Rodrigo Ciríaco liest seine Kurzgeschichten nicht vor, er stößt sie heraus, direkt, trotzig und impulsiv, rappt sie, mimt seine Figuren in ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, ihrem Sarkasmus. Man merkt ihm an, dass er in São Paulo meist bei Saraus, also Open-Mic-Veranstaltungen, auftritt und begreift sofort: Ciríaco Literatur ist keine intellektuell konstruierte, sondern eine performative, körperliche, kommt „aus dem Bauch“, wie er sagt. „Ich erlebe etwas, das mich nicht mehr loslässt, das mir die Eingeweide verknotet, und dann muss ich darüber schreiben.“

Rodrigo Ciríaco in A Livraria in Berlin. Foto (c) Brunela Succi.
Sein neuer Kurzgeschichtenband trägt den Titel 100 Mágoas, dessen Vielschichtigkeit Ingrid Hapke, die auf deutsch durch den Abend in der Livraria führt, mit 100 Leiden/ Ressentiment, aber auch Ohne Leiden/ Ressentiments übersetzt; denn die Worte für 100 und ohne (cem und sem) klingen auf portugiesisch gleich. Anders als Te pego lá fora (2008), seiner ersten Kurzgeschichtensammlung, in der es um Geschichten aus Ciríacos Alltag als Geschichtslehrer an einer staatlichen Schule geht, dreht sich 100 Mágoas um Probleme der Großstadt wie Rassismus, soziale Ungleichheit, Polizeigewalt, Obdachlosigkeit – äußere Konflikte, die ihn so berühren, dass sie zu inneren werden – und über ganz persönliche Konflikte, „den Kampf ich gegen die Welt, den Kampf ich gegen mich selbst, um Liebe und Krieg. Der Untertitel könnte Erinnerungen aus meiner Konfliktzone heißen.“
Texte ohne Punkt und Komma
Wie im Titel schon anklingt, hat er sich in 100 Mágoas explizit mit literaturästhetischen Fragen wie der Oralität oder Zeichensetzung beschäftigt; Slang, Elemente des Hip Hop, der traditionellen Volksliteratur literatura de cordel oder Wort- und Klangspiele machen den Sound der Geschichten aus, die Interpunktion unterstützt ihren Inhalt: „Wenn jemand etwas aus sich rauskotzt, dann ist auch der geschriebene Text ohne Punkt oder Komma, in einem Schwall.“
Die Themen, die ihn berührt haben, sollen mit diesen Mitteln andere berühren – er versteht seine Kunst als engagierte Kunst, als Möglichkeit, zu kämpfen und denjenigen eine Stimme zu verleihen, die im öffentlichen Diskurs meist überhört werden; auch wenn er „nicht weiß, ob ich das Recht dazu habe; aber ich habe die Freiheit, es zu tun.“ Grade in der periferia, also in den marginalisierten Stadtgebieten, seien die Themen aktuell, bei denen viele dachten, sie wären in den 1970ern gelöst worden.

Rodrigo Ciríaco (Mitte unten) mit dem Besitzer der Livraria Edney Pereira de Mello (unten, dritter v. Rechts) und dem Publikum. Foto (c) Brunela Succi.
Meine weibliche Seite ist lesbisch
Oft sprechen in Rodrigos Texten, die meist an ein Gegenüber, ein Du, gerichtet sind, Frauen. Aus dem Publikum kommt daraufhin die Frage, wie Rodrigo es schaffen würde, als Frau zu sprechen, er wäre doch ein Mann. „Ach, ich habe eine starke weibliche Seite, die ich auch sehr schätze“, lacht er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Sie ist lesbisch!“
Nicht nur in Rodrigos Geschichten, auch bei den Saraus und in der literatura marginal insgesamt scheinen die weiblichen Stimmen immer lauter zu werden; Rodrigo plant momentan eine Anthologie mit 48 Autoren – die Hälfte davon ist weiblich. Vor fünf bis sechs Jahren war das noch ganz anders, es gab wenige weibliche Schriftstellerinnen. Ingrid Hapke, die derzeit ihre Doktorarbeit über Literatura marginal/ periférica in São Paulo schreibt, führt das auch auf praktische Gründe zurück: „Saraus finden meist in Bars statt – und die sind eben Männerdomäne. Außerdem ist es für eine Frau dort immer noch etwas anderes, sich sichtbar zu machen, als für einen Mann: Die Aufmerksamkeit geht manchmal weniger auf den Text als auf die Person – und das kann mitunter unangenehm werden.“
Rodrigo scheint die Aufmerksamkeit auf seiner Person nicht zu stören, sondern zu nutzen. Wenn er seine Texte aus dem Gedächtnis vorträgt, bekommt sein Anliegen, von dem er immer wieder eindringlich spricht, einen Körper: Leidenschaft für die Literatur vermitteln!
Am 25.1.2012 kann das jeder bei einem Sarau, also einer Offenen Bühne, miterleben oder mit einer Performance unterstützen!
Text: Barbara Bichler
100 Mágoas wird nicht in großen Buchhandlungen verkauft, sondern in São Paulo nur in der Livraria Suburbano Convicto, in Berlin in der Livraria. Zudem ist das Buch mit staatlichen Mitteln des Ministeriums für Kultur produziert, weshalb ein Teil der Auflage an die 55 Bibliotheken São Paulos verteilt wird.
16.1.12
Kunst als Kampf - Literatur aus dem Bauch
Deutsch
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von Barbara Bichler
Barbara Bichler (*1980) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,
Portugiesisch, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache in Bonn, Lissabon und Berlin. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin. Für Berlinda schreibt und übersetzt sie.