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Fado-Abend im Konzerthaus in Berlin. Nicht einmal ein Konzertsaal mit einer zweihundertjährigen Geschichte kann eine Künstlerin wie Mariza in den Schatten stellen.

 

Der Saal war ausverkauft. Hauptsächlich Deutsche saßen in den Reihen, aber das lusitanische Treiben war trotzdem spürbar. Sobald ich meinen Platz in diesem schönen Raum gefunden hatte, hörte ich sie: "Guten Abend, wie geht es Ihnen?", "das ist das fünfte Mal, dass ich Sie gesehen habe, wissen Sie?"rief jemand aus dem Publikum, oder der Klassiker: "Heute zu Tage gibt es keine Bessere als unsere Mariza". Links neben mich setzte sich eine deutsche Frau. Zunächst wirkte sie recht alt und misstrauisch und ich war neugierig wie sie sich unser Fado für sie anfühlen würde. Beide haben wir uns darauf gefreut. Es klingelte, die Türen wurden geschlossen, die hellen Lichter, der Kronleuchter aus dem achtzehnten Jahrhunderts erloschen, und jegliches Misstrauen, jede Angst und Erwartung verflog. Fünf schwarz gekleidete Männer betraten die Bühne. Einer am Schlagzeug, zwei an der Gitarre, einer am Akkordeon und schließlich könnte die portugiesische Gitarre nicht fehlen.

 

Nach einer einminütigen Pause, die einer Diva würdig ist, war der Auftritt für die große Fado-Sängerin bereitet. In ein Diamant-Kleid gehüllt, passend zur Geschichte und Brillanz des Saales, trat Mariza auf die Bühne. Das erste Lied war vollkommen acapella, ohne Hilfe von Maschinen oder Effekten, ein "Fado da Loucura". Mir lief die Gänsehaut über meinen Rücken und nichts könnte meine Seele mehr erfüllten. Von Anfang an war es unmöglich Widerstand zu leisten. Der portugiesische Klang, der diesen Berliner Saal füllte; die Präsenz von Ewigkeit die sich in dieser Künstlerin widerspiegelt. Sie ist nicht nur Portugiesin, sondern sie gehört der Welt. Ich könnte schwören, dass ich mich seit langem nicht mehr so ruhig, gelassen und gleichzeitig so identifiziert mit meiner eigen Herkunft gefühlt habe. Das Konzert hätte dort schon enden können und ich wäre zufrieden gewesen. Natürlich hörte es noch nicht auf und nachdem Mariza mit nur einem Lied das ganze Publikum gebannt in ihren Händen hielt, gab sie uns einen Einblick in ihre Seele.

 

Wie sie selbst anmerkte, würde sie uns mitnehmen auf eine Reise, die mehr oder weniger zufällig durch 20 Jahre ihrer Karriere führt und trotzdem einen Sinn verfolgt, unendlich Liebe zu schenken. Sie erfüllte jeden Wunsch des Publikums und ich könnte die einzelne Lied aufzählen, aber das was mich am meisten berührt hat war, Mariza zu sehen, ist wie eine transzendale Reise in die eigene Seele. Es ist wie ein Gefühl der Sehnsucht nach einer fernen Vergangenheit, die mit einer portugiesischen Melancholie verfliegt. Einer Melancholie, die sich in ein Gefühl von Glück verwandelt, einer unvermeidlichen Feier der Liebe. All dies wird transportiert der, von dieser großartigen Diva, gesungene Fado.

 

Ohne Pause klatschte die deutsche, ältere Frau neben mir anderthalb Stunden lang im Takt auf ihr Bein. Unbewusst lächelte sie über Worte, gesungen in einer Sprache, die sie wahrscheinlich nie verstehen wird und vielleicht auch nicht zu verstehen braucht, sondern nur fühlen muss. Besonders von meinem Platz aus auf dem seitlichen Balkonen konnte ich die vollkommene Präsenz des Publikum spüren, keine Handys, keine Blitzlichter, kein Geflüster ins Ohr des Sitznachbarn, was so häufig eine unangenehme Atmosphäre mit sich bringt. Da wurde mir bewusst, was eine einzigartige Künstlerin ausmacht. Etwas mehr als anderthalb Stunden lang waren wir alle, ohne Ausnahme, anwesend. Ohne an die Kleinigkeiten des Alltags zu denken, an anstehende Probleme, unbezahlte Rechnungen oder Wörter auszutauschen. Einfach präsent und aufmerksam, dem verzaubernden Klang der Gitarren, dem Akkordeon, das uns zurück in die Kindheit versetzt, und den magischen tiefen Perkussion, zu zuhören. Es scheint so einfach im hier und jetzt zu sein, aber es ist doch mehr und mehr eine Seltenheit. Für einen Moment habe ich es geschafft,  haben wir es alle geschafft, dank Mariza.

 

Der schönste Moment war jedoch noch vor der letzten Zugabe. Mariza sang in ihrer Pracht und auf ihren pompösen Schuhen "Fado da Primavera" mit so viel Leidenschaft, so viel Gefühl, so viel Sinn und so viel Liebe, dass selbst die Wände schienen zu vibrieren und sich fragten, ob sie jemals eine solche Stimme gehört hatten. So Etwas habe Ich zuvor noch nie gehört, da bin ich mir ganz sicher. Wir alle applaudierten, ein unvermeidlicher und natürlicher Ausbruch wie der Fado selbst. Der Schauer ging diesmal durch meinen ganzen Körper und führte mich an einen Ort, der weder Land noch Nationalität kennt. Es ist ein Ort, der über allem steht. Ein Ort, zu dem Mariza mich geführt hat, ein Ort an dem ich verweilen möchte.


 

Text: Hugo Sousa

04/05/2019

Foto: © Promo

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