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Ein Tänzer aus Mosambik auf Europas bedeutendsten Bühnen: Interview mit Edivaldo Ernesto

Foto: © RCB Studio für Berlinda.org

Angefangen hat er in Maputo bei einer Gruppe für traditionelle afrikanische Tänze. Jetzt tritt er mit zeitgenössischem Tanz auf Europas bedeutendsten Bühnen auf. Edivaldo Ernesto, Tänzer aus Mosambik, ist derzeit Mitglied der berühmten Compagnie Sasha Waltz & Guests und einer der Stars des zeitgenössischen Tanzes in Berlin. Groß, schlank und sehr expressiv, spricht er vor allem durch sein Lächeln, seinen Körper und seine Hände. Wir trafen ihn an der Spree nach einer Probe im Radialsystem – eine der Hochburgen zeitgenössischer Berliner Kunst – wo er am Wochenende die Tanzimprovisation UM:LAUT mit dem Pianisten Hauschka präsentieren wird.

BERLINDA: Wie bist Du von Maputo nach Berlin gekommen?

EDIVALDO ERNESTO: Ich arbeite seit langem mit einem venezolanischen Choreographen und Lehrer namens David Zambrano zusammen. Er ist wie ein Meister für mich. Ich begann traditionelle Tänze aus Mosambik und Senegal im Verein CulturArte zu tanzen. Dort gab es einen Workshop für zeitgenössischen Tanz mit David Zambrano. Ich habe angefangen, Unterricht bei ihm zu nehmen, und im selben Jahr erzählte er mir, dass sobald er die Gelegenheit hätte, würde er mich zum arbeiten mit nach Europa nehmen. Ich dachte, das wird nie passieren – ich habe nie geglaubt, dass es möglich sein könnte. Aber im selben Jahr erhielt ich in der Tat eine Einladung nach Holland. Das war im Jahr 2003/2004. Im Jahr 2005 lud David Zambrano mich für ein Vortanzen bei Sasha Waltz ein und mit ihr arbeite ich seitdem.

 

B: Und dann warst Du in Europa.

EE: Ich fuhr hin und her. Zu der Zeit wollte ich nicht in Europa sein. Es gefiel mir hier nicht .Das Leben in Mosambik war wärmer und besser. Aber langsam änderte sich das. Der Wendepunkt kam, als ich Sasha Walz kennen lernte. Die Compagnie Sasha Waltz & Guests ist sehr beschäftigt, es gibt ständig Veranstaltungen und ich musste immer wieder nach Europa fliegen. Irgendwann kehrte sich das um: ich flog nach Mosambik mit  Rückreise nach Europa. Und jetzt bin ich vollzeitig mit der Compagnie beschäftigt.

B: Die Tatsache, dass Du aus einem anderen kulturellen Background kommst,  ist hier in Europa für Dich ein Plus? Hast Du das Gefühl, Du kannst dem Publikum und der Compagnie aus diesem Grund mehr geben?

EE: Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich würde sagen Ja, aber auch Nein. Ja, weil der traditionelle afrikanische Tanz bis zu einem gewissen Grad, Einfluss auf die Energie, die Qualität der Bewegung und sogar die Einstellung hat. Bei diesen traditionellen Tänzen geht es nicht um ein Konzept, sondern um den Körper und den Rhythmus. Wenn man stets mit anderen Tänzern, die aus einem anderen kulturellen Umfeld stammen – klassisches Ballett, Modern Dance usw. – arbeitet, kann es vielleicht zu einem Ungleichgewicht kommen. Auf der anderen Seite, ist es manchmal sehr gut, den Hintergrund, welchen europäische Tänze haben, zu verstehen. Dieser unterscheidet sich sehr vom traditionellen Tanz. Ich öffne alle Türen und akzeptiere diesen europäischen Background: die melodische Form, die ruhigeren Bewegungen und das Drama, das Ballett haben kann. Ich versuche, diesen Stil in die traditionellen afrikanischen Tänze, die einen völlig anderen Rhythmus haben, zu integrieren. Manchmal funktioniert es, aber manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, ein wenig Außenseiter zu sein.

B: Fühlst Du Dich in Berlin wohl?

EE: Am Anfang wollte ich hier nicht bleiben und kehrte immer wieder nach Amsterdam zurück, da mir das Leben dort viel einfacher vorkam. In Amsterdam sprechen die Leute mehr Englisch und sind etwas geselliger. Aber Berlin hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Die Deutschen sind gegenüber den Ausländern offener geworden. Ich reise viel, kenne viele Städte in Europa, habe in Brüssel, Amsterdam, Barcelona gewohnt … Bis jetzt ist Berlin die Stadt, wo ich mich am wohlsten fühle.

B: Improvisation ist ein wichtiger Teil Deiner Arbeit. Woran denkst Du, wenn Du improvisierst?

EE: Normalerweise mag ich nicht, zu wissen, was passieren wird. Ich plane nichts. Ich versuche, nur ein Minimum an Informationen mit auf die Bühne zu nehmen – je weniger, desto besser. Alles geschieht im Moment: Für mich ist es wie der Wind, der in viele Richtungen weht. Wenn Du eine Plastiktüte vom Wind durch die Luft getragen siehst, und sie genau anschaust, wirst Du sehen, dass sie nicht in nur eine einzige Richtung fliegt – sie nimmt eine Linie, danach eine andere, und noch eine andere … Es gibt Tausende von Richtungen. In der Improvisation ist es genauso. Das Gehirn ist ständig am Denken und Schöpfen. Es gibt und nimmt, schöpft und gibt wieder auf andere Art und Weise. Es ist ein ständiger Dialog, der stets aktualisiert werden muss. Du gibst mir etwas, ich gebe Dir etwas anderes, und zusammen gehen wir zu einem Ort, welchen keiner von uns zuvor kannte.

Bezüglich UM:LAUT hatte ich neulich einige Gespräche mit Hauschka. Er wollte mir seine Arbeit zeigen und seine CDs schicken. Ich hatte ein Video von ihm auf Youtube gesehen, von einem seiner Konzerte am Radialsystem. Also sagte ich ihm, „schick mir lieber nichts! Ich habe etwas von Deiner Arbeit gesehen und ich weiß, sie ist großartig. Lieber verbleiben wir so. Du kannst mir die CDs vielleicht einen Tag vor der Veranstaltung, oder am besten sogar nach der Veranstaltung geben. Dann tauche ich frischer in Deine Welt ein.“

B: Fühlst Du Dich privilegiert?

EE: Nein, und ich möchte nicht einmal darüber nachdenken. Manchmal kommen die Leute mit solchen Worten und versuchen, mich in diese Richtung zu lenken, aber ich kann dem nichts abgewinnen. Die Komplimente, die man bekommt, nach dem Motto Deine Arbeit ist dies und das… das fängt an, einen Menschen zu definieren. Ich vermeide es, Kritiken zu hören. Klar habe ich viel Respekt, wenn die Leute zu mir kommen und höre immer zu, was sie mir zu sagen haben. Aber ich bevorzuge negative Kritik, weil positive Kritik bzw. Lob den Menschen in einer Weise definiert, durch die das Authentische, das Echte, verloren geht. Mein Ziel ist es, diese Authentizität zu behalten. Es ist, als ob man sagen würde: es gibt nichts, alles ist wie die Zahl Null und wir müssen darauf aufbauen. Wenn man dann die Zahl Zehn erreicht, dann sagt man: von nun an ist diese Zehn meine neue Null. Und dann baut man weiter und immer weiter.

B: Hast Du Pläne für die Zukunft? Wo wärest Du gerne in 10 Jahren?

EE: Ich möchte mehr mit Improvisation arbeiten. Langsam tauche ich auch in die Welt des Unterrichtens ein. Ich hatte schon früher unterrichtet, leider hatte ich aber nicht viel Zeit, denn die Compagnie Sasha Waltz & Guests hat das ganze Jahr über viel Arbeit. Nun beginne ich, regelmäßig zu unterrichten, sowohl in Berlin als auch im Rest der Welt.

B: Würdest Du gerne in Maputo arbeiten?

EE: Sogar sehr gerne. Aber Maputo ist ein bisschen schwierig. Ich liebe es dort, aber ich bin schon auch auf das deutsche Tempo eingestellt. Wenn ich in Maputo bin, habe ich das Gefühl, dass alles sehr langsam ist. Im Moment konzentriere ich mich mehr auf Europa, auch Asien, Amerika… zurück zu Mosambik zu kehren wäre meine erste Wahl, wenn es nur möglich wäre. Vor allem, wenn es darum ginge, dort zu unterrichten. Das wäre super.

B: Du hast für die Philharmonie Berlin mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?

EE: Es war das Projekt “Carmen” von Sasha Waltz & Guests. Ich habe mit Jugendlichen ohne Tanzausbildung gearbeitet. Es ist nicht einfach! Denn man muss immer einen Weg finden, die Konzentration von allen zu gewinnen. Meine Kollegen sagten, dass ich darin sehr gut war, weil meine Stimme, ohne schreien zu müssen, sehr deutlich ist. Das hat mit dem traditionellen Tanz zu tun. Die Ausweitung der Energie, die Schaffung einer Umgebung, in welcher sich die Energien aller Menschen treffen und alle gemeinsam etwas schaffen… das kommt aus dem traditionellen Tanz.

B: Abschließend möchte ich noch fragen: wie ist Dein Alltag? Wie ist das Leben eines Mosambikaners in Berlin?

EE: Ich kann nur vom Leben des Edivaldo in Berlin sprechen! [lacht]. Edivaldo ist ein ruhiger Mensch, weil er die deutsche Art, sich anzupassen, gelernt hat. In den ersten Jahren war es eher eine Katastrophe. Zum Beispiel fragte ich mich immer wieder wer mein Nachbar ist. Da dachte ich, ich muss meinen Nachbarn kennen, muss wissen wer er ist und mit ihm reden. Ich hatte aber nie die Gelegenheit, meine Nachbarn kennen zu lernen bzw. an die Tür zu klopfen und zu sagen: “Lasst uns jetzt miteinander reden”, wie man es in Maputo so macht. Hier würden sich die Deutschen eher erschrecken…! So habe ich gelernt, ein wenig zurückhaltender zu sein, wie die Deutschen. Ich mag zu Hause zu sein und zu malen, mit Freunden aus der ganzen Welt zu reden, auch aus Mosambik… lachen, Sport machen, schwimmen. Ich gehe auch gerne aus und einen Kaffee oder ein Bier trinken. Aber im Grunde genommen bin ich hier sehr ruhig in Berlin. Auf einer Tour bin ich viel aktiver. Dann kann ich richtig explodieren! Aber zu Hause will ich mich entspannen.

B: Möchtest Du in Berlin noch eine Weile bleiben?

EE: Eigentlich denke ich schon en einen Ortswechsel. Aber selbst wenn ich viele Städte kenne, habe ich noch nicht die eine spezielle gefunden. Soweit mag ich es in Berlin zu sein und ich werde hier bleiben, bis die Stadt mich woanders hinführt.

Interview: Ines Thomas Almeida

Fotos: Rui Calçada Bastos

Lektorat: Alexandra Berg

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida wurde in der Dominikanischen Republik geboren und wuchs in Portugal als zweisprachiger und dualer Staatsbürger auf. Sie zog nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Gesang zu studieren. Einige Jahre nach ihrer Niederlassung in Berlin gründete sie das Online-Magazin Berlinda (2010) und später das Berlinda Festival (2012).

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