Ein Spätnachmittag in Berlin. In einem kleinen Raum im Stadtzentrum sitzen Menschen verschiedener Herkunft gedrängt zusammen, einige stehen. Vor dem Publikum spricht ein Mann mittleren Alters, eine junge Frau neben ihm sieht ihn still und aufmerksam an.
Die Hände des Mannes sind in ständiger Bewegung, als wolle er damit das ausdrücken, was er mit seiner rauen Stimme nicht sagt.
Veranstaltungen wie diese sind von vielen anderen in der ganzen Stadt kaum zu unterscheiden. Und doch ist dieser Mann, der es in einer Berliner Buchhandlung schafft, sein Publikum zu verzaubern, für viele einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ungulani Ba Ka Khosa, ein bedeutender Vertreter der mosambikanischen und Weltliteratur, war auf Einladung der Universität Bayreuth auf Lesereise in fünf deutschen Städten unterwegs. Die Berliner Lesung fand in der A Livraria statt, der einzigen Buchhandlung der Hauptstadt, die auf portugiesischsprachige – lusophone – Literatur und Autoren spezialisiert ist.

Ungulani Ba Ka Khosa in A Livraria.
Umgeben von vollen Bücherregalen – man könnte fast sagen, in seinem natürlichen Habitat – beantwortet der Schriftsteller die Fragen des Publikums. Seine rhythmische Rede geht mal in die eine, mal in die andere Richtung, und die Geschichten sind verknüpft wie Rosenkränze von Erzählungen, schließen aneinander an oder verzweigen sich in neuen Gesprächen. Es erinnert an die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, in der in jeder Geschichte eine neue beginnt. Und so, in einem Knäuel aus Erlebnissen und Berichten erzählte er uns von der noch nicht weit zurückliegenden Kolonialvergangenheit, von der Notwendigkeit, die afrikanischen Sprachen zu bewahren, von der mosambikanischen Namensgebung und von der Rechtschreibreform im Portugiesischen.
“Schreiben ist verrückt”
Südamerikanische Schriftsteller wie Alejo Carpentier, Gabriel García Marquez und Mario Vargas Llosa waren es, die ihn zur Literatur brachten. „Die Südamerikaner haben mich dazu gebracht, die Realität auf andere Art und Weise zu schreiben.“ Abgesehen von diesen Einflüssen gehören Hemingway und Jorge Luís Borges zu seinen bevorzugten Schriftstellern. Und dass die Realität eines Schriftstellers nicht immer heiter ist, kann wohl kaum jemand besser sagen als ein mosambikanischer Autor. Die Schwierigkeit, vom Schreiben zu leben, zwingt die mosambikanischen Schriftsteller, von denen es „etwa 30 oder 50“ gibt, zwei oder mehrere andere Jobs zu verrichten. „Wir haben praktisch alle einen anderen Job. Ich war viele Jahre lang Lehrer, im Moment arbeite ich für das Kultusministerium. Das Schreiben bringt einfach nicht genug ein. Wir sind nur wenige Schriftsteller, ich, Mia [Couto], Paulina [Chiziane], Suleiman [Cassamo]. Unsere Auflagen bewegen sich normalerweise zwischen 2000 und 3000 Exemplaren, und wenn es ein Gedichtband ist, können es auch nur 500 Exemplare sein, was sehr wenig ist. Unter diesen Bedingungen zu schreiben, ist verrückt.“ Die Bücher sind schnell ausverkauft, da zudem viele zur Pflichtlektüre in den Schulen gehören, und Neuauflagen sind schwierig. Selbst der preisgekrönte Roman Ualapi, der als eines der besten afrikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts gilt, ist heute so gut wie in keiner Buchhandlung mehr zu finden.
“Sie [die mosambikanische Literatur] existiert seit weniger als 100 Jahren, und man kann die Schriftsteller fast an einer Hand abzählen. Jeder von uns, der es ein bisschen weiter schafft, ist zugleich auch Botschafter für die anderen.“
„Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels.“ Dieses Licht ist das Netz der Hochschulen, welches zurzeit 37 Einrichtungen in Mosambik umfasst, und fast 70.000 Schülern zur Verfügung steht. Dieses Netzwerk fördert nicht nur die Dezentralisierung der Lehre, sondern schafft auch gleichzeitig Bibliotheken, und trägt so zur Verbreitung der Bücher bei.

Sich erinnern
Ungulani Ba Ka Khosa verknüpft traditionelle Geschichten mit einem bewussten Umgang mit der Vergangenheit. Ualapi ist ein historischer Roman, der einen wichtigen Abschnitt des Kolonialismus behandelt, den Widerstand Gungunhanas gegen die Kolonisatoren, mit allem was dies mit sich bringt. Doch er befasst sich auch mit der neueren Geschichte.
„Als ich nach Maputo kam, war das Land in einer sehr unruhigen Lage. Mosambik hatte Sanktionen gegen Rhodesien ausgesprochen, ein mutiger Schritt. Die Schwierigkeiten wuchsen und es begann eine Zeit der Entbehrungen verschiedenster Art. Plötzlich erklärte Zimbabwe seine Unabhängigkeit und wir dachten, jetzt passiert etwas, doch ebenso plötzlich verstärkte Südafrika die Offensive auf das Land. Uns fehlte es an vielem. Ich arbeitete zu dieser Zeit im Bildungsbereich. Ich erinnere mich, dass nach dem Nkomati-Abkommen [unterzeichnet 1984, demzufolge Südafrika die mosambikanische politische Partei RENAMO, und die mosambikanische Regierung die Militanten des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), die sich in Mosambik aufhielten, nicht weiter unterstützten] Äpfel in den Schulen verteilt wurden. Kinder, die nach der Unabhängigkeit [1975] geboren worden waren, hatten noch nie einen Apfel gesehen. Das zeigt, wie groß die Entbehrungen dieser Kinder waren.“
Diese Stimmung bildet den Hintergrund für Histórias de Amor e Espanto. „Unser Umfeld war geprägt von Schwierigkeiten. Es gab Leute, die, um eine Lebensmittelkarte zu bekommen, die Behörden täuschten, um so an ein paar Kilo mehr Essen heranzukommen. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund dieser schweren Zeit. Und heutzutage erzählen wir den jüngeren Generationen, was wir erlebt haben, und wenn wir in die Supermärkte in Mosambik gehen, sind sie voll von Lebensmitteln. Ich erinnere mich noch, wie die Supermärkte früher aussahen, wenn überhaupt sah man Kakerlaken durch die Schaufenster kriechen, es gab buchstäblich nichts. Deshalb sage ich, die Literatur hat die Kraft diese Geschichten zu vermitteln, die Atmosphäre dieser sehr schwierigen Zeit, die wir erlebt haben.“
“Die traditionellen Sprachen müssen offizielle Sprachen werden”
Über die Geschichte hinaus beharrt der Schriftsteller auf der Notwendigkeit, traditionelle Kulturen zu verbreiten und zu bewahren. „Das aktuelle Bildungsprogramm sieht vor, schon in der Grundschule die verschiedenen mündlichen Traditionen zu vermitteln. Es geht dabei um einen großen Reichtum. Was zum Beispiel Sprichwörter angeht, sagt man im Süden von Mosambik, jemand ist „heimtückisch und geräuschlos wie eine Schlange“, was mehr oder weniger der universellen Verwendung entspricht. Aber im Norden, bei den Makua, sagt man: „er ist wie eine Schlange, klettert ohne Beine auf einen Baum“. Das alles ist ein reicher Schatz, der in den Unterricht gehört. Es sind Werte, die in die Bildung miteinfließen müssen.” Und das führt, so der Autor, zu der sprachlichen Frage.
„In Mosambik gibt es 23 verschiedene Sprachgruppen. Wir alle haben eine Muttersprache, aber nur wenige können in dieser Sprache schreiben und lesen. Diese Sprachen wurden stark verdrängt. Die wenigen, die sie lesen und schreiben können, haben sie über die evangelische Kirche gelernt, die die Bibel übersetzt und einige (wenige) Leute, in sehr begrenzten Gebieten, in den Nationalsprachen alphabetisiert hat. Das verwendete Alphabet war das englische, mit dem K und dem W“, so dass beispielsweise der Autor selbst seinen Namen immer mit K schrieb, welches es im portugiesischen Alphabet nicht gibt. „Aber mit dem Vergleich der Kolonialregierung gab es Verbote, die Leute durften diese Sprachen nicht mehr sprechen.“ Dies verurteilte eine ganze Generation zu einem zeitraubenden Lernprozess, weil der normale Unterricht in den Schulen in der Fremdsprache Portugiesisch stattfand. „Die Generation meiner Eltern hat die Grundschule acht bis zehn Jahre lang besucht.“
Inzwischen ist Portugiesisch schon als Umgangssprache assimiliert, abgesehen von ihrem offiziellen Status. „Die portugiesische Sprache ist schon unser Eigentum“. Auf der anderen Seite, beim Schreiben in den traditionellen Sprachen, ist der Weg noch weit.
„Es gibt zwei oder drei Schriftsteller, die sich getraut haben auf Changana zu schreiben, einer hat es auf Makua versucht, aber die Verbreitung ist sehr, sehr schwierig. In Afrika gibt es sehr viele Schriftsteller aus ehemaligen englischen Kolonien, die auf Zulu und anderen traditionellen Sprachen schreiben, weil ihre ganze Bildung in dieser Sprache ablief. In unserem Fall gibt es das nicht. Es ist relativ schwierig, ihren Gebrauch offiziell zu machen. Die Eduardo-Mondlane-Universität zum Beispiel hat Studienabschlüsse in Changana- und Makua-Sprache angeboten. Aber so unglaublich es auch erscheint, haben es diese Absolventen sehr schwer, Arbeit zu finden.“
“Diese Sprachen sind keine offiziellen Sprachen, wie es Zulu und andere sind. Beim Schreiben bemühe ich mich, diese Werte in das Portugiesische einfließen zu lassen und die Sprache zu bereichern. Aber unsere Zukunft liegt in der Anerkennung dieser Sprachen. Wir müssen den traditionellen Sprachen einen offiziellen Status geben. Jede einzelne von ihnen muss offiziell sein, um weiterzubestehen.“
„Dafür muss sehr, sehr viel investiert werden. Es hat gerade angefangen und wir sind auf dem Weg, aber ich denke es wird noch zwei oder drei Generationen dauern.“

Die Kolonialvergangenheit im Namen
In einem Land, das erst vor 36 Jahren unabhängig wurde, spiegeln selbst die kleinen Dinge die neuere Geschichte wider. Die Namen zum Beispiel. Bis 1975 war es Pflicht, einen Namen in der offiziellen Sprache, Portugiesisch, zu wählen. Da die große Mehrheit der Bevölkerung eine Muttersprache afrikanischen Ursprungs hatte, war es üblich einen offiziellen Namen zu haben, der zur Identifizierung diente, und einen echten Namen, in traditioneller Sprache. „Mein offizieller Name ist Francisco, Ungulani Ba Ka Khosa ist mein traditioneller Name. In Südmosambik gibt es viele Khosa, es ist wie Paco in Spanien, Silva in Portugal oder Müller in Deutschland. An jeder Ecke gibt es einen Khosa. Übersetzt bedeutet mein Name: „die Khosa dezimieren, von denen es viele gibt“.
So habe ich quasi die Rolle eines Unsterblichen, ich muss die Khosa niedermetzeln!“ erklärt der Schriftsteller lachend.
Heutzutage kann man sich bei der Wahl des offiziellen Namens die Sprache aussuchen, die man will.
Seltsamerweise findet man in Sambesien, einer reichen mosambikanischen Provinz am Sambesi-Fluß, selten Namen in traditionellen Sprachen. „Viele Generationen lang war die koloniale Präsenz in Sambesien sehr stark. Während sich die koloniale Präsenz im Süden des Landes erst später bemerkbar machte – Gungunhana zum Beispiel stürzte 1894/1895 – gab es in Sambesien schon seit dem 17. Jahrhundert eine starke koloniale Prägung. Deshalb ist jemand, der ins Hinterland von Mosambik reist, nach Sambesien oder in die Tete-Provinz, ziemlich verblüfft darüber, dass die Bauern untereinander perfekt Portugiesisch sprechen, während dies im Süden ein vergleichsweise neues Phänomen ist. Und die Namen spiegeln diese Geschichte wider.“
Bei einer Erhebung der Namen in den Regionen Sofala und Sambesien stieß der Autor auf Namen wie: João Trinta e Nove Quarenta (Johannes Neunundreißig Vierzig), António Redondo Triste (Anton Rund Traurig), António Segunda Feira Está Mal (Anton Am Montag Geht Es Ihm Schlecht), und sogar kleinere Beleidigungen. „Es gibt diese Namen, die von der Gutwilligkeit des Verwalters abhingen. Erwachte ein Arbeiter beispielsweise schlecht gelaunt, sagte der Verwalter: „das ist Anton Schlechtgelaunt, unterschreib das!“ [lacht]. Wir sind erst seit 36 Jahren unabhängig, und unsere Namen spiegeln eben oftmals unsere koloniale Vergangenheit wider.“
Die Rechtschreibreform begünstigt die Verbreitung von Büchern
Ungulani Ba Ka Khosa verteidigt die Rechtschreibreform des Portugiesischen. „Sie wird uns helfen. Ich bin für die Reform. Im Hinblick auf die Schreibweise wird mehr Zirkulation möglich sein. Natürlich werden viele noch weiter so schreiben wie bisher, aber das wird sich ändern.“ Er entschärft die vorhandene Angst, besonders in Portugal, dass die Rechtschreibreform der Sprache ihren Charakter nehmen wird: „Ich habe schon 1973 eine Rechtschreibreform mitgemacht. Viele wissen es nicht, aber davor schrieb man z.B. “somente“ („nur“) mit Gravis. Und heute, nach dieser Reform, bin ich immer noch am Leben“, scherzt der Autor. Schon 1911 hatte es im Zuge der Einführung der Republik in Portugal verschiedene Reformen gegeben, darunter auch eine Rechtschreibreform. Diese wurde beschlossen, ohne Brasilien hinzuzuziehen, was dazu führte, dass sich die Schreibweisen in den beiden Ländern voneinander entfernten. Diese Unterschiede sollen mit der aktuellen Reform ausgeglichen werden.“ Vor der Reform [von 1911] schrieb man „abismo“ („Tiefe, Abgrund“) mit y. Der große portugiesische Schriftsteller Teixeira de Pascoaes, ein heftiger Kritiker der Rechtschreibreform, sagte: „Ich kann abismo nicht mit i schreiben, denn das y [mit seinen zwei geneigten Seitenlinien] zeigt und beschreibt den wahren Abgrund.“ Das Beispiel zeigt, wie altmodisch diese Sorge auf nachfolgende Generationen wirkt.
“Die Reform ist ein Arbeitswerkzeug, und als Arbeitswerkzeug muss sie auch erneuert werden. Als die ersten Computer auftauchten, sagten viele Leute, auch ich: Ich werde nicht auf Computern schreiben. Und jetzt, Jahre später, kann ich gar nicht mehr anders schreiben, ich könnte nicht mehr mit einer Schreibmaschine arbeiten.“
Der Gebrauch des Standardportugiesischen, aus Portugal, beschränkt die Veröffentlichung von Büchern auf mosambikanische oder portugiesische Verlage. In mosambikanischen Verlagen wird heute der meiste Umsatz mit Schulbüchern gemacht, die kostenlos in den Schulen verteilt werden. Das bedeutet, dass die wenigen Verlage untereinander darum kämpfen, wer den Zuschlag vom Staat bekommt, denn wer die Bücher herausgeben darf, kassiert eine ordentliche Summe. „Das große Geschäft dieser Verlage sind also die Schulbücher. Dass sie ein Buch von mir, oder einem anderen mosambikanischen Schriftsteller veröffentlichen, passiert hin und wieder, aber besondere Begeisterung dafür zeigen sie nicht. Für die Verleger ist es ein Risiko, das sie nicht eingehen möchten.“
„Mit der Rechtschreibreform können auf einmal brasilianische Verlage unsere Bücher veröffentlichen. Und in Brasilien gibt es so viele Verlage! Die Macher der Reform, Portugal und Brasilien, streiten sich darum wer gewinnt, und wir [die mosambikanischen Schriftsteller] warten einfach darauf, dass unsere Bücher herausgegeben werden.“

Ungulani Ba Ka Khosa, offiziell Francisco Esaú Cossa, studierte Geschichte und Geographie, bevor er Lehrer wurde. Seine ersten literarischen Werke waren Kurzgeschichten. 1987 veröffentlichte er den historischen Roman „Ualapi“, über die koloniale Vergangenheit Mosambiks, verkörpert von Gungunhana, dem letzten König von Gaza, der sich im 20. Jahrhundert gegen die portugiesische Kolonisierung auflehnte und nach seinem Sturz auf die Azoren verbannt wurde. Ungulani Ba Ka Khosa schrieb außerdem “Orgia dos Loucos“ (1990), “Histórias de Amor e Espanto” (1999), “No Reino dos Abutres” (2002), “Os sobreviventes da noite” (2007), das ihm den José-Craveirinha-Literaturpreis einbrachte, und “Choriro” (2009). Der Roman “Ualapi” gewann 1990 den Großen Erzählpreis von Mosambik und 1994 den Nationalen Literaturpreis, und gilt als eines der besten afrikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts.
Fotos: A Livraria
Text von Ines Thomas Almeida.
Mit besonderem Dank an Johannes Reiss für die Übersetzung ins Deutsche.
3.08.2011
von BERLINDA
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Der Meister aus Mosambik: ein Gespräch mit Ungulani Ba Ka Khosa
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