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Anabelas Kitchen – Integrationsarbeit für Kopf und Kochtopf

Fotos: Links - anabelas Kitchen. Rechts: adlerfisch mit grillpaprika und hummersauce © anabelas Kitchen

Was essen wir denn heute? Wir Deutschen sind es gewohnt in einem Restaurant aus einer großen Liste von Speisen, die es jeden Tag gibt,  großzügig auswählen zu können. Wir entscheiden anhand der Speisekarte, was heute auf unseren Teller kommt. Doch bei Anabela Campos-Neves gibt es ganz bewusst keine normale Stammkarte, die als verpflichtendes Dogma gilt. Vielmehr steht der kontinuierliche Wechsel der Gerichte an der Tagesordnung. Auch kann die Karte sich noch in der gleichen Schicht ändern, falls einzelne Zutaten ausgehen sollten. Nicht die Auswahl, sondern die Qualität und die Frische der Gerichte sind das Entscheidende.

Meist vier Hauptgerichte und vier Vorspeisen, sowie einige Desserts bestimmen das Angebot. Wer bei anabelas Kitchen zum Essen kommt erlebt kein Event, sondern ein sehr gutes und ehrliches Essen. Wer sich auf darauf einlässt, sich immer wieder kulinarisch von den neuen Speisen bei  ihr überraschen zu lassen, der wird begeistert sein. Einige ihrer Stammkunden sind bereits schon mehr Freunde als reine Gäste, weil sie das gute Essen und das familiäre Ambiente des kleinen Restaurants zu schätzen wissen.

anabelas Kitchen © anabelas Kitchen

Die Besitzerin Anabela Campos-Neves hat eben ihre ganz eigene Kochphilosophie, die auch durch ihre portugiesischen Wurzeln geprägt ist. „In Portugal fragen wir uns im Restaurant nicht: Was essen wir heute? Sondern, was gibt es heute? Das ist ein kultureller Unterschied. In Portugal bekommt man auf Empfehlung des Kochs die besten und frischesten Gerichte, die eben aktuell da sind.“ Dieses kulturelle Verständnis, sich zwischen Gästen und Küche ehrlich auszutauschen, das versucht Sie auch in Berlin kulturell zu etablieren. „Das Essen muss richtig lecker sein und ich will die Leute damit glücklich machen.“ sagt die Restaurantbesitzern lächelnd.

Speisekarte, Küche und Gastraum, alles was durch die „Über-Stilisierung“ in der deutschen Gastronomie eine Distanz zwischen Koch und Gästen schafft, das soll hier zurück zur gemeinsamen Mahlzeit führen, inklusive Wohlfühlfaktor. Sie selbst gestaltet den Wohlfühlfaktor entscheidend mit, da sie keine strikte Trennung zwischen Koch- und Gastraum kennt. Anabela Campos-Neves steht selbst in der Küche, hilft aber auch gerne beim Bedienen, um den persönlichen Kontakt zu den Gästen zu haben. Auch das gehört zur „kulinarischen Integrationsarbeit“ zwischen den Kulturen dazu.

Ihr kulinarischer Freestyle auf hohem Kochniveau soll kein Firlefanz, sondern bodenständiges, gutes Essen sein. „Selbst wenn ich das gleiche Gericht öfter anbiete, wird es jedes Mal etwas anders schmecken. In meiner Küche soll es keine kulinarischen Schranken geben. Die Freiheit und die unendlichen Möglichkeiten die verschiedenen oder gleichen Zutaten köstlich zuzubereiten – das ist doch das was das Kochen ausmacht.“ sagt Anabela Campos-Neves begeistert. Die Koch-Kollegen, die bei ihr beginnen, haben anfangs Schwierigkeiten sich zu Recht zu finden. „Was soll ich denn kochen? Wird da oft gefragt und ich sage dann: Koch ein leckeres Gericht aber auf deine Art. Es gibt keine Vorgaben, was richtiges oder falsches Kochen betrifft. Let it flow.“ Auch hier ist die Integrationsküche gefragt bei der Arbeit am Herd.

Für die Speisen kauft Anabela jeden Tag frisch ein. Märkte und spezielle Händler werden abgeklappert.  „Das Einkaufen macht mir großen Spaß, denn hier entsteht schon die kreative Arbeit. Welche Zutaten gut und frisch sind, wähle ich aus, auch wenn ich nicht immer genau weiß, was ich daraus kochen soll. Ich lasse mich inspirieren und kaufe nur, was Qualität hat.“ Dass sich treiben lassen auf den Märkten und nur nach bester Qualität zu kaufen ist eine Grundeinstellung ihrer Küche. Besonders gerne bereitet Sie Fleisch- und Fisch zu, doch der muss eben auch eine Top-Qualität haben. „Die Qualität merkt man beim Kochen und beim Essen und deshalb ist es so wichtig nur die besten Zutaten zu verwenden, aber die muss man eben erst mal finden und bekommen.“ Die Küche als ein Ort zum Experimentieren, um kulinarische Geschmäcker auszuprobieren nach Lust und Leidenschaft. Für ihre Gerichte gibt es deshalb keine Rezepte, hier wird mit Gefühl und mit Kreativität zubereitet.

„Kochen ohne Grenzen – Das ist für mich eine Integrationsküche. Ich bin natürlich durch meine portugiesischen Wurzeln geprägt, aber muss ich deshalb typisch portugiesisch kochen? Und was ist das überhaupt? Nein, ich bringe die Zutaten und Einflüsse von verschiedenen Gerichten in meiner Küche zusammen. Was ich anbiete habe ich selbst bereits probiert und entwickle die Gerichte fantasievoll weiter. Deshalb gibt es bei mir nicht nur Fisch und Fleisch, sondern auch regionale Gerichte, die die Deutschen oft selbst noch nicht kennen.“ Und welcher gute Tropfen zu welchem Gericht am besten passt, kann der hauseigene Sommelier verraten. Deutsche und portugiesische Weine stehen zur Auswahl.

Anabela Campos-Neves studierte in Portugal zuerst Biochemie. 1982 kam Sie nach Deutschland, anfangs nach Stuttgart und 1984 dann nach Berlin. Hier absolvierte Sie ihre Ausbildung zur Köchin und  eröffnete 2008 ihr erstes eigenes Restaurant. Ihr persönliches Schlüsselerlebnis, als sie die deutsche Küche kennenlernte, sind Dampfnudeln mit Vanillesauce. Die hat sie das erste Mal in Stuttgart gegessen und schwärmt heute noch davon.  Wer von Anabelas Gerichten naschen möchte, sollte sich auf nach Charlottenburg machen und am besten Fragen: Was gibt es denn heute?

anabelas Kitchen
Pestalozzistraße 3
10625 Berlin-Charlottenburg

 

Text: Daniela Franzisi

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Daniela Franzisi

Studierte an der Universität Trier Soziologie, Medienwissenschaft und Germanistik. Sie verbrachte ein Auslandsjahr an der Universidade Nova de Lisboa. Dort studierte sie Fernsehjournalismus bei José Rodrigues de Santos und portugiesische Literatur. Sie lebt in Berlin, wo sie ein Volontariat als Fernsehjournalistin absolviert. Englisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch sind die Sprachen, die sie bereits beherrscht und aktuell versucht sie auch Rumänisch zu lernen.

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