen, dass dieser Körper lächelte.

Ein aufrichtiges Lächeln, an einem grauen und kalten Tag, ist  außergewöhnlich und bewundernswert.

Der Platz war mit Schnee bedeckt, ausser drei quadratischen Blöcken auf dem Boden. Dort befand sich die Hüpfburg. Ich versuche es mal zu beschreiben: eine am Boden haftende Struktur aus flexiblen und belastungsfähigen Streifen, die genau drei parallele, quadratische Blöcke einnimmt. Man kann von einem Quadrat zum nächsten hüpfen oder einfach versuchen so hoch wie nur möglich auf einem der Quadrate zu hüpfen. Da die Struktur über Löcher im Boden montiert ist, sammelt sich dort kein Schnee an. Die Hüpfburg bietet sich dem Spaziergänger förmlich an, der seinem eigentlichen Weg nicht  lange verlassen muss, einen ästhetischen, emotionalen und spielerischen Moment zu erleben.

Kommen wir zu meinem leeren Blick aus dem Fenster zurück….

Der Körper hörte auf zu Hüpfen und ging seines Weges weiter. Es war nur ein kurzer Halt auf seiner Strecke, wahrscheinlich einfach eine Verschnaufpause, ich weiß es nicht. Mein erster Impuls war es ihm hinterher zu rufen, ihn zu bitten zurückzukommen und noch etwas zu hüpfen, um jenes strahlende Lächeln mit mir zu teilen. Aber ich schwieg…

Ein paar Minuten später, die nächste Szene. Ein Mann und ein kleines Kind.  Sie sahen aus wie Opa und Enkel bei einem morgendlichen Spaziergang. Der Mann bewegte sich langsam, da das Kind noch unsicheren Schrittes war,  es schien noch nicht lange das Laufen gelernt zu haben. Der Mann zeigte dem Kind die Hüpfburg und wie diese zu nutzen war. Daraufhin hüpft und hüpft und hüpft der Junge, wenn auch noch etwas unsicher, aber er hüpft.

Der Mann steht daneben und schaut zu. Der Junge wird nicht müde: hüpf, hüpf, hüpf….Der Mann streckt dem Jungen die Hand entgegen, um ihm beim Verlassen der Hüpfburg behilflich zu sein. Der Junge hört kurz auf zu hüpfen, schaut die sich ihm anbietende Hand an, die ihn einlädt weiterzugehen. Dann hüpft er einfach weiter. Plötzlich entscheidet er sich um, und lädt seinerseits den Mann ein mit ihm zu hüpfen. Der Mann widersteht nicht. Ich auch nicht, ich verbleibe ebenfalls mit meinem Blick bei der Szene und hüpfe mit.

Später eine weitere Szene: zwei Frauen gehen spazieren und unterhalten sich wahrscheinlich über das Leben. Ich kann nicht hören, was sie sagen, aber ich kann die Ernsthaftigkeit mit der sie das Thema besprechen, erkennen. Plötzlich nimmt eine der Frauen die Hüpfburg war. Die Frauen schauen sich an und entscheiden hinzugehen. Die Gesichter einander zugewandt, hüpfen und lachen sie, während ihre Handtaschen fliegen.

Während des ganzen Winters friert die Hüpfburg nicht zu. Kinder und Erzieherinnen aus dem Kindergarten, junge Studenten, Arbeiter, Rentner, Besucher und Bewohner der Umgebung werden hier täglich mit der Möglichkeit konfrontiert, unabhängig von Uhrzeit und Jahreszeit zu hüpfen. Die Sprünge  wirken befreiend und vermehren Energie und Freude.

Ich schlage vor, mehrere dieser Gegengifte gegen das „Ergrauen“ der Seele in der ganzen Stadt aufzustellen bevor der nächste Winter kommt.

Text: Bárbara Santos

Übersetzung: Britta Mönch-Pingel

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Bárbara Santos

Bárbara Santos  ist gebürtig aus Rio de Janeiro, Brasilien. Sie studierte Soziologie und war bis 2008 die Direktoren des „Centro do Teatro Oprimido“ (Zentrum des Theaters der Unterdrückten) in Rio de Janeiro. Hier arbeitete  sie fast zwei Jahrzehnte lang zusammen mit Augusto Boal an mehreren Projekten inklusive dem Legislativen Theater und der Ästhetik des Unterdrückten. Sie entwickelter das Madalena Labor – Theater der Unterdrückten, ein neuerartiger ästhetische Versuch über die erlebten Unterdrückungen von Frauen. Bárbara Santos ist künstlerische Leiterin des Kuringa und Verlegerin der Zeitschrift Metaxis (Brasilien).  editora da Revista Metaxis (Brasil). Zurzeit lebt sie in Berlin.

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