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Das andere Gesicht des brasilianischen Tanzes – Interview mit Carlos Frevo

Foto: Carlos Frevo © Elitza Nanova

Vor nahezu zehn Jahren kam der brasilianische Choreograf und Tänzer Carlos Frevo nach Deutschland und brachte die typischen Tänze aus seinem Land mit. In Berlin gründete er den Verein “Locomotiva do Frevo” und seit 2012 gibt er im “Tanzstudio Dança Frevo” Unterricht in den unterschiedlichsten brasilianischen Tänzen wie Maracatu, Frevo, Côco Afro-Brasil, Samba und Forró. Im März 2013 veranstaltet er das erste Forró-Festival in Berlin. In einem Interview mit BERLINDA erzählt Carlos Frevo von seinem Leben, seiner Arbeit und seinen Plänen.

BERLINDA: Carlos Frevo, dein Name weist auf einen typisch brasilianischen Tanz hin, den du hier in Deutschland unterrichtest. Heißt das, du identifizierst dich mit dem Frevo?

CARLOS FREVO: Meine größte Leidenschaft sind die Tänze aus meiner Heimat in Nordostbrasilien. Den Zunamen “Frevo” erhielt ich hier in Berlin, weil ich der erste war, der in der deutschen Hauptstadt mit Frevo arbeitete und mich dafür einsetzte, dass dieser Tanz auch in anderen europäischen Ländern gesehen wird. Frevo ist ein Tanz, der aus den Capoeira-Schritten entstand und welcher mit der Zeit seine ganz eigenen Formen annahm. Seine Haupteigenschaft ist die Bewegungsstärke und die scheinbare Leichtigkeit der Tänzer mit ihren kleinen Schirmchen in der Hand.

B: Wann begann deine Tanzkarriere?

CF: Da ich im Bundesstaat Pernambuco in Nordostbrasilien geboren bin, hatte ich schon sehr früh Kontakt mit der für meine Region typischen Musik und den dazugehörigen Tänzen. Mein Vater hörte immer die Lieder von Luiz Gonzaga, was mich sehr beeinflusst hat. Meine Tanzkarriere begann bereits zuhause mit meiner Mutter, indem wir Forró, Frevo und andere brasilianische Tänze, die sie sehr gut konnte, tanzten und sie zeigte uns, wie die Schritte gemacht werden. Als ich 12 Jahre alt war begann ich Forró-Unterricht an der Tanzschule meiner Heimatstadt zu nehmen, wo mich die Lehrer Valter Barbosa, Wagner Brasil und Marcone Alves unterrichteten. Nach dieser Erfahrung mit dem Forró konnte ich nicht mehr aufhören Tänze zu studieren. Ich ging nach Recife, wo ich bei verschiedenen Lehrern Unterricht in Modern Dance und Ballett nahm.

Gleichzeitig arbeitete ich in der Afro-Tanzgruppe aus Olinda mit dem Lehrer Gilson Gomes. Hier in Berlin lernte ich Capoeira Angola mit Mestre Rosalvo Dos Santos und im Jahr 2007 habe ich angefangen Jazz-Unterricht bei Sara Alves de Souza zu nehmen, wo ich bis heute bin, denn das Erlernen von Tänzen nimmt nie ein Ende.

B: In Brasilien warst du schon in vielen Tanzschulen erfolgreich. Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen?

CF: Im Jahr 2004 wurde ich eingeladen, Teil der Tanzgruppe “Tangara Brazil” hier in Berlin zu werden als Solist für brasilianischen Volkstanz. Meine erste Show war sehr schwierig für mich, weil ich in Brasilien nie mit Publikumsanimation gearbeitet hatte und ich wusste nicht, dass Brasilien nur Frauen als Hauptattraktion in den deutschen Shows hatte. Denn in Brasilien sind wir auf der Bühne alle gleich. Hier in Deutschland habe ich gelernt, dass es egal ist, was man tanzt, das einzig wichtige ist, wie viele Mulattinnen in der Show zu sehen sind. Deshalb begann ich darüber nachzudenken, was man tun könnte, um zu zeigen, dass Brasilien mehr hat, als die Medien zeigen. Also beschloss ich, in Berlin zu bleiben und mit Tänzen zu arbeiten, die kaum jemand hier kennt. Zum Beispiel: Frevo, Forró, Maracatu, Côco, Caboclinhos, Ciranda, Xaxado, Cavalo Marinho, Samba de gafieira.

B: Was macht die brasilianischen Tänze so besonders?

CF: Ich glaube, es ist die Mischung aus ethnischen Gruppen, wie Indianern, Afrikanern, Europäern, Juden, welche eine große Vielfalt und Reichtum von Musik und Tanz mit sich brachte. Die Haupteigenschaft ist eng zu tanzen und zwar mit einem Hüftspiel, das man nicht in anderen Tänzen findet.

B: Wie kam es zu deiner Arbeit mit der “Locomotiva do Frevo”, die heute schon ein eingetragener Verein ist?

CF: Alles begann, als ich in der “Academia Jangada” arbeitete, wo ich Samba-Unterricht gab. Mestre Rosalvo des Capoeira Angola fragte mich, ob ich nicht einmal den Frevo zeigen möchte, von dem ich immer gesprochen hatte. Also begannen wir mit einer Pernambuco-Tanzstunde und bald kam die Idee auf, wie man diese Arbeit verbreiten könnte und so entstand dann im Jahr 2006 die “Locomotiva do Frevo”. Heute bin ich dort Choreograf, Tänzer und Vereinspräsident. Wir haben eine Show namens “Das andere Gesicht Brasiliens”, in der es schon mehrere Aufführungen gab, und wir arbeiten auch mit Kindern und Jugendlichen. Seit sieben Jahren treten wir beim “Karneval der Kulturen” hier in Berlin auf, der immer über die Pfingsttage stattfindet. Dieses Jahr beginnen wir ein neues Projekt namens “Sprachlos” – das ist eine Arbeit in der Forschung und Entwicklung von Reaktionen der Menschen auf nonverbale Kommunikation.

B: In den vergangenen Jahren kam der Forró nach Europa und verschiedene Metropolen wie London, Paris und Lissabon haben bereits Forró-Festivals veranstaltet. In diesem Jahr organisierst du das erste Forró-Festival in Deutschlands Hauptstadt. Was erwartet uns dort?

CF: Das “Psiu! Forró Festival” bringt die Vereinigung der neuen mit den traditionelleren Stilen wieder. Bei diesem Festival werden wir einige Neuheiten von Tänzen wie Cabocolinho, Frevo, Côco und einen Spezialkurs in Forró-Perkussion anbieten.

Der Name “Psiu!” ist zu Ehren Luiz Gonzagas, dem “König des Baião”. In dessen Lied über den “Sabiá” , einem speziellen Vogel aus dem Nordosten Brasiliens, wo auch der Forró her kommt, wurde genau dieser Ruf “Psiu!”verwendet.

B:  Wo siehst du dich in der Zukunft? Was ist dein größter Traum?

CF: Ich weiß nicht so genau, wo ich in Zukunft sein werde. Aber ich weiß, dass ich dort tanzen werde! Mein Traum ist, eines Tages in meine Heimatstadt zurückkehren zu können und zu sehen, dass alles was ich für meine Kultur hier in Europa getan habe weiterhin in dieser Arbeit bestehen wird.

Mehr Infos: www.carlosfrevo.de

Das Interview wurde von Gundula Bergter geführt.
 

 

 

  

 
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