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Raus aus dem Kultur-Ghetto: Ein Gespräch über Politik, Rap und Klischees

Foto: Mc Diamondog und Edney Pereira de Melo in der Livraria © Berlinda.org

Der Rapper Diamondog (eigentlich Diamantino E. C. Feijó), kommt aus Luanda, der Hauptstadt Angolas. Seine Texte sind geprägt durch die eigene Geschichte. In Angola bekam er früh die Auswirkungen des Jahrzehnte langen Bürgerkrieges zu spüren. Um nicht mit 19 Jahren als Soldat eingezogen zu werden, flüchtete er 1999 nach Brasilien. Nicht nur die Erfahrungen in seiner Heimat, sondern auch das Erleben sozialer Ungleichheit in Brasilien bewogen ihn zu einem Studium der sozialen Kommunikationswissenschaften mit Schwerpunkt auf Journalismus und Politik. In seinen Songs verarbeitet er also nicht nur Erfahrungen mit Konflikten in der eigenen Heimat, sondern setzt sich auch gesellschaftspolitisch mit der sozialen Ungleichheit, Diskriminierung und Rassismus in Brasilien auseinander. Er lebt in Berlin. Im April 2007 leitete er im Rahmen von peaceXchange Rap-Workshops für Jugendliche in Deutschland und Polen. Matthias Fischer vom WFD begleitete ihn zwei Wochen lang und sprach mit ihm über seine Erfahrungen sowie welchen gesellschaftlichen Stellenwert Rap-Musik haben kann.

 

 

Was können Jugendliche in Deutschland von einem Rapper aus Angola lernen?

 

Ihr könntet mehr über die Konflikte in dem entsprechenden Länderkontext lernen. Vor allem können wir eine andere Sicht auf die Konflikte vermitteln. Rap trägt zur Lösungen von inneren Konflikten bei, die in der Außenwelt entstanden sind, sich dann aber in einem selbst manifestieren. Musik oder Hip-Hop kann helfen diese Konflikte auszudrücken oder zu verarbeiten. Rap ist in Südamerika und Afrika stärker in den Wurzeln verblieben. Die Aussagen sind bodenständiger, politischer als z.B. Rap aus den USA, in dem es mehr um Party, Feierlichkeiten oder materielle Werte geht. In Südamerika geht es mehr um den Ausdruck von Unzufriedenheit und Unmut über die Verhältnisse.

 

Ist das als Aufforderung für junge Menschen zu verstehen, sich über den Rap mehr politisch zu äußern, die eigenen Konflikte auszudrücken?

 

 Musik ist eine universelle Sprache. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es nun Rap, Reggae, Samba oder etwas anderes ist. Es kommt darauf an, das auszudrücken, was einem nicht gefällt oder negative Gefühle bringt. Menschen auf der anderen Seite der Erde können dies dann hören, sich damit identifizieren, mitfühlen. Letztendlich geht es darum, dass man sich nach dem Singen, nach der Musik besser fühlt.

 

Ist es für dich ein Vorteil, als Musiker hierher zu kommen, wenn du den Jugendlichen etwas über die Situation in Angola oder Brasilien beizubringen versuchst?

 

Es ist nicht entscheidend, dass ich Musiker bin. Es geht eher darum, dass meine Kunst urban ist. Denn auch mit anderen urbanen Kunstformen, wie Graffiti etc. kann man Jugendliche besser als auf anderem Weg erreichen. In den Workshops ist es auch wichtig, dass ich eben nicht als Lehrer auftrete, sondern als junger Mensch, der einen urbanen Lifestyle hat. Das können halt auch Skater oder Biker sein. Wenn Jugendliche diese dann treffen, fragen sie diese oft: Warum machst du das? Wieso lebst du so? Warum macht dich das glücklich? So besteht oft eine stärkere Basis, um mit den Jugendlichen zu kommunizieren.

 

Welches Potenzial hat Rap in der gewaltfreien Konfliktbearbeitung? Welchen Stellenwert hat er in deinem Leben?

 

Rap gibt es heutzutage Gott sei dank in jeder Region dieser Welt. Jeder kann es aus seinem Kontext heraus als Ausdrucksform nutzen. In Angola ist Rap noch ein relativ neues Instrument, um sich auszudrücken. Rap kann man nutzen, um seine Gefühle, Gedanken und Kritik zu verdeutlichen. Man kann aber auch über die letzte Party rappen. In Angola gibt es beides: Seine Schwierigkeiten auszudrücken oder genau über das Gegenteil zu rappen. Rap ist im Bereich der gewaltfreien Konfliktbearbeitung eine Möglichkeit des Protestes, darüber zu sprechen, was in meinem Land nicht gut läuft. Ich benutze Rap als Protestform und auch aus Vergnügen. Vielleicht will ich einfach etwas lustig verpacken.

 

Kannst du kurz einen Vergleich zwischen deinen Erfahrungen mit Jugendlichen in Brasilien und Deutschland bzw. Polen anstellen?

 

In Brasilien habe ich in verschiedenen sozialen Projekten mit Jugendlichen zusammen gearbeitet. Dort habe ich gesehen, dass sie sich besser ausdrücken können. Generell habe ich das Gefühl, dass die brasilianischen Jugendlichen stärker mobilisiert sind. Die Jugendlichen dort in den Workshops haben konkret ihre Probleme mit der Polizei, mit Rassismus oder dem Leben in den Favelas (großen Armenvierteln) dargestellt. Speziell bei den Jugendlichen in Deutschland mit Migrationshintergrund oder den Jugendlichen in Polen, die soziale Probleme hatten, habe ich das so nicht erlebt. In einem gewissen Maß haben sie die gleichen Probleme wie die Jugendlichen in den Favelas. Aber hier erscheinen sie passiver, sie lassen ihr Leben laufen und wirken nicht so, als ob sie sich für eine Verbesserung ihre Situation einsetzen. Sie sprechen zwar darüber, aber eine Aktion, eine Mobilisierung erfolgte nicht. Ich bin jedoch erst seit kurzer Zeit in Europa und kann daher keine absoluten Aussagen zu so einem Vergleich machen.

 

 Dennoch spürst du einen Unterschied. Warum meinst du, besteht dieser?

 

Ich glaube, hier fehlt so etwas wie ein Vorbild oder eine Strukturierung durch erfahrene Ältere, die ähnliches durchgemacht haben wie die Jugendlichen. In Brasilien gibt es viele Projekte, die eben von den Leuten aufgebaut wurden, die aus den Favelas kommen. Sie sind für die Jugendliche auch Vorbild, da sie gleiche Erfahrungen gemacht haben. Und sie können den Jugendlichen glaubhaft vermitteln, dass es auch anders geht. Niemand muss kriminell werden, um ein  besseres Leben zu führen. Daneben gibt es halt auch bekannte Künstler wie MV Bill und Fußballer in Brasilien, wie z.B. Ronaldinho und Cafu, die aus den Favelas kommen. Sie haben ein politisches Bewusstsein und machen dieses auch in der Öffentlichkeit deutlich, engagieren sich in sozialen Projekten.

 

 Rap kann also zu einer politischen Bewusstseinsveränderung in Angola beitreten?

 

If you have knowledge, you have power. Einige Rapper in Angola, wie z.B. MCK, General 10 Pacote, Bob Da Rage Sense und andere, geben ihr Wissen über die Gesellschaft, die Politik über ihre Musik an die Bevölkerung weiter. Dadurch kann schon eine Bewusstseinsveränderung entstehen.

 

Diese Aufgabe wird ja sonst eher den Journalisten zugeschrieben. Hat Musik in der Gesellschaftskritik gegenüber dem geschriebenen Wort manchmal Vorteile?

 

Der Journalismus in Angola hat sich in den letzten Jahren verändert. Gerade soziale Umstände im Land werden in den unabhängigen Medien mehr hinterfragt. Durch Musik und Tanz verbreiten sich die Informationen schneller. Der Text wird gelernt und mitgesungen. So sind der Informationsaustausch, die Verarbeitung der Inhalte im vergleich zum Journalismus größer und schneller. Es gibt in Angola einen sehr populären Musiker, Bonga, der lange im Exil gelebt hat. Währenddessen schrieb er Lieder über die politische Situation in unserem Heimatland. Seine Lieder waren so brisant, dass sie kaum im Radio gespielt wurden. Man konnte zu den Songs gut tanzen, sie waren leicht mitzusingen. Auf der anderen Seite waren es sehr kritische Inhalte, die oft verboten wurden. Dies beweist, dass Musik eigentlich ein sehr mächtiges Medium ist.

 

Kannst du einschätzen, welchen wirtschaftlichen Stellenwert Musik in angola oder Brasilien hat? In Europa und den USA ist Musik eine Industrie, die sehr viel geld umsetzt.

 

Das ist mittlerweile in diesen Ländern ähnlich wie im Norden. In Angola oder Brasilien gibt es halt Künstler, die mit ihrer Musik etwas ausdrücken, etwas bewegen wollen. Und andere wollen damit nur Geld verdienen. In den letzten Jahren hat der kommerzielle Stellenwert von Musik in beiden Ländern schon zugenommen. Auch hier hat sich ein Geschäft für viele Menschen entwickelt. Innerhalb der verschieden Musikrichtungen, die es in Afrika gibt, ist ein Konkurrenzkampf entstanden, wer mit seinem Stil auf den europäischen Markt kommt. Der Weg zum wirtschaftlichen Erfolg in Europa ist für Musiker aus Afrika sehr schwierig, vor allem wenn sie nicht das Klischee vom trommelnden Afro-Musiker erfüllen wollen.

 

Welche Rolle hat deiner Meinung nach die Musikindustrie in der Verbreitung von Musik aus Angola/Brasilien hier in Europa?

 

Ebenso wie es soziale Ghettos gibt, existieren auch kulturelle Ghettos. Afrika und Lateinamerika sind in bestimmter Weise solche Kultur-Ghettos für Europa, das sich nur langsam öffnet. Künstler aus diesen Regionen sind mit klischeehaften Bildern verbunden, die nicht berücksichtigen, dass es in diesen Länder auch Rock, Rap, Techno oder Elektro gibt. Dieses Bild aufzubrechen und trotzdem als afrikanischer Musiker hier erfolgreich zu sein, ist sehr schwierig. Als afrikanischer Musiker wird man halt nur zu afrika-Festivals eingeladen. Warum lädt mich niemand zu einem normalen Musik-Festival ein? Afrika-Festivals zeigen so gut wie nie, wie heterogen doch die Musik-Szene eines ganzen Kontinentes ist. Meiner Erfahrung nach gibt es in Europa Festivals auf denen nur afrikanische Musiker zu finden sind. Warum durchmischen sich solche Veranstaltungen nicht viel mehr!? Stilistisch oder musikalisch würde nichts dagegen sprechen. So sind die Festivals einfach nur Kultur-Ghettos.

 

Anne-Sophie Weihe übersetzte das Gespräch aus dem Portugiesischen.

 

Text: Matthias Fischer

Veröffentlicht in peaceXchange  - Weltfriedendienst e.V peace prints, 07/2007, als Beilage der Zeitung TAZ, Oktober 2007.

 

http://www.peacexchange.eu/doc/TAZBeilageOkt2007Rap.pdf

 

(((((Im April 2007 leitet er im Rahmen von peaceXchange Rap-Workshops für Jugendliche in Deutschland und Polen. Seit kurzem lebt er in Berlin. Matthias Fischer vom WFD begleitet ihn zwei Wochen lang und spricht mit ihm über seine Erfahrungen sowie welchen gesellschaftlichen Stellenwert Rap-Musik haben kann.)))))

 

  

 
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