MAGAZIN

Drei Generationen im dienste der Kultur: Berlin und die Familie Freitas Branco

Foto: Luís de Freitas Branco - National Bibliotek von Portugal

 

Es ist unmöglich von der Musikkultur im Portugal des 20. Jahrhunderts zu sprechen, ohne die Familie Freitas Branco zu erwähnen, die im Verlauf dreier Generationen das musikalische und kulturelle Panorama des Landes entscheidend geprägt hat. Was wenige wissen: die illustre Familie hat eine enge Beziehung zu Berlin.

 

Der erste, der diese Verbindung herstellte, war der Komponist  Luís de Freitas Branco (1890 – 1955), eine herausragende Figur des kulturellen Lebens im vergangenen Jahrhundert. Er studierte 1910 bei Engelbert Humperdinck in Berlin und ging 1911 nach Paris, wo er Claude Debussy kennenlernte. Ab 1916 war er Professor am Nationalkonservatorium in Lissabon und von 1919 bis 1924 dessen stellvertretender Direktor, bevor er 1940 aus persönlichen und politischen Gründen das Institut verlassen musste – er hatte die Verfolgung italienischer und deutscher Musiker in einem faschistischen Europa systematisch angeprangert und vertrug sich nicht länger mit der rückständigen Mentalität dieser Einrichtung, die das Salazar-Regime unterstützte. Seine Tätigkeit als Vermittler der Kultur setzte er in Vorträgen des nationalen Radios und bei Stammtischen fort. Sein Bruder, Pedro de Freitas Branco, war ein bedeutender Dirigent und machte Komponisten wie Bártok, Strawinsky, Ravel und Prokofjew in Portugal bekannt. Luís de Freitas Branco schrieb mehrere musikwissenschaftliche Texte, war Musikjournalist und ist ein herausragender Vertreter des portugiesischen Modernismus. Er schuf zudem mehrere Orchesterwerke, darunter vier Symphonien, symphonische Gedichte und Konzerte, sowie u.a. Kammermusik und ein umfangreiches Werk für Gesang und Klavier.  

 

Sein Sohn war der Musikwissenschaftler und Mathematiker João de Freitas Branco (1922 – 1989), einer der Gründer der portugiesischen Musikjugend und ein sehr aktiver Musikförderer, nicht nur durch das 29 Jahre lang ausgestrahlte Radioprogramm „O gosto pela música“ (dt. „Die Liebe zur Musik“), sondern auch durch unzählige Texte und Bücher, darunter ein Band zur Musikgeschichte Portugals. Von 1970 bis 1974 leitete João de Freitas Branco das Nationaltheater São Carlos und war Ehrendoktor am Institut für Philosophie der Berliner Humboldt-Universität. Er sprach fließend und akzentfrei Deutsch, erinnert sich sein Sohn João Maria de Freitas Branco. „Mein Vater war der deutschen Kultur sehr verbunden. Er ging von klein auf in die deutsche Schule in Lissabon, zu einer Zeit in der die Schüler im Unterricht nur Deutsch sprechen durften. Das war, wohlgemerkt, zur Zeit Hitlers. Genau aus diesem Grund hat ihn mein Großvater Luís dann auch von der Schule genommen. Eines Tages kam der Junge nach Hause und sang ein Hitlerlied – am nächsten Tag ging mein Großvater in die Schule und beantragte seine Versetzung“.

 

João Maria de Freitas Branco (geb. 1955), Philosoph und großer Förderer der Musik im Geiste der Familientradition, ist Autor zahlreicher Philosophiebände, von denen er einige auf Deutsch verfasste. Er ist der einzige portugiesische Co-Autor des Kritischen Wörterbuchs des Marxismus, ein monumentales Werk welches von Wolfgang Fritz Haug herausgegeben wurde. Und auch in seinem Leben spielt Berlin eine besondere Rolle. 

“1983 wurde ich zusammen mit einer Gruppe Intellektueller aus meinen Reihen zu einem Besuch in die DDR eingeladen. Unter unseren Begleitern war auch eine der zwei Chefübersetzerinnen und -dolmetscherinnen für Spanisch und Portugiesisch von Erich Honecker, die bei Intertext, der größten Übersetzungsagentur der DDR arbeitete. Sie fragte mich, ob ich daran interessiert wäre nach Deutschland zu gehen um die Stelle eines Freundes von mir, des Intellektuellen Mário Vieira de Carvalho zu übernehmen, der aufhörte.“ Der Sprachendienst Intertext, den es noch immer gibt, übersetzte Bücher aller Wissensbereiche und auch Lehrbücher für Universitäten, um den vielen Studenten, die aus portugiesischsprachigen Ländern in die DDR kamen, Studienmaterial zur Verfügung zu stellen. Für die Abschlussredaktion dieser Editionen brauchte es jemanden mit einem gewissen kulturellen Niveau. João de Freitas Branco nahm das Angebot an, unter der Bedingung weiter seiner Arbeit als Philosoph nachgehen zu können. So übersiedelte er 1984 mit seiner Familie nach Berlin, wo er eine Forschungsstelle am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität antrat.

Die Arbeit in der Übersetzeragentur war nach nur einem Jahr beendet, doch seine universitären Forschungen beschäftigten ihn bis 1991, dem Jahr seiner Rückkehr nach Portugal. In Berlin beendete er eines seiner wichtigsten Werke, eine Betrachtung des portugiesischen Denkers António Sérgio und seine Verbindung mit dem deutschen Gedanken, insbesondere mit Kant. „Die Zeit in Berlin war für mich sehr kostbar, die Bibliotheken dort ermöglichten es mir, unter Bedingungen zu schreiben, die ich hier in Lissabon niemals gefunden hätte. Von einem rein philosophischen Blickpunkt aus betrachtet ist es bis heute mein Hauptwerk.“

 

Neben seiner Tätigkeit an der Universität war João Maria de Freitas Branco auch Kulturkorrespondent des JL [Jornal de Letras, die größte portugiesische Literaturzeitschrift]. „Für mich war es sehr wichtig, als Journalist akkreditiert zu sein, denn dies ermöglichte es mir, beide Seiten der Stadt in voller Freiheit zu erleben. Ich hatte eine sogenannte Grenzempfehlung, was heutzutage eigentümlich erscheint. Sie war sehr wertvoll, da so beispielsweise mein Auto nicht von der Stasi durchsucht werden durfte. Nur wenn es eine Ausnahmesituation in Form einer Anzeige gegeben hätte, hätte man mich aufhalten können“. Doch das geschah nie. „Ich war mit Sicherheit der portugiesische Staatsbürger, der am häufigsten diese Grenze überquerte – an einem Tag habe ich sechs Mal den Checkpoint Charlie passiert!“, erinnert sich João Maria de Freitas Branco, der vielen DDR-Bürgern Westberlin näherbrachte.

 

Eine der lebendigsten Erinnerungen aus sieben in Berlin verbrachten Jahren ist die an die hervorragende kulturelle Ausstattung. „Es war sehr eindrucksvoll, in der Staatsbibliothek in Westberlin arbeiten zu dürfen, die nicht nur eine große Anzahl an Büchern beherbergte, sondern auch architektonisch beeindruckend war. Ich habe auch oft am Iberoamerikanischen Institut gearbeitet, eine außergewöhnliche Bibliothek. In Berlin hatte ich zweifellos leichteren Zugang zu Quellen portugiesischer Kultur als in Lissabon.“ Weitere schöne Erinnerungen des Philosophen sind Herbert von Karajans Auftritte in der Philharmonie, die große Anzahl und Qualität kultureller Veranstaltungen wie die Vorstellungen des Berliner Ensembles, sowie der kosmopolitischen Charakter der Stadt, in der man Menschen aus aller Herren Ländern kennenlernte. „Ich war z.B. mit einem afghanischen Atomphysiker befreundet, was unter anderen Umständen undenkbar gewesen wäre.“  Und vor allem die Arbeitsbedingungen sind ihm unvergesslich geblieben: „In den 80er Jahren hatte das Institut für Philosophie der Humboldt-Universität seinen Sitz im früheren Wohnhaus des Philosophen Hegel. Ich scherzte immer mit meinen Kollegen, man könne seine Schritte hören wann immer wir über seine Schriften sprachen.“

 

Die Mauer, die die Stadt in zwei Hälften teilte, hat auch ihn auf unauslöschliche Weise geprägt. „Obwohl ich Berlin auch nach dem Mauerfall kenne, muss ich eingestehen, dass in meinem Kopf immer noch eine Trennung existiert. Ich spreche immer noch von West- und Ostberlin, die Teilung ist immer präsent. Ich weiß genau, wo die Mauer war, auch wenn sich die Stadt heute völlig verändert hat.“ Und er gibt ein Beispiel für die Absurdität dieser Teilung.

 

Ein Kollege von mir, ein Forscher an der Humboldt-Universität und Bürger der DDR, schrieb eine Abhandlung über einen spanischen Denker, in Verbindung mit den philosophischen Grundlagen des Faschismus. Er beantragte ein Visum, um an einer Westberliner Bibliothek zu recherchieren, und bekam es, doch als er die Grenze übertrat war es ein Schock für ihn, ein brutales Erlebnis. Die Leute hatten buchstäblich Angst, sich in den Straßen einer kapitalistischen Welt zu bewegen.“ Der Ostdeutsche bat João Maria, ihn auf seinem Weg zu begleiten, Arm in Arm. „Als wir die Friedrichstraße entlang gingen, wurde er ganz still und konnte eine halbe Stunde außer einem kurzen Wort hier und da kaum etwas sagen, er war wie gelähmt. Und das ist kein Einzelfall. Ich hatte identische Erlebnisse mit anderen Freunden: Sie waren paralysiert.“

 

Zurück in Portugal versuchte er den, wie er es selbst bezeichnet, progressiven Verfall des kulturellen Lebens seines Heimatlandes aufzuhalten und begründete gemeinsam mit anderen die Vereinigung „Ginásio Ópera“. Sie hat das Ziel, Studien, Lehre und Verbreitung der Oper aufgeschlossen und interdisziplinär zu fördern, sowie zugleich jungen Interpreten zugutezukommen und ein neues Publikum zu erschließen. Eine mühevolle Aufgabe, die der Philosoph mit Bravour meistert. Zu den bisherigen Veranstaltungen gehörten u.a. die Portugal-Premiere der Oper „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann, neben unzähligen Konzerten, Galas, Vortragsabenden und Vorträgen. In diesem Jahr, in dem die Assoziation ihr zehnjähriges Bestehen feiert, setzt „Ginásio Ópera“ auf eine Megaproduktion und präsentiert am 2. September eine Operngala unter freiem Himmel. Mit sechs Solisten, zwei Chören und einem Symphonieorchester ist sie Teil der „Festa do Avante“ [Kultur- und Musikfestival bei Lissabon].  Zu dem Abend werden ca. 25.000 Besucher erwartet, damit ist es die größte Veranstaltung anspruchsvoller Musik in Portugal in diesem Jahr. In einem von der Krise gebeutelten Land ist es João Maria de Freitas Branco besonders wichtig, ein kulturell hochwertiges Programm anzubieten.

 

Es liegt der Familie schließlich im Blut.

 

 

  

 
Please reload

Freunde von Berlinda e.V. , Heimstr. 3, 10965 Berlin - info@berlinda.org 

BERLINDA 2019 · All rights reserved