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Interview mit Filinto Elísio - ein Mann, der sich für Menschen und die Welt interessiert

Foto: © Enio Moraes Júnior

Der Schriftsteller und Dichter Filinto Elísio, Autor der Werke Do Lado de Cá da Rosa (1995), O Inferno do Riso (2001) und Zen Limites (2016), wurde 1961 in Cidade da Praia, Kap Verde, geboren. Sowohl Journalist als auch Dozent, hatte er auch Verwaltungsämter in seinem Heimatland innen. Er wohnt aktuell in Lissabon, wo er schreibt und sich der Arbeit als Verleger bei Rosa de Porcelana widmet, einem Verlag, der sich auf Publikationen in portugiesischer Sprache spezialisiert hat.

Elísio war neulich in Berlin, wo er an einem Event über die Kultur und Literatur Kap Verdes teilnahm. In diesem Interview zeigt er seine Begeisterung für die deutsche Hauptstadt, die er als eine kosmopolitische und multikulturelle Stadt wahrnimmt.

Der Schriftsteller ist ein Bewunderer der Lusophonie und der portugiesischen Sprache. Aber nicht nur. „Mein Schreiben ist wie die Welt Meine philosophische und ästhetische Denkweise ist wie die Welt“, erzählt er und legt seinen aufmerksamen Blick auf die Bürger und die Zeit und den Raum, in welchen sie leben.

„Anhand der Globalisierung, mit ihren Vor- und Nachteilen, muss die Dimension unserer Aktualität und unseres Bestehens als lusophonische Bürger verstanden werden“, so seine Wörter im in der Zeitung Diário de Notícias da Madeira. Was bedeutet es, ein lusophonischer Bürger zu sein, wenn man außerhalb eines geographisch portugiesischsprachigen Raumes wohnt?

Lusophonische Bürgerschaft bedeutet für mich, dass wir portugiesisch sprechenden Menschen die gemeinsamen und konvergierenden Punkte verdeutlichen können, sodass wir Bürgerschaftsrechte anhand einer Identität, die als pluralisch und divers, aber auch gemeinsam wahrgenommen wird. Die CPLP (Comunidade dos Países de Língua Portuguesa - Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder) sollte meiner Meinung nach mehr in die gemeinschaftliche Zugehörigkeit der Lusophonen investieren, ihnen gemeinsame Rechte ermöglichen und nicht nur in die vielen Länder, die Portugiesisch als Amtssprache haben, sondern in die vielen portugiesisch sprechenden Gemeinschaften in der „Diaspora“. Die fünfte meistgesprochene Sprache zu sein, ist nicht nur ein geteiltes historisches Schicksal, sondern sollte auch eine bestimmte Angehörigkeit mit sich bringen, die sich vielleicht von einer Staatsangehörigkeit unterscheidet. Ich denke an die Mobilität von Menschen und Gütern, etwas was jetzt fließender und einfacher in der CPLP stattfinden sollte.

 

Laut Statistischem Bundesamt haben 22,5 % der Einwohner Deutschlands - 18,6 Millionen Menschen - einen Migrationshintergrund und ein Großteil davon lebt in Berlin. Ist es wichtig, dass die kulturelle und sprachliche Identität der Ausländer in den aktuellen globalen Metropolen erhalten wird? Und in Bezug auf die lusophonische Identität?

Selbstverständlich, der Reichtum der großen Metropolen ist der Kosmopolitismus, die Idee der Babel-Welt. Die Dynamik der Interkulturalität und Transkulturalität, der Dialog und die Interaktion der Wesensart, die Arten der Produktion von Künsten und Kultur, offen und großzügig. Deutschland ist ein Land mit einer pulsierenden multikulturellen Energie und Berlin ist das beste Beispiel. Die großen Metropolen sind, wenn sie es tatsächlich sind, die Metonymie der globalen Diversität. Mich fasziniert es, mein Schicksal mit Menschen aus alle Breitengraden zu teilen, in einer großzügigen und sogar symbiotischen Beziehung, mit Identitäten, die offen und bereit für den Austausch sind.

 

Ist für Sie die Lusophonie und der Ausdruck auf portugiesisch eine Inspiration beim Umgang mit Worten, beim Schaffen Ihrer eigener Literatur?

Ja, zweifelsohne. Ich besitze eine ambivalente linguistische Identität. Ich bin Bilingual, in Anbetracht der großen Dimension des Kreolischen aus Kap Verde / der Kapverdischen Sprache in mir und bei der Mehrheit der Kapverdier, ein Ausdruck der Matrixkultur, die offiziell gemacht werden muss. Bis jetzt bin ich in der Literatur vor allem Lusograph und ich habe entscheidende Einflüsse von portugiesisch sprachigen Autoren, nämlich denen aus Kap Verde, Brasilien, Portugal und Angola erhalten. Diese Sprache, die die von Luís de Camões und Machado de Assis ist, ist auch die Sprache von Jorge Barbosa, von Francisco José Tenreiro und von José Craveirinha. Es ist meine Sprache, in der ich denke, träume, schreibe und erschaffe, in meiner zugegebenen Bilingualität.

 

„Der Literatur in Kap Verde geht es sehr gut, sie ist gesund. Sie ist in der Welt, mit offenen Augen, weil sie auch in einem Welt-Land geschaffen wird“, so Filinto neulich bei einem Event in Berlin. Was bedeutet es zu sagen, dass Kap Verde ein „Welt-Land“ ist?

Es bedeutet, dass Kap Verde als menschliche, anthropologische und kulturelle Erfahrung, das Ergebnis eines Zusammenkommens aus verschiedenen Welten ist. Das Archipel wird seit dem 15. Jahrhundert von Europäern und Afrikanern bewohnt. Vor allem aufgrund seiner geostrategischen Position für die europäische merkantilistische Expansion, für die großen interatlantischen Seefahrten und für den Sklavenhandel. Aus dieser Besiedlung und Migrationsmobilität stammt die intensive „Vermischung“ der Kapverdier und die Gründung der ersten kreolischen Gesellschaft am Atlantik. Im Laufe der Geschichte übernehmen die Kapverdier zwei merkliche Identitäten: die „Insularietät“, bei der sie sich über die verschiedenen Inseln des Archipels streuen und die „Diasporizität“, bei der sie in viele Ecken der Erde, vor allem nach Afrika, Amerika und Europa, ausgewandert sind. Heute leben mehr Kapverdier in anderen Ländern, als im Archipel, 500 km von der Ostküste Afrikas gelegen, und somit hat der Kleine Inselstaat Kap Verde eine große Nation, die größer ist als ihr Gebiet und als Globale Nation Kap Verde wahrgenommen wird, eine Nation, die eine Metonymie der Welten ist und sie dauerhaft verkörpert.

 

Sind die Globalisierung und ihre politischen und menschlichen Wirkungen auch eine Inspiration für Ihr literarisches Werk?

Ich spreche lieber von einer „Planetarisierung“. Globalisierung scheint mir ein geopolitischer Apparat und ein später Ausdruck des Imperialismus zu sein. Sie ist eine wirtschaftliche und politische Auferlegung, eine kulturelle Vormacht und ich möchte das nicht unkritisch behandeln. Ich spreche lieber von der Erde als einem gemeinsamen Haus des Menschen, von der Biodiversität und von der gesamten Entität (zutiefst unterschiedlich), die die Welt darstellt. Mein Schreiben ist wie die Welt. Mein philosophisches und ästhetisches Denken ist wie die Welt, ungebunden an Position, Ort und Zeit. Das Kreolische, was grundlegend zu mir gehört, ist auf die Welt gerichtet.

 

Sie haben zusammen mit Ihrer Frau, Márcia Souto, einen Verlag gegründet, Rosa de Porcelana, der sich bemüht, Literatur auf portugiesisch zu veröffentlichen. Wie kam die Idee, nicht nur als Autor, sondern auch als Verleger zu agieren?

Tatsächlich sind Márcia und ich Autoren, aber vor allem kulturelle Produzenten im weitesten Sinne. Unsere Grundidee war es, ein kleines Kulturzentrum zu erschaffen, welches auf Künste und auf Reflexionen über Kunst ausgerichtet ist, ein Projekt, das vertagt, aber nicht vergessen worden ist. Aus strategischen Gründen haben wir uns dazu entschieden, mit einem kleinen Verlag zu beginnen, der von Beginn an auf den kapverdischen und den portugiesisch sprachigen Markt, einschließlich des großen lusophonischen „Diaspora“, gerichtet war. Der Verlag, aktuell mit dem Mittelpunkt in der Achse Kap Verde - Portugal, ist langsam in anderen Ländern wie z.B. Angola, Brasilien und Guinea-Bissau präsent. Und die Bücher sowie die Autoren, die von uns veröffentlicht werden, sind schon international im Umlauf. Wir sind weiterhin Autoren und immer wenn möglich integrieren wir diese Perspektive in unseren Veröffentlichungen.

 

Wie sieht es mit den Veröffentlichungen der Rosa de Porcelana aus? Wie geht es übrigens dem aktuellen lusophonischen Verlagswesen?

Für einen kleinen Verlag ist die Tatsache, dass wir uns über Wasser halten, unsere Bücher veröffentlichen und vertreiben, unsere Autoren und die Literatur unserer Länder nach Außen tragen, ein Zeichen von einer gewissen Vitalität. Selbstverständlich sind wir noch nicht dort, wo wir hin möchten. Wir möchten ein mittelgroßer Verlag sein, mit einem deutlicheren Vertrieb auf allen portugiesischsprachigen Märkten und anhand Partnerschaften eine Präsenz auf englisch- und französischsprachigen Märkten haben. In Bezug auf das lusophonische Verlagswesen glaube ich, dass in unseren Ländern, und vor allen in den afrikanischen, eine lesefördernde Politik und eine Aktion für den Vertrieb von Büchern und die Mobilität der Schriftsteller innerhalb der CPLP fehlen. Dem lusophonischen Verlagswesen könnte es besser gehen.

 

Sie sind einer der Gründer des Festivals Literatura-Mundo: Ilha do Sal, das noch 2018 zum zweiten Mal in Kap Verde stattfindet. Wie laufen die Vorbereitungen?

Die Vorbereitungen laufen gut und das Festival findet vom 21. bis zum 24. Juni statt. Ich kann lediglich schon sagen, dass wir Autoren, Professoren, Wissenschaftler und Journalisten, Gäste aus aller Herren Länder und Themen, wie z.B. Produktion, Übersetzung und Vertrieb der Werke, die Ausweitung der literarischen Kanons, die portugiesische Sprache und die Literatur-Welt sowie die Internationalisierung der Kapverdischen Literatur haben werden. Ich kann jetzt schon sagen, dass der Kapverdische Dichter Mário Fonseca und der argentinische Schriftsteller Jorge Luís Borges dieses Jahr ausgezeichnet werden. Vielleicht werden sogar eines Tages Johann von Goethe, Thomas Mann oder Johann Friedrich Hölderlin ausgezeichnet. Dies ist der Geist unseres Festivals in Kap Verde, Welt-Land.

Interview: Enio Moraes Júnior

Übersetzung: Hauke Christian Hartje, hartje-übersetzungen, Berlin

 

  

 
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Enio Moraes Júnior

Enio Moraes Júnior ist ein brasilianischer Journalist und Professor. Seit 2017 wohnt er in Berlin. In der Hauptstadt arbeitet er als Portugiesisch Lektor und schreibt über Auslander welche die Berliner Straßen bevölkern.

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