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Interview mit José Eduardo Agualusa

Foto: José Eduardo Agualusa © Promo

José Eduardo Agualusa, geboren 1960 in der angolanischen Stadt Huambo, lebt heute zwischen seinem Heimatland, Lissabon und Brasilien. Seine bisher acht Romane, mehrere Bände mit Kurzgeschichten und ein Lyrikband wurden mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Sein zentrales Thema ist Afrika, besser gesagt die verschiedenen Seiten Afrikas, die sich seit Jahrhunderten in Europa und Brasilien vermischen. Agualusa ist ein Anhänger des historischen Erzählens. Irgendwo zwischen Fiktion und Wirklichkeit, mal autorenhaft-fantasievoll, mal geschichtlich fundiert, zeigen uns viele seiner Figuren, wie sich das Absurde in unserer Gesellschaft einnistet, ohne dass es jemand wahrzunehmen scheint.

 

Neben verschiedensten Literaturpreisen, darunter der Prémio de Conto Camilo Castelo Branco [vergeben von der Vereinigung portugiesischer Schriftsteller], der Grande Prémio de Literatura [RTP] und der Grande Prémio Gulbenkian für Kinder- und Jugendliteratur, erhielt er 2007 von der britischen Zeitung The Independent den Preis für das beste ausländische Werk für O Vendedor de Passados [dt. Titel Das Lachen des Geckos, übers.: Michael Kegler, A1 Verlag, München, 2008], welches er in Berlin schrieb, wie im Interview zu erfahren ist. Ende 2011 wird er Berlin erneut besuchen, um die deutsche Übersetzung seines Romans Barroco tropical [dt. Titel Barroco tropical, übers.: Michael Kegler, A1 Verlag, München 2011] zu präsentieren.

 

In seinem Haus im Lissabonner Stadtteil Lapa sprach der Autor mit BERLINDA über sein Jahr in Berlin, das Unbehagen während des langen, dunklen Winters, die Träume die in ihm zu Büchern wurden und über die Zuneigung, die er in Berlin erfuhr.

 

BERLINDA: Wie kamst Du nach Berlin?

JOSÉ EDUARDO AGUALUSA: Dank eines Künstlerstipendiums des DAAD. Für mich ist es eines der besten Stipendien die es gibt, ich kenne nichts Vergleichbares. Es ist ein einjähriges Stipendium – die meisten anderen sind kürzer – und setzt natürlich voraus, dass man genau in dem Zeitraum nach Deutschland gehen kann. Der DAAD besitzt fünf Wohnungen für Schriftsteller und ihre Familien. Unsere Wohnung war sehr groß und lag noch dazu in einem zentralen und doch verhältnismäßig ruhigen Stadtteil, am Kudamm, in der Nähe eines Sees…

 

B: Im Tiergarten?

JEA: Ja. Der Tiergarten war direkt hinter unserem Haus, mehr kann man sich also nicht wünschen. Wir [JEA und seine Familie] fühlten uns sehr gut aufgehoben. Wir bekamen jeden Monat ein üppiges Taschengeld und ich lebte noch dazu weiter von den Autorenrechten. Mein Sohn musste in eine deutsche Schule gehen…

 

B: Wann war das?

JEA: Das war etwa um 2000. Strategisch gesehen habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe zwei Winter hintereinander in Berlin verbracht, da unser Aufenthalt von Januar bis Januar ging.

 

B: War das schwierig für Dich?

JEA: Sehr schwierig. Nicht nur wegen der Kälte, sondern vor allem wegen der Dunkelheit. Die Wohnungen sind schön warm, fast tropisch, aber die Dunkelheit... Zum Glück waren meine Arbeitsbedingungen ideal: ein riesiges Büro, ein Fitness-Studio gleich nebenan, wo ich regelmäßig trainierte… Ich habe sehr viel gearbeitet. Berlin hat auch eine sehr große portugiesischsprachige Community, viele Deutsche sprechen Portugiesisch und haben Verbindungen nach Brasilien oder Afrika. Viele Ostdeutsche, ehemalige DDR-Bürger, waren schon einmal in Angola und gleichzeitig kamen viele Angolaner zum Studium in die DDR und blieben. Das half uns sehr bei der Integration. Noch dazu wohnte über uns ein chilenischer Schriftsteller, Carlos Franz, und der chilenische Botschafter zu dieser Zeit war [Antonio] Skármeta, ein großer Schriftsteller. Wir freundeten uns mit den beiden an, Skármeta kannte alle südamerikanischen Schriftsteller in Berlin, und in diesem Umfeld lebten wir.

 

B: Hattest Du eine besondere Beziehung zu den Deutschen, außerhalb dieses Umfelds?

JEA: Nur mit den Deutschen die Portugiesisch sprachen. Deutsche Übersetzer, oder solche die sonst irgendeine Verbindung zum Portugiesischen hatten.

 

B: Was ist Deine stärkste Erinnerung an Berlin?

JEA: Ich würde Berlin gerne noch einmal in Ruhe besuchen, um den Wandel seit dieser Zeit zu verstehen. Ich glaube es hat sich viel verändert. Vor zehn Jahren war Berlin eine kulturell ungewöhnlich lebendige Stadt, ich weiß nicht ob es immer noch so ist. Allein all die Kunstgalerien! Berlin hatte viel mehr Galerien als Lissabon, unvergleichbar. Wir waren sehr viel in Galerien, auch weil wir mit einer bildenden Künstlerin aus Angola befreundet waren, Manuela Sambo, die mit einem Deutschen [Anm.:Künstler] verheiratet ist. Während unseres Aufenthalts in Berlin gab es mehrere Ausstellungen afrikanischer und angolanischer Kunst. Auch darüber habe ich die Stadt besser kennen gelernt. Damals gab es auch einige gute afrikanische Plattenläden – heute vermutlich nicht mehr, denn wer kauft heutzutage noch Platten – in die ich gerne ging. Und dann gab es auch noch viele andere Ereignisse, wie beispielsweise die Berlinale…

 

B: Wie ist die portugiesischsprachige Community in Berlin, im Hinblick auf ihre Herkunftsländer? Sind es hauptsächlich Künstler, eine Elite, oder sehr gemischt?

JEA: Es sind verschiedene Arten von Menschen, wir hatten aber schon mit einem bestimmten, kultivierteren Kreis zu tun. Manuela Sambo zum Beispiel ist die Tochter eines in Angola sehr bekannten Mannes, ein zu Kolonialzeiten sehr einflussreicher Heil-und Medizinpflanzenspezialist. Er hatte viele Kinder, einige davon Ärzte, einer ist Direktor der Weltgesundheitsorganisation in Afrika, also eine recht kultivierte Familie. Ich hatte in Berlin eher mit solchen Leuten zu tun. Man kennt jemanden, wird anderen vorgestellt… Andere Kreise, andere Angolaner habe ich kaum kennen gelernt. Es gab zu der Zeit viele Kriegsflüchtlinge aus Angola. Einmal wurde ich sogar zu einer Veranstaltung einer angolanischen Kriegsflüchtlingsorganisation eingeladen, aber wir hatten mit ihnen letztendlich wenig Kontakt.

 

B: In Deinem Jahr in Berlin hast Du ein Buch geschrieben…

JEA: Ja, das war O Ano em que Zumbi tomou o rio.

 

B: Hättest Du es auch an einem anderen Ort schreiben können oder spielte Dein Berliner Aufenthalt dabei eine besondere Rolle?

JEA: Das hätte ich sicher, aber die Bedingungen zwangen mich wirklich zu arbeiten. Einerseits hatte ich wirklich fantastische Arbeitsbedingungen. Andererseits war ich in einem mir fremden Land, wo ich nicht so viele Leute kannte, es war kalt, dunkel, man ist viel zu Hause… In Berlin habe ich mehr als anderswo gearbeitet. Ich glaube es war sogar das produktivste Jahr meines bisherigen Lebens. Es war mir kein Leichtes, es [O Ano em que Zumbi tomou o Rio] zu schreiben, und womöglich hätte ich es unter anderen Umständen gar nicht schreiben können. Ich habe in diesem Jahr viel gearbeitet. Manche arbeiten nicht, sie gehen hin, verlieren sich und machen am Ende gar nichts. Ich habe das Stipendium voll ausgenutzt, und unter anderen Umständen hätte ich sicher zwei Jahre an diesem Buch geschrieben. Außerdem hatte ich zuvor zwei Jahre in Brasilien gelebt, ich kannte es aber nicht so gut, und da sich ein Teil der Handlung dort abspielt, hat es mir viel abverlangt.

 

B: Und genau das Buch, das Du in Deutschland geschrieben hast, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt!

JEA: Stimmt, noch gibt es keine deutsche Übersetzung, aber hoffentlich bald.

 

B: In Berlin hast Du viel Zeit beim Schreiben zu Hause verbracht. Was hast Du gemacht, wenn Du ausgegangen bist?

JEA: Mein Tag bestand normalerweise aus Schreiben und Fitness-Studio. Wir sind auch ins Kino gegangen, in Ausstellungen, von denen es zu der Zeit einige sehr gute gab, und in die wichtigsten Museen. Wir lernten mit der Zeit mehr und mehr Leute kennen, luden sie zu uns nach Hause ein, gingen auf Partys… Ich war in Künstlerkreisen unterwegs, ein Bekannter von mir war z.B. der Brasilianer Alex Flemming. Es war eine sehr schöne Zeit, an die ich viele gute Erinnerungen habe.

 

B: Was hat Dir an Berlin am besten, was am wenigsten gefallen?

JEA: Am besten hat mir gefallen, dass es Leute aus allen Ecken der Welt gibt, die dort problemlos zusammenleben, und die Kultur. Ich mag bildende Kunst sehr gerne und mochte die Kunstgalerien, von denen es in Lissabon leider nicht so viele gibt. Auch in Holland gibt es sehr viele – ich war vier Monate mit einem Stipendium in Amsterdam – und ich glaube da waren es sogar mehr Galerien als in Berlin. Ich liebe es in Ausstellungen zu gehen, und das war einfach fantastisch in Berlin.

 

B: Und was hat Dir nicht so gut gefallen?

JEA: Die Kälte und die Dunkelheit, wie schon gesagt. Vor allem die Dunkelheit ist schrecklich. Ansonsten hatte ich keine Probleme, aber Noelma [die damalige Freundin von JEA] wurde auf der Straße beleidigt. Mit Hilfe des Stipendiums lernte sie Deutsch, zweimal pro Woche kam ein Lehrer zu uns nach Hause. Sie hat ein bisschen was gelernt, ich leider kaum etwas. Wenn mich also jemand auf der Straße ansprach, war das einzige was ich sagen konnte Dankeschön [lacht]. Wer greift schon jemanden an, der sich bedankt? Aber Noelma kam einmal weinend nach Hause, weil jemand ihr auf der Straße Neger hinterhergerufen hatte. Sie hat sich nach allen Seiten nach diesem Neger umgedreht, bis sie verstanden hatte dass sie gemeint war. So etwas war ihr noch nie passiert. Ich habe ihr gesagt: Du bist selbst schuld, weil Du Deutsch gelernt hast [lacht]. Aber es war auch irgendwie typisch deutsch, sofort kam jemand um sie zu verteidigen. Einmal bin ich aus dem Haus gegangen und da war ganz viel Polizei, überall Polizeiautos. Ich bin zum Bahnhof gegangen und auch da wimmelte es nur so von Polizisten. Ich bin ziemlich erschrocken nach Hause zurückgegangen und dachte, es habe einen Putsch oder so etwas gegeben, bis uns deutsche Freunde anriefen die uns davor warnten, nach draußen zu gehen, da es in unserem Viertel einen Neonazi-Aufmarsch gab. Letztendlich habe ich keinen einzigen Neonazi gesehen, nur Polizei. Das ist eben auch Berlin, auf der einen Seite gibt es die Neonazis, auf der anderen hast Du sofort Tausende Gegendemonstranten.

 

B: Eine Stadt mit vielen Gegensätzen.

JEA: Ja. Aber ich erinnere mich vor allem an das Positive: Am meisten habe ich dieses unbeschwerte Zusammenleben gespürt, diese gegenseitige Akzeptanz. Der CSD zum Beispiel, der Karneval der Kulturen sind wirklich schöne Veranstaltungen.

 

B: Seit Deiner Zeit in Berlin sind viele Jahre vergangen, Du hast mittlerweile schon an anderen Orten gelebt, u.a. mehrere Jahre in Brasilien. Würdest Du wieder für ein Jahr nach Berlin kommen?

JEA: Nein. Vor allem nicht von Winter bis Winter. Am ehesten noch im Sommer, aber nicht im Winter.

 

B: Es hat Dich kalt erwischt.

JEA: Ja, wirklich. Ich würde nie wieder den Winter in einem Land verbringen, wo es kalt ist. Ich verstehe nicht wie die Leute es schaffen, in dieser Kälte zu leben. Ohne Sonne kann ich einfach nicht leben. Es erschreckt mich, macht mich krank, trotz des kleinen Sees bei uns in der Nähe… Ich erinnere mich daran, dass ich einmal in meiner Verzweiflung in dem See schwimmen ging, im eiskalten Wasser. Die Leute da waren sehr nett, man kannte sich am See, wie eine Familie… Das fand ich schön. Berlin ist eine sehr sympathische Stadt. Es ist eine Großstadt, aber du hast nicht das Gefühl, in einer zu leben, es gibt keine langen Staus, wenig Lärm, man fühlt sich sicher… Einmal habe ich mich im Ostteil der Stadt verlaufen, auf dem Weg zu einer Ausstellung, über die damals heftig diskutiert wurde. Ein Verrückter, der menschliche Körper ausstellte…

 

B: Diese Ausstellung ist gerade wieder in Berlin [Körperwelten von Gunther von Hagen, bis 14. August am Berliner Ostbahnhof].

JEA: Es ist wirklich ungeheuerlich, das muss man sagen. Wie auch immer, die Ausstellung war im Osten Berlins, und ich habe mich zwischen all den grauen Häusern da verlaufen. Das war das einzige Mal, dass ich in Berlin Angst hatte, man läuft da durch und begegnet Skinheads, eine unheimliche Atmosphäre…

 

B: Heute ist es ganz anders, die östlichen Stadtviertel sind voller Touristen und es ist viel in Bewegung... JEA: Ja, es muss jetzt ganz anders sein. Damals spürte man davon nichts; wenn man von West nach Ost fuhr, änderte sich buchstäblich die Farbe der Stadt, oder besser gesagt, die Farbe verschwand, denn der Osten war grau.

 

B: Obwohl Du nicht wieder in Berlin leben möchtest, bist Du doch hierher zurückgekehrt. Vor zwei Jahren warst Du zur Vorstellung der deutschen Übersetzung von O Vendedor de Passados [übersetzt von Michael Kegler] in Berlin, und in diesem Jahr kommst Du wieder, um Barroco Tropical [ebenfalls übersetzt von Michael Kegler] zu präsentieren. Du besuchst Berlin also gerne?

JEA: Ja. Diese Veranstaltungen sind immer sehr gut gelaufen. Die Räume sind voll, die Lesungen machen viel Spaß, das Publikum ist neugierig, zeigt Interesse, stellt viele Fragen. Ich habe das zusammen mit meinem ausgezeichneten Übersetzer gemacht, Michael Kegler. Den Leuten gefällt es auch, was sehr schön ist. Für mich ist das nicht Arbeit, es ist Vergnügen. Man lernt auch sehr interessante Menschen kennen, das ist toll.

 

B: Ich war bei einer dieser Buchpräsentationen dabei, die mir von der Art wie sie ablief eher wie ein Konzert vorkam, beinahe ein Duett zwischen Dir und Michael, und ich hatte das Gefühl, dass Du vom Publikum sehr geschätzt wirst. Stimmst Du mir da zu?

JEA: Ja, im Allgemeinen läuft alles immer sehr gut. Das Publikum ist in jeder Stadt anders.

 

B: Wie ist denn das Berliner Publikum?

JEA: Das Berliner Publikum... manchmal ist es schwieriger in Berlin als in anderen, kleineren Städten. In den kleineren Städten kommen normalerweise mehr Leute, weil einfach weniger passiert. In Berlin gibt es täglich Hunderttausend Veranstaltungen. Als ich diese Lesung in der Brasilianischen Botschaft hatte kamen aber auch sehr viele Menschen. Viele Brasilianer, Angolaner, Mosambikaner… das war wirklich schön. Auch in der Livraria haben wir schon gelesen.

 

B: Hast Du auch schon etwas über Berlin geschrieben?

JEA: Das Lachen des Geckos, die Geschichte eines Mannes, der Neureichen eine neue Vergangenheit verkauft, habe ich in Berlin geschrieben. Zuerst habe ich von diesem Mann geträumt. Ich träume oft, viele meiner Geschichten tauchen zuerst in meinen Träumen auf. In Berlin hatte ich einen Traum und daraus wurde eine Kurzgeschichte, die im Público [portugiesische Zeitung] erschien, für den ich damals schrieb. Es geht darin um diesen Mann, der Vergangenheiten verkauft, den der Erzähler in einer brasilianischen Bar in Berlin kennenlernt. Die Geschichte spielt in Berlin. Sie wurde veröffentlicht und kam sehr gut an, und ich merkte allmählich, dass in diesem Mann mehr Potential steckte, dass diese Figur wachsen und zu einer Romanfigur werden könnte. Auf der Grundlage dieser Berliner Kurzgeschichte entstand dann Das Lachen des Geckos. 

 

Das Interview führte Ines Thomas Almeida.

Mit besonderem Dank an Johannes Reiss für die Übersetzung ins Deutsche.

 

  

 
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