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"Antonio", von Beatriz Bracher

Foto: Beatriz Bracher © Francisco Perosa

„Wir sind fünf, aber einer ist gestorben“, sagte Teo, wann immer man ihn fragte, wie viele Geschwister sie seien.

(…) In ihrer Kindheit und Jugend war es ein fröhliches Haus, ganz anders, als du es kennst. Deine Oma Bel arbeitete an der Uni und in der Oberschule, und nebenbei kümmerte sie sich um alles andere, wodurch sich das Chaos in Grenzen hielt. Xavier war Lektor, Schriftsteller, Journalist und Dramatiker, aber es war wohl so, dass sie die täglichen Ausgaben vor allem mit Bels Verdienst bestritten, und wenn ich es richtig verstanden habe auch noch mit einer alten Erbschaft. Damals gab es in der Straße noch nicht viele Häuser, ihres muss eines der ersten gewesen sein. Du warst ja noch ganz klein, ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst. Zum Haus gehörte ein Garten mit Bäumen, die Zimmer waren hoch und sehr hell. Möbel wurden nicht repariert, sie verschwanden einfach, die Leere breitete sich aus, und das Innere des Hauses wurde mit den Jahren größer. Wir bauten auf dem Parkett Großfarmen und Städte auf, die monatelang stehen blieben, ohne dass irgendjemand sich daran störte und den Platz einforderte, manchmal lösten sich Parkettstäbchen, die wir als Mauern und Brücken verwendeten, und die entstandenen Löcher voller Harz und Sägemehl waren für uns Schluchten. Später kam die Zeit der selbst gebauten Plastikmonster und Holzflugzeuge, des Geruchs nach Klebstoff und Farbe. Das Tipp-Kick-Spielfeld hat es dort wahrscheinlich bis zum Abriss des Hauses gegeben. Irgendwann kamen ein paar Kissen dazu, auf denen wir dann stundenlang rumlagen und uns unterhielten, Gitarre spielten, Knäckebrot mit Frischkäse aßen und Fernsehen schauten ohne Ton, Nadia Comaneci bei den Olympischen Spielen ’76 und Sonia Braga in Dancing Days. (…).

Ich habe nie ein Foto von diesem verstorbenen Bruder gesehen, und deine Familie machte nicht den Anschein, als würde sie der frühe Tod eines Kindes belasten. (…) Dein Vater legte die Gitarre weg und wurde ernst. Dann erzählte er mir Folgendes:

„Bis vor einer Woche wusste ich es auch nicht genau. Ich habe immer gehört, wie mein Vater sagte, ich habe fünf Kinder, aber eines ist gestorben, und so fing ich auch an, auf diese Weise zu antworten, wir sind fünf, aber einer ist gestorben. Ich wusste, dass dieser Sohn aus der Zeit vor der Ehe mit meiner Mutter stammte, eine Geschichte aus seiner Jugend.

 

Auszug aus dem Roman „Antonio“, von Beatriz Bracher*

Übersetzung: Maria Hummitzsch

„Antonio“

Benjamin, 30 Jahre, entdeckt durch Zufall kurz vor der Geburt seines ersten Sohnes ein Familiengeheimnis. Puzzleartig wird die Geschichte des Geheimnisses von drei Erzählstimmen (Großmutter, Freund des Großvaters und Freund des Vaters) aufgedeckt: Im Abstand von dreißig Jahren haben sich Vater und Sohn in dieselbe Frau verliebt und jeder der beiden hat einen Sohn mit ihr gezeugt – Benjamin selbst ist einer der beiden.

Der Roman „Antonio“ erzählt die Geschichte einer Familie der oberen Mittelschicht São Paulos im Zeitraum von 1950 bis in die Gegenwart. Eingebettet ist diese Familiengeschichte in die Landesgeschichte Brasiliens: die Ära Vargas, der Militärputsch von 1964 und die darauffolgende Militärdiktatur, deren Gesetze die bürgerlichen Freiheiten einschränkten; die Studentenunruhen und Streiks des Jahres 1968, die darauffolgenden Säuberungsaktionen, Verfolgungen und die Zensur durch das Militär; die ersten freien Wahlen 1985.

Antonio ist jedoch vor allem ein Roman, der von Liebe erzählt und von Freundschaft, von der Suche nach der eigenen Identität, von Einsamkeit, Verbitterung und nicht zuletzt auch von Krankheit und Tod. Das Leben mit allem, was uns Menschen umtreibt, ist zentrales Thema des Romans.

Brachers Roman wühlt auf und verlangt nach einem aufmerksamen Leser, der die zahlreichen ihm dargebotenen Puzzleteile sorgfältig zusammensetzt.

 

Rezension: Maria Hummitzsch

* Mit freundlichen Genehmigung der Autorin und der Übersetzerin für die Veröffentlichung auf Berlinda.org.

Beatriz Bracher und Bernardo Ajzenberg waren am 15. Oktober bei einer Lesung im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin.

 

 

  

 
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