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Die geheimen Ängste der Deutschen

Foto: Ismael Miquidade

Woher nur kommt die berühmte deutsche Angst?

Für die Familientherapeutin Gabriele Baring, deren Buch „Die geheimen Ängste der Deutschen“ veröffentlicht wurde, muss man die Ursachen in den schrecklichen Geschehnissen des 20. Jahrhunderts suchen, die in den Familien nicht angesprochen wurden und so tiefe persönliche Spuren hinterließen.

 

In der Buchhandlung Dussmann, die so überfüllt ist, dass einige Besucher draußen bleiben müssen, geht Baring lange darauf ein, wie das Unausgesprochene über Generationen hinweg in den Familien bleibt und das Verhalten ihrer Mitglieder bestimmt. Sie legt dar, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf die Zukunft des Landes auswirkt, sondern dass es darüber hinaus die ganze deutsche Gesellschaft betrifft („und gerade die, die behaupten, überhaupt nicht darunter zu leiden, sind meist die, die es am meisten betrifft“). Beispielhaft dafür zeigt sie auf, wie sich das Phänomen sogar in der politischen Führungsspitze bemerkbar macht.

 

„Und andere Völker?“ – denkt sich der Zuhörer bei einer solchen Aussage zuallererst. Müssten die Russen nicht unter derselben Angst leiden? Vielleicht liegt die Antwort darauf gerade im Vermeiden des Verbalisierens: weil die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts eben viele Länder und nicht nur Deutschland zerstört hatten, erlegte sich Deutschland Stillschweigen über das eigene Leid auf. Vermischt mit Schuld- und Schamgefühlen führte das zu einem grundlegenden Unbehagen, das meist beiseite geschoben und über Generationen weitervererbt wurde.  Das Schweigen, dieses Krebsgeschwür: über die Zusammenarbeit des Vaters oder Großvaters mit dem Naziregime, über die Grausamkeiten des Krieges (die man selbst erlitten oder selbst zugefügt hatte), über Massenvergewaltigung.  Gabriele Baring bekräftigt, dass sie von Leuten mit unterschiedlichsten Symptomen aufgesucht wird, die in den meisten Fällen auf Traumata zurückweisen, welche durch den Krieg verursacht wurden. Interessanterweise ähneln sich die Symptome von Nachfahren der Täter und Nachfahren der Opfer.

 

Später nimmt der Vortrag aktuelle Politiker in den Fokus: Wie viele ihrer Entscheidungen sind eigentlich darauf angelegt, den Vater, der viel zu früh verschwundenen ist und im Kampf gefallen ist, zu ehren? Genauer geht die Therapeutin auf den Fall Karl-Theodor zu Guttenberg ein; er gehört zu einer Familie mit bedeutenden Verantwortungen, ist Neffe von Widerständlern, wuchs fern der Mutter auf: seine idiotischen Fehler könnten Ausdruck eines unbewussten Befreiungsschlages aus den Ketten  der Familienvergangenheit sein.

 

Wie kann man diese Angst heilen? Gabriele Baring schlägt vor, sich ihr über die Familienaufstellung zu nähern. In Anlehnung an Rupert Sheldrakes Theorien aus dem Gebiet der Morphogenetik, sucht sie nach Informationen über die Familie, die über Gene oder in Zellen weitergegeben werden. Sie erklärt sehr vereinfacht, wie das in der Gruppenarbeit aussieht: Ein Teilnehmer sucht innerhalb der Gruppe einige Personen aus, die Mitglieder seiner Familie repräsentieren sollen. Diese Leute erzählen, was sie fühlen (auch physische Symptome), wobei sie auf Dinge eingehen, die überraschend nah an der Wirklichkeit besagter Familienmitglieder sind und die auch der zentrale Teilnehmer oftmals nicht wusste. Das Verbalisieren und die Konfrontation mit Figuren aus der Familiengeschichte, sei es auch nur mit Hilfe von Vermittlerpersonen, erlauben einen neuen Umgang und befreien. 

Dann bittet der Moderator der Veranstaltung Baring, ein Stück aus ihrem Buch vorzulesen und sie wählt ein schwieriges Thema: sexueller Missbrauch von Kindern innerhalb der Familie. In der Passage, die sie vorliest,  verteidigt Baring, dass nur die stillschweigende Übereinstimmung der Mutter, sei diese auch unbewusst, dem Vater oder Partner die Vergewaltigung des Kindes ermögliche. Sie spricht von schrecklichen Fällen, in denen dieser „Familienvertrag“ von der Großmutter auf die Mutter und von der wiederum auf die Tochter weitergegeben werde. Und davon, dass dieser Teufelskreis, der Generation um Generation einschließt, nur durchbrochen werden kann, indem darüber gesprochen wird und die Traumata behandelt werden.

 

„Müssten wir in diesem Fall die Anklagebank verlängern, damit alle Beschuldigten darauf Platz finden?“ fragt der Moderator provokant. Die Autorin lächelt und stimmt ihm zu, „Gute Idee!“, stellt aber sofort in ernstem Ton richtig: „Selbstverständlich trägt jede Person die Verantwortung für ihr Handeln selbst. Was wir aber nicht ignorieren dürfen ist, dass wir viel weniger frei sind, als wir glauben.“

 

Aus dem Publikum wird Widerstand laut:

-Was für eine absurde Verallgemeinerung! Wollen Sie damit unterstellen, dass alle Deutschen krank sind?

-Ja, alle Deutschen sollten sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen, die verschwiegen wird.

 

Und dann spricht sie von einem Bekannten, hervorragend in seinem Job, der mehr als hundert Bücher über Hitler gelesen habe, es aber nicht schaffte, das Tagebuch seines Großvaters aus dem Krieg zu lesen.

 

Jetzt verabschiedet sich der Moderator: Er verspricht, heute Abend bei seiner Familie zu sein und fügt lächelnd hinzu, dass er gerade Angst habe, sein Flugzeug zu verpassen. Die Diskussion geht weiter. Man lobt die Methode der Familienaufstellung. Man fragt, wie viele Leute im Raum ihre Familiengeschichte wohl kennen. Nicht einmal die Hälfte der Anwesenden. Gabriele Bing insistiert: Es sei wichtig, den Mut zu finden, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen, sicherlich würde man auf sehr nette Vorfahren stoßen. Doch man solle aufpassen, welchen Therapeuten man für die Familienaufstellung wähle und darauf achten, dass es sich um einen ausgebildeten Profi handle. Sonst könnte man natürlich auch sie aufsuchen – schließt sie die Diskussion mit einem Lächeln.

 

Die Veranstaltung ist zu Ende, doch einige Fragen bleiben offen. Geht es hier wirklich um ein ausschließlich deutsches Problem? Wie sieht es in der portugiesischen Gesellschaft aus? Welche Traumata der Kolonialkriege wandern wohl von Generation zu Generation? Welche Traumata haben die portugiesischen Emigrationswellen hinterlassen, die schrecklichen Wunden, die sie in Familien rissen; welche auch einfach nur die massenhafte Landflucht Mitte des letzten Jahrhunderts in die Küstenstädte?

 

Text: Helena Araújo

Übersetzung: Barbara Bichler

Mit besonderem Dank an Ismael Miquidade für die freundliche Überlassung des Fotos.

 

 

  

 
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Helena Araújo

Helena Araújo (*1963), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie studierte Wirtschaftswissenschaft an der Wirtschaftsfakultät der Universität Porto, Portugal. Seit 1989 lebt sie in Deutschland und seit 2007 in Berlin, wo sie als Übersetzerin und Fremdenführerin arbeitet. Autorin des Blogs “dois dedos de conversa” (*2004), und coAutorin des Buches “O Fio À Meada - Diálogos Imprevistos”.

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