“Nimm deine Jacke mit, ich bin doch nicht dein Träger!” Mussa, der Kommilitone aus Wismar, übergab Nikoto die Tasche.
“Pass auf, dass du nicht auch noch einsteigst. Ich weiß, du willst nicht verreisen. Es geht gleich los.” Das war Victor, ein anderer Kommilitone.
“He, und bring uns Neuigkeiten aus dem Westen mit!” Die beiden Freunde verabschiedeten sich von Nikoto.
Der Zug fuhr an und hinterließ in der Luft sein charakteristisches Pfeifen. Langsam folgen die oliv-grünen Wagen der vorausfahrenden Lokomotive.
Nikoto suchte sich einen Platz am Fenster und beobachtete die Autos, die über die neue Autobahn parallel zur Eisenbahn nach Berlin flitzten.
Er war schon eine gute Weile unterwegs, als er plötzlich eine Stimme vernahm.
“He, Neger, siehst du nicht, dass der Platz reserviert ist?”
Dösig schaute Nikoto aus dem Augenwinkel, woher die Stimme kam. Es war ein sehr großer, sehr kräftiger Mann. Er sprang auf und schaute sich um, ob der Platz wirklich reserviert war. War er nicht. Der Mann suchte nur Streit. Nikoto nahm seine Jacke und wollte aus dem Abteil gehen, doch der Mann stellte sich ihm in den Weg.
“Wo willst du denn so plötzlich hin? Siehst du nicht, dass der Platz reserviert ist?” fragte der Mann provozierend.
Nikoto bekam Angst, wusste nicht, was er tun sollte.
“Hey Meister, lass den Mann in Frieden oder du bekommst es mit mir zu tun, und das kann ich dir nicht raten”, tönte es vom Gang her.
Nikoto schielte hinaus und sah Tembe, den “Chef”.
“Was ist los? Jetzt hör’ mir mal zu, Neger, dich und hier den dürren Neger da mache ich alle beide zu Brei”, versuchte der Weiße nun auch Tembe einzuschüchtern.
“Hör’ zu, Bruder und Sportsfreund, siehst du diesen Ausweis hier?” Tembe zeigte seinen Karate-Ausweis. “Ich habe einen schwarzen Gürtel und muss Schlägereien eigentlich aus dem Weg gehen, aber wenn du darauf bestehst …”
“Was ist hier los?” fragte ein Bahnpolizist, der auf seinem Kontrollgang vorbeikam.
“Der weiße Bruder hier hätte gern Schläge, Alfred”, erläuterte Tembe dem Polizisten, den er gut kannte.
“Verschwinden Sie, falls Sie keinen Wert darauf legen, eine Nacht auf der nächsten Wache zu verbringen. Oder mein Freund Tembe erledigt das selbst. Wissen Sie, dass er einen schwarzen Gürtel in Karate hat?” fragte der Polizist spöttisch.
“Ich hab’ ihm meinen Ausweis schon gezeigt, Alfred. Vielleicht will er es wirklich wissen”, sagte Tembe.
Der Mann trollte sich.
“Ihr solltet nicht mehr allein reisen. Die Dinge haben sich verändert. Aber was tust du denn im Zug nach Berlin, Tembe? Wohnst du nicht in Bergen?” wollte Alfred, der Polizist, wissen.
Ich habe einen Freund in Schwerin besucht, und jetzt fahre ich nach Berlin, einen guten portugiesischen Wein trinken.”
“Berlin, portugiesischer Wein! Du willst doch nicht etwa ins Kapitalismus-Berlin? Soweit ich weiß, dürft ihr gar nicht über die Grenze nach drüben.”
“Es ist für einen guten Zweck. Es ist Teil unserer Kultur, portugiesischen Wein zu trinken, und da es ihn hier nicht gibt, fahren wir eben nach Drüben! Die Mauer ist gefallen, Alfred. Verbote sind im Moment außer Mode.”
“Pass auf, dass du nicht drüben bleibst”, brummte der Polizist und setzte seinen Gang fort.
“Keine Frage!” antwortete Tembe.
“Wenn du nach Westberlin fährst, können wir ja zusammen fahren”, schlug Nikoto vor und bedankte sich für die Unterstützung.
“Leider nein, ich treffe mich erst mit Freunden im Restaurant ‘Cova Africana’. Vielleicht fahre ich erst morgen rüber.
Wir sind angekommen. Pass auf dich auf!” Tembe verabschiedete sich.

Berlin Ku‘Damm.
Langsam rollte der Zug in den Bahnhof Lichtenberg ein und kam am Bahnsteig drei zum Stehen. Nikoto schaute auf die Armbanduhr.
“Das nenne ich Pünktlichkeit” murmelte er.
Aus den Lautsprechern klang eine verschnupft klingende Frauenstimme: “Achtung Reisende, auf Bahnsteig 2 bitte nicht einsteigen …” Er hörte es mehrmals hintereinander.
Als er ausgestiegen war, stellte Nikoto sich auf die Zehenspitzen und erkannte hinter den Fensterscheiben des Zuges auf Bahnsteig 2 eine Gruppe Jugendlicher mit kahl geschorenen Köpfen die irgend einen Fußball-Gesang grölten.
“Immer gut drauf, diese Fußballfreunde”, dachte er bei sich.
In diesem Moment tippte ihn jemand an. Er fuhr herum und sah ein Kind, es sah aus wie ein Zigeunerkind, das ihm die Hand entgegenstreckte. Um den Hals hatte es ein Schild aus Pappe hängen, darauf stand: “Ich habe Hunger. Bitte geben Sie mir etwas Geld für Brot.”
Es hatte sich tatsächlich einiges geändert. Das hier war neu für Nikoto. Als er dem Kind gerade fünf Mark geben wollte, bemerkte er, dass die Glatzköpfe nun keine Fußball-Hymnen mehr grölten sondern “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus …”
Nikoto stieß das Kind zur Seite und verschwand im Tunnel zu den unterirdischen Gleisen. Dort lümmelten sich ganze Familien in schmutziger Kleidung auf den Sitzbänken, als lebten sie dort. Es waren Flüchtlinge aus Rumänien.
Nikoto drängte sich an ihnen vorbei und nahm die U-Bahn in Richtung Alexanderplatz. Erleichtert atmete er auf. Er reiste zum ersten Mal nach Westberlin. Er wollte der erste sein aus seiner Wismarer Studentengruppe, der kapitalistische Luft schnupperte.
Auf dem Alexanderplatz, dem Zentrum Berlins, Hauptstadt der DDR nahm er die S-Bahn, die ihn auf die andere Seite der Stadt brachte. Es war schöner dort. Es war bunter im Vergleich zu den im sozialistischen Teil Berlins üblichen Grau- und Brauntönen. Auf den Straßen fuhren moderne Autos der verschiedensten Marken. Am Europa-Center stand eine zerstörte Kirche.

Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche. Foto (c) Paulo Palhota.
“Was ist mit dieser Kirche passiert?” fragte er eine alte Dame.
“Die ist bombardiert worden, im Krieg, junger Mann.”
Vor der Kirche führten Leute aller Hautfarben Kunststücke auf. Einige spielten Gitarre, andere tanzten, und wer zuschauen wollte, legte einfach freiwillig eine Münze in den Hut, der neben ihnen auf dem Boden stand.
Nikoto aber hatte andere Pläne. Er schlenderte von Schaufenster zu Schaufenster und schaute sich Autos an, Kleidung und all die anderen Dinge, die diese Stadt zur Schau stellte. Er kam an einem Bordell vorbei. In der Tür stand ein großer, kräftiger Schwarzer, der ohne ein Wort zu sagen, Nikoto abtastete und ihm dann bedeutete, er solle hineingehen. Nikoto gehorchte.
Drinnen tauchten bunte Lichter den Raum ein ein schummeriges Licht. Der Mann an der Bar winkte Nikoto heran. Nikoto setzte sich auf einen Barhocker und der Mann reichte ihm die Karte.
Es war keine Speisekarte, sondern Frauen waren darin abgebildet. Nikoto blätterte. Chinesinnen, Japanerinnen, Zigeunerinnen, Schwarze und viele andere. Er war unschlüssig. Die Auswahl schien groß. Er blätterte weiter, deutete dann auf eine Aborigine-Frau. Der Mann an der Bar nickte nur mit dem Kopf. Nikoto zog Geld aus seiner Tasche, zählte dem Mann fünf Banknoten zu je einhundert D-Mark auf den Tresen. Der Mann an der Bar überreichte ihm eine Flasche Champagner. So ging das also. Man kaufte eine Flasche, die dem Preis der Frau entsprach, die man ausgesucht hatte. Ein paar Augenblicke später erschien die ausgesuchte Frau und kam lächelnd auf den Mann zu, der sie bezahlt hatte. Sie nahm ihn an der Hand, und sie verschwanden zwischen den schummerigen Lichtern.
Eine ganze Zeit später taumelte Nikoto wieder zur Tür des Bordells hinaus. Er war erschöpft vom Champagner und vom Sex mit der Aborigine-Frau. In seinem angetrunkenen Zustand hatte er nicht einmal gehört, wie der Mann an der Bar gefragt hatte, warum sie so lange gebraucht hatten, und die Frau anstatt sich an seiner Stelle entschuldigt hatte. Er sei so unerfahren gewesen und so schwach.

Blick aus Berlin. Foto (c) Jakob Finke.
Nachdem er den Berliner Weg überquert hatte, hielt Nikoto an, um zu verschnaufen. Aus südlicher Richtung kam eine Horde arabisch aussehender jugendlicher auf ihn zu und zertrümmerte alles, was ihnen in den Weg kam.
“Ist heute Generalstreik oder Tag der allgemeinen Zerstörung?” fragte sich Nikoto und versuchte, zu verschwinden, um den im Laufschritt näher kommenden Randalierern nicht im Weg zu stehen.
Er hörte eine Sirene. Ein Polizeiauto kam. Ein Polizist sprang heraus, griff in brutal am Arm und zerrte ihn in den Wagen, der sofort los fuhr.
“Ich habe nichts getan. Warum nehmen Sie mich fest? Ich möchte jemandem von meiner Botschaft sprechen! Ich bin Student! Das können Sie nicht mit mir machen!” jammerte Nikoto und die Polizisten blieben stumm.
Das Polizeiauto raste in Richtung Brandenburger Tor. Es hielt an, Nikoto wurde an die Luft gesetzt, und sofort fur der Wagen weiter. Ängstlich deutete Nikoto noch ein Winken an.
“Sie haben mich nur in Sicherheit bringen wollen vor dieser wütenden Horde”, wurde ihm jetzt klar.
Durch das Brandenburger Tor kehrte Nikoto zurück in die sozialistische Hälfte Berlins, hielt ein Taxi an, ließ sich zum Bahnhof Lichtenberg fahren und nahm den nächsten Zug nach Wismar.
Heute lebt Nikoto in Australien und hat drei Kinder mit der Aborigine-Frau, die er an jenem Tag kennen gelernt hatte, im kapitalistischen Berlin, oder besser gesagt: im Westen.
Übersetzung: Michael Kegler
6.09.2011
Westberlin Wunderland - Fernando Pedro
von Fernando Pedro
Fernando Pedro Manuel wurde 1965 in Inhambane geboren. Im Alter von 18 Jahren ging er für 7 Jahre in die DDR. Dort begann er auch zu schreiben. 1998 veröffentlichte er seinen ersten Erzählband unter dem Titel Tantã, Um Tambor na Neve bei Editorial Ndjira. Im Jahr 2000 veröffentlichte er dort die Kinderbücher O Ratinho Salvador und O Coelho Malandreco und 2003, ebenfalls in Ndjira-Verlag die Erzählungen Madgermanes na RDA, Vida Cotidiana, aus dem die hier übersetzte Erzählung “Wunderland Westberlin” stammt.
Daneben war Fernando Pedro an verschiedenen Theaterprojekten beteiligt, arbeitet beim Deutschen Entwicklungsdienst in Maputo und studierte Rechtswissenschaften. Im März 2007 kam er bei der Explosion eines Munitionslagers unweit seiner Wohnung in Malhazine bei Maputo ums Leben.
Deutsch
Audio
Um den Text auf Portugiesisch zu hören, klicken Sie die portugiesische Version an.