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„Die Erkundung Brasiliens. Friedrich Sellows unvollendete Reise“ – Interview mit Hans Zischler

Foto: Links - „Die Erkundung Brasiliens. Friedrich Sellows unvollendete Reise“, Galiani, 2013. © Galiani. Rechts - Tagebücher von Friedrich Sellow aus „Die Erkundung Brasiliens. Friedrich Sellows unvollendete Reise“ © Galiani Berlin

Im 19. Jahrhundert wurde Brasilien unabhängig und öffnete sich der Welt. Eine Schar von europäischen Naturforschern machte sich auf dem Weg in das neue, vielversprechende Land. So auch Friedrich Sellow, der 17 Jahre lang in Brasilien Tiere, Pflanzen und Eindrücke gesammelt und gezeichnet, bis er schließlich mit 42 Jahren im Rio Doce ertrank. Sein Nachlass vom mehr als hundert Kisten blieb lange Zeit vergessen und wurde vor kurzem Dank der Arbeit des Naturkundemuseums Berlin entziffert. Das Buch „Die Erkundung Brasiliens. Friedrich Sellows unvollendete Reise“ von Sabine Hackethal, Carsten Eckert und Hans Zischler (Galiani Berlin, 2013) stellt „Sellows Reisen in den Kontext anderer Expeditionen, liefert prächtiges Bildmaterial des damaligen Brasilien und breitet vor uns vor allem Sellows Leben und die Erträge seiner Reisen aus: seine bisher unerschlossenen und hier erstmals präsentierten Tagebücher, Texte und Bilder“. Hans Zischler, der dem breiten Publikum eher als Schauspieler bekannt sein wird (unter anderem wegen seiner Rolle in Munich von Steven Spielberg), erzählte uns, was das Besondere an diesem Buch ist.

BERLINDA: Herr Zischler, Sie sind Schauspieler. Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über die Erkundung Brasiliens mitherauszugeben?

HANS ZISCHLER: Ich bin Schauspieler und Publizist. Ich habe schon zwei Bücher über das Naturkundenmuseum gemacht, das eine heißt „Vorstoß ins Innere“ [Alpheus Verlag, 2010] und das andere “Der Schmetterlingskoffer” [Galiani, 2010]. Das ist jetzt das dritte Buch über das Naturkundenmuseum.

 

B: Wo kommt diese Liebe her?

HZ: Liebe würde ich das nicht nennen. Es ist ein Interesse verloren gegangene Zusammenhänge zu beleben oder überhaupt nachzustellen. Sellow ist ein Sonderfall, weil der Mann einerseits einer die größte Sammlungen aus Brasilien für das Naturkundenmuseum geliefert hat, andererseits als Person vergessen ist: Die Sammlungen sind verstreut und damit die Arbeit entwertet. Und gleichzeitig gibt es neben den Sammlungsobjekten diese große Hinterlassenschaft an Dokumenten, Tagebüchern und Zeichnungen. Da kann man einiges zusammenführen, so dass ein Bild entsteht und der Mann wieder eine Geschichte bekommt.

B: Hilft dieses Buch dem Leser, ein Bisschen mehr über Brasilien zu verstehen, oder erklärt es eher die Art und Weise, wie die Europäer Brasilien sehen?

HZ: Wie die Europäer es gesehen haben. Es könnte helfen, Brasilien in einer historischen Dimension zu sehen. Ich glaube, dass das Verständnis von Brasilien heute immer noch exotisch ist. Das ist ein Riesenland mit den vielfältigsten, unterschiedlichsten Begebenheiten. Die historische Dimension neben der naturwissenschaftlichen bzw. der naturkundlichen, die könnte man mit diesem Buch besser verstehen. Natürlich ist es nicht vollständig. Ich bedauere – es war vom Umfang her nicht möglich – dass es über die Sklaverei so wenig gibt, eigentlich müsste etwas drin sein, es wird aber nur angedeutet. Brasilien hat ja in der Sklavengeschichte eine sehr große Rolle gespielt. Aber ich glaube schon, dass man einiges besser verstehen kann: warum Brasilien für Europa so wichtig war, und was es für Brasilien bedeutet hat, sich plötzlich zu öffnen.

B: Sie sprechen von einer Öffnung. Wie wurde diese in Europa aufgenommen?

HZ: In Europa war das eine Wunscherfüllung: es gelingt dieses Land mit den großen Schätzen, die es bietet darzustellen oder abzubilden, mit und das sowohl in den Sammlungen als auch in den Publikationen. So hatte man Mitte des 19. Jahrhunderts ein reichhaltiges Bild von Brasilien. Ich sage nicht, ob es ein wahres Bild ist. Die plötzliche Öffnung hat auch zu einer ungeheuer plötzlichen Darstellung geführt.

Eine der größten bzw. verblüffendsten Leistungen war die Langsdorff-Expedition, die gescheitert ist, auch wissenschaftlich. Die Überlieferungen von [Hércules] Florence, [Adrien] Taunay und [Johann Moritz] Rugendas an Zeichnungen, sind aber unvorstellbar, unfassbar. Es gibt für so was auf der Welt keinen Vergleich.

B:  Sind aus brasilianischer Sicht diese Expeditionen nicht eher als Ausbeutung betrachtet worden?

HZ: Doch. Meinen Sie aber die brasilianische Oberschicht oder meinen Sie im Sinne der Entstehung einer nationalen Identität? Ich glaube, dass die Brasilianer, die sich von Portugal emanzipiert haben, durchaus wussten, dass diese Europäer nicht alle in Unschuld kommen. Die Expeditionen waren kein unschuldiger Spaziergang. Andererseits gab es keine Mittel, so was zu steuern. England war eine sogenannte Schutzmacht, die alles bestimmte, zumindest in den ersten 20, 30 Jahren… der politische Spielraum Brasiliens war nicht gerade sehr groß.

B: Das Buch basiert auf dem großen Nachlass Sellows, der aus mehreren hundert Kisten besteht. Was ist für Sie das besonderste Stück, das Sie in diesem Fundus gefunden haben?

HZ: Ich könnte kein einziges Stück nennen. Für mich ist die Tatsache, der lange Winterschlaf von Sellows Nachlass, dieser Winterschlaf, der nur gelegentlich mal gelüftet wurde, der ist für mich das erstaunliche. Dieses lange Geschweigen, diese lange Indifferenz gegenüber Sellow. Er hat nichts veröffentlicht – er konnte es nicht, er war immer noch unten. Humboldt ist nach ein paar Jahren zurückgekehrt und hat einen Riesenberg geschrieben. Sellow war 17 Jahre da und konnte nichts schreiben, er konnte nur zeichnen. Ich weiß nicht, ob er wirklich ein großer Schriftsteller geworden wäre, das ist nicht das Problem. Aber er hätte zumindest publizieren können – und wollen. Tat es aber nicht.

B: Wann ist dieser Nachlass gefunden worden?

HZ: Er war bekannt. Das Verrückte ist, es war keine Entdeckung, sondern der Nachlass war immer da. Frau Hackethal war eigentlich nach Stresemann, der in den 50er Jahren Sellows Briefe schon gearbeitet hat, die erste, die sich wirklich zielstrebig um diesen Menschen und dessen seltsame Hinterlassenschaft, weil sie auch so schwer zu entziffern ist, gekümmert hat. Ich habe im Grunde ihren Impuls aufgegriffen. Ohne Frau Hackethal wäre das nicht zustande gekommen. Sie hatte so ein hartnäckiges Interesse an dieser Person, diesem Forscherleben und an einem Werk, das eigentlich keinen Werkcharakter hat – das ist das, was man verstehen muss. Das ist ein Problem. Seine 17-jährige Arbeit ist nicht zu dem geworden, was wir ein Werk nennen.  Aber die Arbeit ist überhaupt nicht wertlos, im Gegenteil, ist sehr wertvoll.

B: Was wäre ein guter Grund, dieses Buch zu lesen?

HZ: Der Grund wäre, dass man sowohl einen sehr guten wissenschaftlichen Zeichner kennenlernt, als auch ein Bild von Brasilien im Augenblick der Morgendämmerung, also der Ouvertüre, hat. Die Ouvertüre Brasiliens wird hier aufgeführt – wenn man Brasilien als eine Oper nehmen würde, was ich gerne tue. Wir erleben einen großen historischen Augenblick in der Geschichte Brasiliens, in diesem Augenblick bewegt sich Sellow, und das kann man in diesem Buch erfahren.

 

 

“Die Erkundung Brasiliens” durch Friedrich Sellow mit Hanns Zischler, Sabine Hackethal und Carsten Eckert.

11. November 19 Uhr

Ibero-Amerikanisches Institut Berlin

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010) und später das Berlinda Festival (2012).

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