von BERLINDA
Berlinda.org ist eine Online Zeitschrift, die sich mit den kulturellen Interaktionen zwischen Berlin und der Portugiesisch sprechenden Welt beschäftigt und sich dabei besonders auf die Betrachtung des aktuellen kulturellen Lebens aus der jeweils anderen Perspektive konzentriert.
Berlinda.org soll zum einen an der portugiesischsprachigen Kultur interessierte Berliner ansprechen, als auch das kulturelle Leben Berlins den Portugiesisch sprechenden Menschen näher bringen. Dadurch wird es zum dialektischen Kulturmagazin, für Berlin Besucher und Einwohner, für Zugezogene und Einheimische, Deutsche und Ausländer, und für alle, die der kulturelle Austausch zwischen Berlin und der portugiesischen Welt interessiert.
Berlinda.org entdeckt die Stadt aus der Perspektive des Anderen, der Deutsche, Portugiese, Brasilianer, Angolaner, Mosambikaner, Kapverdier, São-Toméer, Guinea-Bissauer oder Timorese sein kann. Es zeigt die Stadt von innen, berichtet von der Mischung, die man dort jeden Tag erlebt, und hebt gleichzeitig einheimische Aspekte vor, die für Besucher aber auch der Einwohner interessant sind.
Berlinda.org interessiert sich neben der Schaffung einer Plattform für die künstlerischen Schöpfungen und kulturelle Phänomene beider Welten stets für die subjektive Betrachtung dieser Aspekte aus der jeweils anderen Perspektive, und vor allem für die Reflexion über die entstehende Wechselwirkung und gegenseitige Beeinflussung.
Berlinda.org ist ein Magazin der Entdeckung, eine Brücke zwischen diesen Welten.
Ein Ort für verschiedene Kulturen, aus dem Blickwinkel des Anderen.
Inwieweit der Erfolg eines Autors ein Hinweis auf die literarische Qualität seiner Werke ist, ist nicht leicht zu beantworten. Auch wenn es stimmt, dass es fast nie die Meisterwerke sind, die als erstes ein großes Publikum erreichen, und sehr viele gute Schriftsteller darum kämpfen müssen, veröffentlicht zu werden, so wurde doch Truman Capote als Filmstar in den Vereinigten Staaten verehrt, erfreute sich Jorge Amado enormer Beliebtheit und war Érico Veríssimo der meistverkaufte Autor seiner Zeit in Brasilien.
Gewiss ist, dass der Erfolg Bewunderer und Kritiker beinahe zu gleichen Teilen mit sich bringt. Letícia Wierz, brasilianische Schriftstellerin mit polnischen Wurzeln, kennt beide Seiten der Medaille. Mit bereits 17 Buchveröffentlichungen – sechs Kinderbücher und elf Romane, darunter das bekannte A Casa das Sete Mulheres [dt. Das Haus der Sieben Frauen, übers.: Stefanie Karg, Blanvalet, Limes], das als Grundlage für die gleichnamige Serie des brasilianischen Fernsehnetzwerks Rede Globo diente – hat die 39 Jahre alte Schriftstellerin im Laufe der Zeit gelernt, die Kritik mit dem nötigen Abstand zu betrachten: „Ich wurde schon oft gelobt und kritisiert, und ich kann mittlerweile gut damit umgehen“, sagte sie in einer Literaturlesung in der Brasilianischen Botschaft am vergangenen Donnerstag, dem 29. Oktober, die von der Professorin Lígia Chiappini vom Lateinamerikanischen Institut der Freien Universität Berlin moderiert wurde.

Letícia Wierz (links) und Prof. Lígia Chiappini (rechts) bei der Lesung in der Brasilianischen Botschaft.
Zum Schreiben kam sie fast per Zufall, während sie an einer eigenen Modekollektion arbeitete, was ihr für einige Zeit das Gefühl gab, ihre kreativen Impulse befriedigen zu können. „Ich habe mein Leben lang nach einer Möglichkeit gesucht, mich auszudrücken, bis ich den kreativen Prozess als den Weg dahin erkannt habe. Ich war schon als Kind sehr kreativ, ich habe mit den Nachbarn auf der Straße Theaterstücke gemacht, und ich las für mein Leben gerne. Ich habe versucht herauszufinden, was ich machen wollte, und dabei mehr und mehr ausgeschlossen, bis ich das literarische Schaffen entdeckt habe.“ Bevor sie ihre eigene Modedesignfirma gründete, unternahm sie einen kurzen Abstecher in die Architektur. Eines Tages, nach Beendigung ihres Tagwerks, als sie sehr lange auf jemanden warten musste, der zu einer Verabredung viel zu spät erschien, begann sie zu schreiben und hörte nicht mehr auf. „Ich empfand ein Gefühl völliger Befreiung. Zum Schreiben braucht man nichts, nur ein Blatt Papier. Ich war beeindruckt von der Freiheit, den unendlichen kreativen Möglichkeiten. Von da an blieb ich jeden Tag ein bisschen länger in meinem Studio um zu schreiben, bis ich merkte, dass ich tatsächlich des Schreibens wegen dahin ging, und nicht mehr, um zu arbeiten.“ Ihr erster Roman O Anjo e o Resto de Nós wurde 1998 im Rahmen einer Ausschreibung der Stadtverwaltung von Porto Alegre veröffentlicht, bei der Werke von unveröffentlichten Autoren ausgewählt und prämiert wurden. „Auch wenn es nicht so viel kostet, ein Buch zu veröffentlichen, wollte ich mein erstes Buch auf diesem offiziellen Weg herausbringen, weil ich wollte, dass die Leser mein Buch in den Buchhandlungen finden können, anstatt es in Eigenedition zu veröffentlichen, wobei alle Freunde ein Exemplar bekommen und dann niemand mehr etwas davon hört. Ich wollte eine richtige Schriftstellerin sein.“
Der Ehrgeiz und die Begeisterung fürs Schreiben trugen rasch Früchte: ein Jahr später erschienen A Prata do Tempo und Eu@teamo.com.br. Letzteres ist nichts anderes als die Zusammenstellung verschiedener E-Mails, die zwischen der Schriftstellerin und ihrem Mann Marcelo Pires, den sie im Internet kennenlernte, hin- und her gingen, von der ersten versendeten E-Mail bis zur Entscheidung für die Hochzeit: „Jemand der meinen ersten Roman sehr gelobt hat, war Martha Medeiros [eine bekannte brasilianische Schriftstellerin und Journalistin], die ich zu der Zeit noch nicht persönlich kannte. Sie war sehr gut mit Marcelo befreundet, und hat ihm das Buch gezeigt. Eines Tages bekam ich eine E-Mail – es war die erste Mail die ich von einem Leser bekam, und ihn habe ich geheiratet“, sagt die Schriftstellerin aus Porto Alegre lachend.

Einige der vielen Romane Letícia Wierzs.
„Érico Veríssimo und Jorge Amado bewundere ich sehr. Ich bin Autodidaktin, im Grunde bin ich eine Leserin. Ich habe sehr viel gelesen, von klein auf, ich las alles was ich wollte, ohne dass mich jemand darin beeinflusst hätte. Ich glaube dass ich diesen beiden Schriftstellern sehr ähnlich bin, wenn es darum geht, Figuren zu entwickeln. Die moderne Literatur aus Brasilien leidet an einer gewissen Anämie. Alle reden die ganze Zeit nur von den Problemen der Menschen in den großen Städten, und das ist nur Nabelschau. Ich sehe mich als eine Geschichtenerzählerin, wie es Érico Veríssimo und Jorge Amado waren, und darauf bin ich sehr stolz.“ Diese Geschichten fielen in ihrem ersten Bestseller A Casa das Sete Mulheres auf fruchtbaren Boden. 2003 veröffentlicht, hielt er sich dank der Verfilmung fürs Fernsehen 14 Wochen lang an der Spitze der meistverkauften Bücher in Brasilien. Die Idee ist originell: Er erzählt die Farrapen-Revolution im Bundesstaat Rio Grande du Sul [Ein Konflikt, in dem sich von 1835 bis 1845 kaiserliche Truppen Brasiliens und Revolutionäre gegenüberstanden. Diese, Farrapen genannt, forderten die Unabhängigkeit des brasilianischen Südens] aus der Sicht der Frauen der Familie des Revolutionsführers Bento Gonçalves, die zurückgezogen in ein Haus gemeinsam darauf warteten, dass der Krieg ein Ende nähme.
“Als ich diesen Roman schrieb, wollte ich etwas behandeln, was jeder kennt, vor allem im Süden Brasiliens, aber von einem anderen Blickwinkel aus, nämlich von einem weiblichen, zur Zeit des Krieges. Die Erzählerin heißt Manuela, sie ist die Nichte des Generals Bento Gonçalves. Sie war eine sehr schöne Frau und entstammte einer der einflussreichsten Familien des Südens. Sie verliebt sich in Giuseppe Garibaldi [den großen italienischen Revolutionsführer, der Italien wiedervereinte], der, als er nach Südbrasilien kam, um an der Seite der Farrapen zu kämpfen, noch keine historisch wichtige Persönlichkeit war, er war einfach nur ein italienischer Flüchtling, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt war.“ Garibaldi, der vor allem Seemann war, hilft den brasilianischen Revolutionären, Boote zu bauen, mithilfe derer sie Zugang zum Meer und die Kontrolle über die Lagune Lagoa dos Patos bekommen. Manuela verliebt sich in ihn, doch Garibaldi heiratet schließlich seine Frau Anita. Er verlässt danach den Krieg, der sowieso schon verloren war, und geht nach Uruguay. Manuela bleibt nur eine Nebenfigur in seinem Leben. „Dieses Buch betrachtet die Dinge aus einer anderen Perspektive: Hier ist Manuela die Hauptperson, während sie im großen geschichtlichen Kontext überhaupt keine Rolle spielt.“ Die Nichte von Bento Gonçalves erholte sich nie ganz von dieser unerwiderten Liebe und wurde Jahre später verrückt. Sie wurde bekannt als „Garibaldis Braut“, ganz in Weiß gekleidet, am Fenster sitzend und auf Garibaldis Rückkehr wartend. Dieser Stoff wurde von Letícia Wierzchowski in dem Roman O Farol do Pampa (2004) wieder aufgegriffen.

Letícia Wierz beim Autogramme schreiben.
Neben Geschichtsthemen sind die polnischen Wurzeln der Schriftstellerin wiederkehrende Motive in ihren Werken. Sie wurden in den drei Romanen Cristal Polonês (2003), Uma Ponte Para Terebin (2005) und Os Getka (2010) behandelt.
„Als ich klein war, habe ich einige Zeit bei meinem polnischen Großvater gelebt, was mich sehr geprägt hat. Mein Großvater wanderte 1936 nach Brasilien aus, drei Jahre vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Später kehrte er nach Europa zurück und kämpfte mit den Alliierten in der ersten polnischen Panzerdivision. Als der Krieg zu Ende ging, blieb er noch einige Zeit in London in Garnison, konnte aber nicht zurück nach Polen, das schon sowjetisch war, und traf so seine Eltern erst nach 35 Jahren wieder. Nach dem Ende des Krieges ging er in den Süden Brasiliens, und dort wurde meine Mutter geboren.“
„Mein Großvater hatte großes Heimweh nach Polen. Bei ihm zu Hause wurde nur Polnisch gesprochen, er war streng katholisch, man achtete den polnischen Kalender und seine Feiertage, man aß Piroggen… Jedes Mal, wenn ein polnisches Schiff im Hafen von Porto Alegre festmachte, kaufte mein Großvater die ganze Ladung, egal was und wie viel es war, und brachte sie nach Hause. Er half vielen polnischen Auswanderern, nach Brasilien zu kommen. Nach dem Krieg gab es viele Soldaten denen nichts geblieben war, und mein Großvater gab ihnen Arbeit in seiner Firma. Mir blieb das Haus, mein Großvater blieb in meinem Kopf, und ich wollte immer einen Roman über ihn schreiben.“
Dieser Traum erfüllte sich mit Uma Ponte Para Terebin. Im neusten Roman Os Getka bilden die polnischen Wurzeln mehr den Rahmen, als sich in der Handlung wiederzufinden: „Es ist die Geschichte eines Schriftstellers, der eine kreative Blockade erlebt und anfängt, sein Leben wieder zu durchdenken und sich zu erinnern, an die Sommer seiner Kindheit in einem Haus am Meer und an seine frühere Liebe.“
Letícia Wierz hat sich mit sechs Veröffentlichungen auch in der Kinderliteratur einen Namen gemacht. „Ich habe angefangen, für Kinder zu schreiben, als mein erster Sohn geboren wurde. Wenn man kleine Kinder hat, kehrt die Kindheit zu einem zurück, und es ist natürlich, dass man darüber schreiben will. Heute sind meine beiden Söhne 3 und 10 Jahre alt. Ich schreibe sehr gerne für Kinder.“
Ihr nächstes Werk wird dann auch ein Buch für Kinder sein, mit dem Titel O Menino e Seu Irmão, mit der Besonderheit, dass die Abbildungen von der Autorin selbst gestickt und dann abfotografiert wurden. Darüber hinaus hat sie gerade zusammen mit Tabajara Ruas die Bearbeitung fürs Kino der Trilogie O Tempo e o Vento von Érico Veríssimo abgeschlossen, die 2012 verfilmt werden soll.
Über diese kreative Frau, die mit 39 Jahren, zwei Söhnen, 17 veröffentlichten Büchern und vielen Projekten ihren Weg im Schreiben gefunden hat, kann man eines sagen: sie ist gekommen um zu bleiben.
Text: Ines Thomas Almeida
Mit besonderem Dank an Johannes Reiss für die Übersetzung ins Deutsche.
05.10.2011
Die Geschichtenerzählerin: Letícia Wierz
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