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Theater ist eher Spaß: Interview mit dem deutsch-portugiesischen Regisseur Antú Romero Nunes

Foto: Links - Antu Romero Nunes © Christian Doppelgatz. Rechts - Zeit zu lieben Zeit zu sterben © Bettina Stöß

Antú Romero Nunes, als Sohn eines portugiesischen Vaters und einer chilenischen Mutter in Deutschland aufgewachsen, gilt als einer der wichtigsten Regisseure der neuen Generation. 2010 wurde er von der Zeitschrift Theater heute zum „Nachwuchsregisseur des Jahres“ gewählt und ist nun, mit 29 Jahren, der jüngste Hausregisseur in der Geschichte des Maxim Gorki Theaters. Seine letzte Inszenierung „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ von Fritz Kater/Armin Petras zeigt eine Generation Teenager im Osten kurz vor der Wende: wie sie das Leben, das Erwachsenwerden, die eigene Sexualität und nicht zuletzt das politische System samt allen Hindernissen entdecken. Mit viel Witz, hervorragenden Schauspielern und von einer Live-Band unterstützt, scheint das Stück eine Mischung aus Rock-Konzert und Gedächtnisaufarbeitung zu sein. Wie und warum erinnert man sich heutzutage an etwas und was bleibt von dieser Erinnerung? War der Osten so, oder anders?  Der im Programmheft enthaltene Satz von Christa Wolf ist vielleicht erklärend: “Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen“. Ein Interview mit Antú Romero Nunes.

BERLINDA: 2010 wurdest Du als Nachwuchsregisseur des Jahres  ausgezeichnet. Nun bist du der jüngste Hausregisseur in der Geschichte des Maxim Gorki Theaters. Das klingt wie ein Riesenerfolg, aber auch nach viel Verantwortung. Stehst Du darüber oder fühlst Du Dich unter Druck?

ANTÚ ROMERO NUNES: Es ist alles gut und ich freue mich natürlich darüber. Jede Chance, Theater machen zu können, ist eine Chance. Und Verantwortung… Theater ist eher Spaß [lacht.] Es geht darum, die Möglichkeit zu haben, weiter zu arbeiten, je mehr umso besser.

B: „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ erzählt vom Teenagergefühl im Osten kurz vor der Wende. Warum ist es wichtig, heutzutage immer noch über diese Generation zu reden, und was hat Dich daran interessiert?

ARN: Diese Generation interessiert mich gar nicht, sondern es interessiert mich, Erinnerungen zu suchen. Mich interessiert, den Leuten zu sagen: nehmt alles mit, irgendwann ist es vorbei. Die DDR ist ein Beispiel, ein Land der Erinnerungen, das es nicht mehr gibt. Auch die BRD von damals gibt es nicht mehr. Insofern geht es darum, alles mitzunehmen, denn irgendwann ist es vorbei.

 

B: Das Stück beschäftigt sich auch mit dem Thema Gedächtnis und Erinnerungen. Du bist selber 1983 geboren und hast die DDR und die Wende nicht auf diese Weise erlebt wie die Figuren des Stücks. Kann man sich an den Erinnerungen der anderen beteiligen und wie war für Dich dieser Prozess?

ARN: Merkwürdigerweise kommen jetzt viele Wessis an und sagen, der Osten ist nicht so gewesen, die Ossis haben da und da ein Problem. Ich bin aufgewachsen als Kind von zwei Menschen, die Diktaturen erlebt haben, die mit vielen Kommunisten zu tun hatten. Ich habe zwei Jahre lang nur über die Geschichte der DDR und die BRD nach 1945 gelernt. Ich bin in Deutschland mit Deutschen aufgewachsen. Ich glaube, das reicht. Ich weiß darüber sozusagen mehr als über Schiller. Und alle wollen dass ich Schiller mache, oder Shakespeare. Da war ich auch nicht da.

B: In Deiner Inszenierung gibt es Live-Musik dazu – die Band „Marie & The Red Cat“ sorgt für viele virtuos gespielte Songs, die sich in einem Spektrum von laut bis innig bewegen. Das ist aus der Ausländersicht etwas Deutsches und sogar Ostdeutsches  – man denke z.B. an Brecht und Eisler, oder an Städte wie Rostock, wo man kaum ein Theaterstück ohne eine Rock/Pop-Band auf der Bühne erleben kann. War Dir das bewusst oder ist die Band eher als Symbol für das Aufbegehren der Jugend gedacht?

ARN: Mir ging es darum, dass man eine Live-Band hat, wenn es um Erinnerung geht. Eine Live-Band, die jünger ist und nicht aus Nostalgie, sondern heute spielt. Mir ging es darum, zu sagen, dass Theater auch wie ein Konzert sein kann. Denn gerade hier in Berlin, wo die Leute so viel Druck machen auf das Theater, auch auf mich als Nachwuchsregisseur usw… gehen die Leute ins Theater und wollen irgendetwas bestätigt kriegen, oder wollen es schon schlecht finden, wenn sie reinkommen. Wenn man aber in ein Konzert geht, dann wollen die Musiker einfach nur spielen, die Leute wollen es hören, man trifft sich mit Anderen und alles ist gut. Und ich habe gedacht, das müsste man wieder im Theater machen.

B: Inwiefern sind diese Teenager anders als alle andere Teenager, die im Westen, Norden oder Süden geboren sind?

ARN: Der Unterschied ist, das es hier die innere Mauer auch im Äußerlichen gibt, und das wird potenziert.  Die Situation ist so, dass eine Jugend, die sich entfalten möchte, es nicht darf – was wir heute nicht mehr kennen. Das Ganze ist ein gutes Konstrukt, um über die Jugend zu reden.

B: Du bist Sohn eines portugiesischen Vaters und einer chilenischen Mutter, in Deutschland aufgewachsen. Man hat Dich bestimmt schon oft gefragt, als was siehst Du Dich: Portugiese, Chilene oder Deutscher? Spielt die Frage nach der eigenen Identität bei Dir eine Rolle?

ARN: Ja. Ich habe einen portugiesischen Pass, den werde ich nicht eintauschen. Wenn ich meinen Pass abgebe, dann habe ich das Gefühl, auch etwas von mir abzugeben. Ich bin auf keinen Fall Portugiese, ich bin auf keinen Fall Deutscher, ich bin auf keinen Fall Chilene, ich bin alles drei. Es fällt mir zum Beispiel schwer, von einer Sekunde auf die andere, Portugiesisch zu reden. Und dabei möchte ich meinen Pass behalten, weil ich weiß, dass ich dort Wurzeln habe. Ich vermisse Portugal. Ich habe viel von der portugiesischen Mentalität mitbekommen, das sind meine Wurzeln, ich habe sie akzeptiert und mag sie auch. Ich kann aber nicht sagen, was ich bin. Und heutzutage ist es vielleicht auch egal.

B: Es war für mich eine Überraschung zu erfahren, dass so ein erfolgreicher Regisseur Halb-Portugiese ist. Hast Du schon in Portugal Kontakte zur Theaterwelt gehabt? Wurdest Du dort jemals eingeladen bzw. würdest Du gerne in Portugal etwas inszenieren?

ARN: Ich würde sehr gerne dort etwas machen und wissen, was die Menschen dort bewegt, wie die Schauspieler dort sind. Das würde mich sehr interessieren. Aber ich habe bisher keinen Kontakt dort in diesem Sinne gehabt.

B: Was ist Deine Verbindung zu Portugal? Warst Du als Kind oft da, pflegst Du dort Kontakte?

ARN: Ich habe dort viel Familie, ich bin immer zum Urlaub dorthin gefahren. Ich habe zwar dort nie gelebt, ich habe aber eine riesige, sehr schöne Familie. Das sind die Menschen, die einen halten. Und das Essen auch [lacht].

B: Können wir auch im Maxim Gorki auf eine Inszenierung eines portugiesischen Stücks hoffen?

ARN: Ja, das gab es sogar schon mal. Es war ganz am Anfang, als ich noch studiert habe. Die haben ein ganz schönes Stück gemacht, das wurde uraufgeführt. Der Autor mochte es dann aber nicht und es wurde nicht mehr aufgeführt. Ich dachte, mein Gott, das ist so portugiesisch! Lass doch die Jungs und Mädels machen – freu Dich, dass sie Dein Stück machen! Wenn ich was finde, klar, ich würde gerne etwas Portugiesisches machen. Man muss aber etwas finden, was relevant ist für heute.

 

Das Interview führte Ines Thomas Almeida.

Mit besonderem Dank an Johannes Reiss für das Lektorieren des Textes.

 

 

  

 
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Ines Thomas Almeida

Inês Thomas Almeida nasceu na República Dominicana e cresceu em Portugal como bilingue e com dupla nacionalidade. Mudou-se para a Alemanha para estudar Canto na Escola Superior de Música e de Teatro de Rostock. Alguns anos depois de se instalar em Berlim, criou o magazine online Berlinda, e, mais tarde, o Festival Berlinda.

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